Rezension (4/5*) zu Terra di Sicilia. Die Rückkehr des Patriarchen von Mario Giordano

Irisblatt

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15. April 2022
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Ein abenteuerliches Leben zwischen Sizilien und München

Mario Giordano erzählt in „Terra di Sicilia“ die größtenteils fiktive Geschichte seines Urgroßvaters Barnaba Carbonaro, der Ende des 19. Jahrhunderts unter ärmlichen Bedingungen in Sizilien als Sohn eines Priesters und einer Wunderheilerin aufwächst. Bereits als Kind schuftet er auf den Orangenplantagen, lernt den in Sizilien arbeitenden deutschen Baron von Gloeden kennen, der Aktfotografien von sizilianischen Jungen im antiken Stil anfertigt. Auch Barnaba lässt sich fotografieren und verdient dadurch ein wenig zusätzliches Geld. Der Kontakt zum Baron weckt in Barnaba die Sehnsucht nach Deutschland und lässt in ihm schon früh den Wunsch keimen, reich und erfolgreich zu werden. Mit einem außergewöhnlichen Talent für Zahlen, Zielstrebigkeit und neuen Ideen errichtet Barnaba zwischen Sizilien und München ein erfolgreiches Mandarinenimperium. Seine angeborene „Glückshaut“ schützt ihn nicht vor Rückschlägen und Niederlagen, lässt ihn aber immer wieder aufstehen, eröffnet neue Perspektiven und so mancher Schicksalsschlag erweist sich nachträglich als glückliche Fügung. Barnaba weiß Gelegenheiten zu erkennen und zu seinem Vorteil zu nutzen.
Sein äußerst abenteuerliches Leben wird auf zwei Zeitebenen geschildert. Eine erzählt seine turbulente Vergangenheit überwiegend in Sizilien, aber auch immer wieder in München. Auf der zweiten Erzählebene begleiten wir den alten Patriarchen Barnaba auf seinem Weg nach München, wo er noch einige Dinge in seinem Leben regeln möchte.
Mario Giordanos Schreibstil ist leichtfüßig, manchmal mit einem Hang zur bildhaften Übertreibung. Vor allem die Beschreibungen sizilianischer Köstlichkeiten sowie der Duft und Geschmack von Orangen und Mandarinen sind so oppulent und sinnlich, dass ich den Geruch in der Nase und den Geschmack auf der Zunge hatte. Manches lässt sich mit einem Augenzwinkern lesen und gerade bei den ausschweifend geschilderten Passagen blitzt ein feiner Humor durch. Mir hat es Spaß gemacht, dieser Geschichte zu folgen, die zugleich abenteuerlich ist, aber auch zahlreiche historische Bezüge herstellt. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden nachdrücklich gespiegelt, die herausragende Bedeutung der Familie in Italien durchzieht das gesamte Buch. Auch gibt es viel Interessantes über den Zitrusanbau zu erfahren.
Das Auseinanderhalten der einzelnen Mitglieder von Barnabas großer sizilianischer Familie erfordert zu Beginn einige Konzentration, aber schon bald lassen sich die wichtigsten Protagonist:innen problemlos zuordnen. Immer wieder lässt der Autor Totengeister erscheinen. Ich mag Geister in der Literatur; sie waren für mich Teil eines Spannungsbogens, die Kommunikation mit ihnen regelmäßig Anlass für Erheiterung. Auch das ein oder andere mythische Element verwebt Giordano in seine Geschichte. „Terra di Sicilia“ ist ein farbenfrohes, unterhaltsames Familienepos, leicht und doch mit Tiefgang. Giordano hat angekündigt in seinem nächsten Roman über die Frauen der Familie Carbonaro zu schreiben, eine Fortsetzung, auf die ich mich bereits jetzt freue.

 
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