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Rezension Rezension (4/5*) zu Stadt aus Glas von Paul Auster.

Dieses Thema im Forum "Krimis & Thriller" wurde erstellt von MRO1975, 10. September 2018.

  1. MRO1975

    MRO1975 Mitglied

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    Stadt aus Glas - (K)ein Detektivroman


    Stadt aus Glas ist nur vorgeblich ein Detektivroman. Die Geschichte enthält zwar typische Elemente eines Detektivromans (Detektiv, Verbrechen, Rätsel). Die einzelnen Fakten fügen sich am Ende aber nicht wie erwartet zusammen.

    Zum Inhalt: Der Protagonist Daniel Quinn war früher Dichter und Essayist. Nach dem Tod seiner Frau und seines Sohnes steckt er auch in einer beruflichen Krise. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, weicht er darauf aus, Detektivromane zu schreiben, die er unter Pseudonym veröffentlicht.

    Eines Nachts bekommt er einen seltsamen Anruf. Der Anrufer fragt nach einem Detektiv Paul Auster. Quinn wimmelt den Anrufer zunächst ab. Beim dritten Anruf gibt er dagegen vor, der verlangte Paul Auster zu sein. Er trifft sich mit dem Anrufer Peter Stillmann. Dieser ist ein junger Mann, der ihm erzählt, dass er als Kleinstkind von seinem Vater viele Jahre im Dunkeln eingesperrt worden war. Der Vater wollte offenbar herausfinden, welche Sprache Peter entwickeln würde, wenn er mit niemandem Kontakt hat. Die Isolation dauert 9 Jahre. Als der Vater erkennt, dass sein Experiment gescheitert ist, verbrennt er seine Aufzeichnungen und löst einen Brand aus. Dies führt zur Entdeckung und Befreiung von Peter.

    Der Vater wird verurteilt und kommt ins Gefängnis. Zum Zeitpunkt der Romanhandlung steht seine Entlassung bevor. Peter und seine Frau glauben, dass der Vater sich an seinem Sohn rächen will. Sie beauftragen daher Quinn, den sie für den Detektiv Paul Auster halten, den Vater zu beschatten. Quinn erwartet den Vater am Bahnhof. Es kommen allerdings zwei Personen an, die wie der Vater aussehen. Quinn weiß nicht, welcher der echte Vater ist. „Quinn erstarrte. Er konnte nun nichts mehr tun, was nicht ein Fehler war. Jede Wahl, die er traf - und wählen musste er - war rein willkürlich, eine Kapitulation vor dem Zufall. Die Ungewissheit würde ihn bis zuletzt verfolgen.“

    Quinn entscheidet sich, dem verwahrlosten und nicht dem wohlhabenden alten Stillman zu folgen. Der Alte streift offenbar ziellos durch sein Viertel und sammelt verlorene Gegenstände auf. Nach ein paar Tagen ist Quinn gelangweilt und desillusioniert. Er will nicht akzeptieren, dass sein Tun sinnlos ist. Er fängt an, die Spaziergänge des Alten auf eine Karte zu übertragen und glaubt in den Routen eine geheime Botschaft zu entdecken. Er beschließt den Alten anzusprechen. Dabei erfährt er von dessen Mission, eine neue Sprache zu entwickeln. Nach dem dritten Gespräch verschwindet der Alte.

    Quinn ist von sich enttäuscht und schuldbewußt. Er macht sich auf die Suche nach Paul Auster, dem Detektiv, da er sich von ihm Hilfe verspricht. Es stellt sich heraus, dass Paul Auster zwar existiert. Allerdings ist er ein erfolgreicher Schriftsteller, der offenbar das Leben führt, das auch Quinn sich wohl gewünscht hätte.

    Quinn handelt immer irrationaler. Er verkommt bei der Überwachung der Wohnung der Eheleute Stillmann zum Penner. Schließlich verliert er alles.

    Meine Interpretation: Der Roman dreht sich um Sinnsuche, Schicksal und Zufall. „nichts ist wirklich außer dem Zufall.“ So verliert für Quinn das Leben zum ersten Mal nach dem Tod seiner Familie den Sinn. Durch die Übernahme des Auftrags, Peter Stillman zu beschützen, eröffnet sich für Quinn die Möglichkeit, seinem Leben einen neuen Sinn zu geben. Er scheitert allerdings. Zum einen ist nicht sicher, ob er den richtigen alten Stillman überwacht. Er musste in der Szene am Bahnhof erneut vor dem Zufall kapitulieren. Zum anderen scheint der überwachte Stillmann einfach nur ein verwirrter alter Mann zu sein. Quinn kann aber nicht akzeptieren, dass alle seine Mühen sinnlos waren und versucht, in die Spaziergänge des Alten krampfhaft eine Nachricht hineinzuinterpretieren. Als der alte Stillman und damit jeglicher Sinn der Suche endgültig verschwinden, bricht Quinn völlig zusammen. Letztlich hat ihn die Sinnsuche also das Leben und/oder den Verstand gekostet. Oder man sieht es umgekehr: ohne Sinn kein Leben.

    Fazit: Das Buch ist gut geschrieben. Auster hat einen eingängigen Stil. Die präsentierten Puzzelstückchen laden anfangs zum Miträtseln ein. Irgendwann verliert sich allerdings dieser Sog. Da sich am Ende nichts zusammenfindet, bleibt der Leser erst einmal ratlos zurück. Ich meine, dass dies genau das ist, worauf es Auster ankam. Der Leser erfährt selbst, wie es ist, nach einem Sinn zu suchen und zu scheitern.

    Darüber hinaus gibt es sicherlich noch eine Vielzahl anderer möglicher Interpretationen. Das Buch läd also zum Grübeln ein.

    Außerdem schneidet der Roman eine Vielzahl interessanter Themen an. Mir gefiel bspw. der geschichtliche Hintergrund zu dem Kaspar Hauser Experiment und das leicht verwirrende Spiel mit Identitäten. Ingesamt daher sehr lesenswert; man muss sich aber darauf einlassen, keine einfache Lösung zu bekommen.


    von: Wolfgang Herrndorf
    von: J.R.R. Tolkien
    von: Ian McEwan
     
    #1 MRO1975, 10. September 2018
    Zuletzt bearbeitet: 10. September 2018
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