Rezension (4/5*) zu So tun, als ob es regnet von Iris Wolff

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29. März 2022
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Mainz
Buchinformationen und Rezensionen zu So tun, als ob es regnet von Iris Wolff
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Voller Poesie

So tun als ob es regnet" ist der erste Roman aus der Feder von Iris Wolff, den ich gelesen habe. Es handelt sich um einen Roman, der aus vier Erzählungen besteht, die kunstvoll miteinander verwoben werden. So entsteht auf nicht einmal 200 Seiten ein Gesamtbild einer aus Südböhmen stammenden Familie über vier Generationen und ein Jahrhundert hinweg. Jede Erzählung ist einem spezifischen Lebensentwurf gewidmet, jedoch durchziehen jede dieser vier Erzählungen allgemein menschliche Themen wie das Zusammenspiel von Freiheit und Anpassung, der Zufall wie auch der freie Wille. Dieses grundlegende Erzählprinzip hat mir sehr gut gefallen.

Im Mittelpunkt der ersten Erzählung steht der Lebensentwurf Jacobs. Er dient als Soldat im Krieg und erlebt einerseits die Sinnlosigkeit des Kriegs, andererseits aber auch den Einbruch von Hoffnungsschimmern. Nicht nur gibt sich auch bei einem Soldaten der "gegnerischen" Seite mitunter etwas Menschliches zu erkennen, das man miteinander teilt, und das diesen gegebenenfalls vor dem sicheren Tod durch eine Kugel bewahren kann. Auch die Liebe kann selbst im Krieg eine Quelle der Hoffnung und Zuversicht sein.

In der zweiten Erzählung geht es um Henriette und ihre Lebenssituation. Während sie sich mit Fragen beschäftigt, was den "Richtigen" ausmacht und wie dieser ins eigene Leben tritt, begegnet sie plötzlich einer Frau, von der sie im Rahmen eines Tauschgeschäftes einen besonderen Ring erhält.

Nach einem weiteren Zeitsprung zur Zeit rund um die Mondlandung beschäftigt sich Vicco mit zukünftigen neuen Möglichkeiten. Von den technischen Möglichkeiten der Mondlandung und den neuen dadurch ermöglichten Einblicken ist er sehr fasziniert und fragt sich, ob die aktuelle Partnerin an seiner Seite auch für ihn zukünftig neue Optionen mit sich bringen wird.

Abschließend geht es um Hedda. Thematisch stehen hier Fragen nach dem Zusammenhang von Identität und Heimat stark im Vordergrund. Ein von der Großmutter geerbter Ring ist für sie von besonderer Bedeutung, ebenso die Beobachtung, wie ein Fischerboot verschwindet.

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, da ich denke, dass es wichtig ist, potentiellen LeserInnen die Möglichkeit zu geben, Zusammenhänge - auch zwischen den Erzählungen - selbst zu erschließen. Ich kann versichern, dass die Bedeutung des Titels dabei in jedem Fall deutlich wird.

Insgesamt konnte mich das Buch überzeugen, auch wenn ich bei weitem nicht alles verstanden habe. Dies gilt besonders für die angesprochenen Träume, die ein wiederkehrendes Motiv im Roman sind. Es gilt aber auch für einige angesprochene Aspekte, die angsprochen, aber nie aufgeklärt werden. Es mag sein, dass dies nicht die Intention der Autorin war, jedoch hätte ich mir hin und wieder mehr Klarheit über nur angedeutete Zusammenhänge gewünscht. Letztlich schmälert dies meinen sehr positiven Gesamteindruck jedoch nur unwesentlich, denn die Autorin überzeugt durch eine sehr poetische und bildgewaltige Sprache. Insofern war die Lektüre ein großer Genuss und ist in jedem Fall weiterzuempfehlen.



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