Rezension Rezension (4/5*) zu Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt von Jesmyn Ward.

renee

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9. Februar 2019
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Heimkehren

Ein sehr interessant und extrem anders geschriebener Roman, bei dem für mich der Sog erst recht spät kam. Dafür gewinnt das Buch am Ende eine starke Intensität. Am Anfang war es nicht so die Durststrecke, aber ich kam nicht so ganz in die Geschichte, es war nicht so einfach zu lesen für mich. Aber das liegt denke ich bei mir. Die Sprache ist sehr poetisch und sehr mystisch, bildhaft und die Bilder sprechen zu einem, erzeugen Empfindungen/Gefühle. Aber das Geschriebene ist auch sprunghaft und verworren. Es ist bei dem Ganzen ein sehr starkes archaisches dunkles Element zu spüren. Die Autorin bedient sich sehr in diesem Buch bei Elementen des magischen Realismus, den ich wiederum sehr mag. Und bei diesem Roman sehr genießen konnte. Vielleicht sind es auch die Charaktere die mir das Lesen recht schwer gemacht haben. Die Drogenproblematik, Bindungsproblematik und Gefühlskälte lösen bei mir recht dunkle Empfindungen aus. Das sind Dinge mit denen ich nicht kann, für mich nicht nachzuvollziehen sind und einen tiefen Abscheu zu tage fördern. Andererseits wenn man sich mit den Charakteren einlässt, ist es doch wieder nachzuvollziehen. Aber diese Tiefe des Empfindens bedeutet ja auch irgendwie, das die Autorin etwas mit mir macht.




Die Handlung zeichnet sich für mich darin aus, das aus drei verschiedenen Seiten heraus das Bild einer Familie gezeichnet wird, die Kapitel werden aus der Sicht von Leonie, Jojo und Richie erzählt. Es geht um eine arme schwarze Familie aus Bois Sauvage in Mississippi: Pop, der Großvater, sein Leben in der Familie, aber auch um einen zurückliegenden Gefängnisaufenthalt; Mam, die Großmutter, ihre Stellung in der Familie, eine Heilerin mit Bindung an einen alten Glauben/alte Götter, die unheilbar krank ist und stirbt; Leonie, die Tochter, ihre Drogensucht, ihre Bindungsprobleme, ihre Liebe, ihre Gefühlskälte; Given, der tote Bruder; Jojo, der Sohn von Leonie, der in seinen jungen Jahren recht früh erwachsen sein muss; Kayla/Michaela, die Tochter von Leonie, die in etwas hineinwächst, was ihr nicht gut tut; Michael, weiß, der Freund von Leonie, steht zwischen zwei Welten, ebenso mit einem Drogenproblem; Richie, ein toter Junge, der Pop im Gefängnis begegnet, eigentlich nicht zur Familie gehört, aber irgendwie an Pop/River gebunden ist und aus einer anderen Welt diese Familie betrachtet. Die Autorin schafft es mit recht wenigen Worten eine seelische Tiefe zu zeichnen/zu zeigen/zu erzeugen, das ist schon eine Kunst, es ist schön/aber auch schwer sich darauf einzulassen. Es geht um den Rand der amerikanischen Gesellschaft, es geht um Drogenprobleme, ehemalige Gefängnisaufenthalte, Gewalt, Tod, Bindungsprobleme, Gefühlskälte und natürlich auch die Rassenproblematik. Ganz schön viele Thematiken in einem Buch, vielleicht erklärt das auch die Probleme beim Lesen, bei Einigem sträubt man sich förmlich dagegen. Auf jeden Fall hat dieses Buch jede Menge Gefühle herausgeholt, und das denke ich ist auf jeden Fall etwas Gutes. Und ein wichtiger Aspekt in diesem Buch ist eine tiefe archaische Mystik, die die Autorin perfekt zu zeichnen weiß.




Ein interessanter Roman ! Aber ich denke man muss für diese Geschichte bereit sein, muss sich auf sie einlassen können !