Rezension (4/5*) zu Sein Sohn von Charles Lewinsky

Literaturhexle

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2. April 2017
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Buchinformationen und Rezensionen zu Sein Sohn von Charles Lewinsky
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Packende Mischung aus Historie und Fiktion

Charles Lewinsky ist ein unglaublich vielseitiger und versierter Erzähler. Es gibt kaum einen Stoff, aus dem er nicht eine fesselnde Geschichte zaubern kann. Gern nutzt er historische Figuren als Aufhänger, so auch in seinem jüngsten Roman „Sein Sohn“. Protagonist Louis Chabos wird 1794 als Kind einer ledigen Mutter geboren und wächst in einem Mailänder Waisenhaus auf. Das Kostgeld wird von unbekannter Seite auf 18 Jahre im Voraus entrichtet. Louis gehört dort zu den Kleinen und Schwachen, entsprechend schwer ist sein Stand, so dass er einiges an Schikanen während seiner Kindheit ertragen muss. Doch mit dem 12. Geburtstag ist das erst einmal vorbei. Er darf bei einem Gönner des Heims, Herrn Marchese, in die Lehre gehen. Der alte Mann trägt das Herz am rechten Fleck und bringt dem Jungen weit mehr bei, als für einen Diener notwendig ist, er wird für Louis zum väterlichen Vorbild und stählt ihn fürs Leben.

Dasselbe geht höchst wechselhaft weiter. Nach dem Tod des Marchese treibt es Louis heimatlos in die Welt hinein. Dabei lernt er interessante Menschen kennen. Die Zeiten sind hart. Überall leiden die einfachen Menschen Hunger und werden von den Wohlhabenden ausgenutzt. Vom Weinberg spült es Louis in die Stadt, dann ins Gefängnis, schließlich in die französische Armee. Als versehrten Kriegsveteran speit ihn der Krieg lebensmüde wieder aus…

Lewinsky erzählt schnell, fast atemlos. Fast jedes der kurzen Kapitel erzählt eine Station in Louis´ bewegtem Leben. Die Handlung könnte leicht auf das doppelte Seitenvolumen ausgedehnt werden, doch es fehlt nichts. Man kann der Handlung leicht folgen. Die Figuren werden mit Hingabe gezeichnet. Jede hat ihre Individualität, ihren eigenen Charakter. Die Szenen wirken sehr bildlich, die Dialoge fügen sich wunderbar ein. Immer wieder blitzt Weisheit und Lebensklugheit aus den Formulierungen hervor. Ganz beiläufig und lakonisch streut Lewinsky sie ein, so dass man kurz innehält und denkt: Stimmt, recht hat er.

Louis ist der Sympathieträger. Dank seiner Fertigkeiten, die er als Diener gelernt hat, kommt er durchs Leben. Wenn es besonders brenzlig wird, oder er die Hoffnung gänzlich zu verlieren droht, reicht ihm jemand die Hand und hilft ihm weiter. Manche Wendung wirkt durchaus märchenhaft, doch man gönnt es dem jungen Kerl. Was ihm zunächst aus einer ernsten Krise heraushilft, wird später sein Verhängnis: die Suche nach den eigenen Wurzeln, insbesondere nach seinem Vater. Die Frage lässt ihn nicht los, wird seine Passion, sein Fanal. „Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis!“, möchte man Louis zurufen, als er schließlich nach Paris aufbricht. Doch er hört nicht. So darf der Leser teilhaben an einer dramatischen Vatersuche in der von Hunger und Krankheit gepeinigten französischen Metropole. Hier nimmt der Roman noch einmal richtig Fahrt auf, als Louis glaubt, seinen Erzeuger endlich gefunden zu haben.
Mir persönlich ging die Wandlung des Louis Chabos etwas zu weit. Ich konnte seinen Ideen, seiner Obsession nicht in Gänze folgen, die Figur büßt in meinen Augen einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit ein. In einer Leserunde haben wir trefflich darüber diskutiert – die Meinungen gingen auseinander. Einig indessen waren wir uns, dass Lewinsky mal wieder einen kurzweiligen, spannenden und sehr lesenswerten Roman geschrieben hat, der ein breites Publikum anspricht.

Der Mann kann es einfach. Er ist der geborene Geschichtenerzähler alter Schule. Der Roman ist schlüssig konzipiert, sein Anfang passt perfekt zum Ende. Lewinsky versteht es, die Schwere aus dem Text zu nehmen, ohne ihn zum Leichtgewicht zu machen. Er hat ein hervorragendes Gefühl für Historisches und skizziert authentische Schauplätze für seine Handlung. Dass er wie nebenbei auch Parallelen zieht zu sehr aktuellen Themen wie Flucht, Seuche, Isolation, Reisebeschränkungen und einigem mehr, darf man seinem außerordentlichen Erzähltalent zu Gute halten.

Der Roman kommt meines Erachtens nicht ganz an Lewinskys große Werke „Melnitz“ oder „Der Halbbart“ heran. Deshalb muss ich ihm den fünften Stern leider versagen. Trotzdem: Große Leseempfehlung und ein ideales Geschenkbuch!

von: Dagmar Chidolue
von: Matthew Costello
von: Gerd Schilddorfer
 

Wandablue

Bekanntes Mitglied
18. September 2019
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Brandenburg
"Lewinsky versteht es, die Schwere aus dem Text zu nehmen, ohne ihn zum Leichtgewicht zu machen".Was für treffliche Formulierungen! Man sieht du bist beim Meister, der es einfach kann - super ! in die Schule gegangen. Gefällt mir großartig, ich weiß genau worum es geht. Und wie du es einschätzt. Es ist aber halt eine Erzählung, in der vieles erlaubt ist, z.B. ist ein Mensch mit 12 längst fertig geprägt. Aber egal, Lewinsky darf das. Ich kann mir vorstellen, dass das Buch Gesprächsstoff bot.
 

alasca

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13. Juni 2022
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Was genau ist schlechter gelungen als in den anderen Romanen Lewinskys?
 

Literaturhexle

Moderator
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2. April 2017
15.126
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Was genau ist schlechter gelungen als in den anderen Romanen Lewinskys?
Dieser Roman ist sehr rasant geschrieben, er fliegt quasi durch das Leben des Protagonisten. Zudem gibt es für mich zum Ende hin einige Szenen, die ich nicht für realistisch halte.

Melnitz ist eine Familiensaga über mehrere Generationen. Für mich ein klares 6-Sterne Buch. Auch der Halbbart wirkt aus meiner Sicht "auserzählter". Alles ist Geschmackssache.
Seinen "Stotterer" liebte ich allerdings auch nicht allzu sehr.
 

Barbara62

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19. März 2020
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Baden-Württemberg
mit-büchern-um-die-welt.de
Melnitz ist eine Familiensaga über mehrere Generationen. Für mich ein klares 6-Sterne Buch. Auch der Halbbart wirkt aus meiner Sicht "auserzählter". Alles ist Geschmackssache.
Seinen "Stotterer" liebte ich allerdings auch nicht allzu sehr.
Ganz genau meine Rangfolge. Mit dem "Stotterer" kann ich aktuell als Hörbuch auch nicht so viel anfangen. Da bin ich mal wieder unabsichtlich in das von mir eigentlich gemiedene Genre Schelmenroman gestolpert.
 

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