Rezension (4/5*) zu Papyrus: Die Geschichte der Welt in Büchern von Irene Vallejo

Wandablue

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Buchinformationen und Rezensionen zu Papyrus: Die Geschichte der Welt in Büchern von Irene Vallejo
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Von dem Wunder der Verbreitung des Alphabets

Kurzmeinung: Dieses Buch müssen Bibliophile lesen!


Es ist nicht selbstverständlich, dass die Allgemeinheit liest. Und doch ist unsere Gesellschaft darauf aufgebaut, dass diese seltsamen Zeichen, dieses Alphabet, das zusammengesetzt Wörter bildet, dann Texte, von allen verstanden wird. Die wenigen Menschen, die, aus den verschiedensten Gründen, nicht lesen können, sind bei uns benachteiligt. Aber es war nicht immer so.

Irene Vallejo erzählt frisch und manchmal ein wenig frei und frech von der Entstehung des Buches in der Welt. Dabei fängt sie naturgemäß am Anfang an, im Orient, bei den Ägyptern, bei den Höhlenmalern sogar, die die ersten Zeichen in Wände ritzten. Vallejos Schwerpunkt liegt allerdings auf der Antike. Die griechische Kultur, sozusagen globalisiert durch Alexander den Großen, war eine Hochkultur. Sie sammelte Bücher. Bibliotheken entstanden und arme Gelehrte. Als die Römer die Welt eroberten, kopierten und integrierten sie das alte Kulturgut Griechenlands und bauten darauf auf.

Wer also „Papyrus“ von Irene Vallejo liest, bekommt einen Schnellkurs in griechischer und römischer Geschichte, immer auf die Literatur bezogen, wenngleich sich die Autorin auch manchen Ausflug in die Moderne erlaubt, zu der sie immer wieder einmal Parallelen zieht.

Sie schreibt sehr fluffig, lässt zugunsten von zufälligen Assoziationen oft die Chronologie der Ereignisse links liegen, um aber immer wieder auf ihren Ausgangspunkt zurückzukommen. Das ist unterhaltsam zu lesen; gleichzeitig lernt man eine Menge. Wer hätte gedacht, dass Ovid ein alter Lustmolch war und nach Rumänien verbannt wurde wegen seiner unzüchtigen Schriften oder Platon für eine vollumfängliche Zensur von Dichtern und Denkern eintrat, obwohl er selber einer war?

Apropos Zensur. Die Autorin vertritt die Auffassung, dass Selbstzensur die schlimmste, weil wirksamste Zensur überhaupt wäre … um so unverständlicher, dass sich Übersetzer und/oder Lektoren von Werken aus dem Fremdsprachigen das Recht herausnehmen, diese Werke übersetzerisch zu ideologisieren. Was auch hier passiert ist, was ich stark vermute! Wer einen fremdsprachigen, nicht gegenderten Text ins Deutsche gendert, übersetzt nicht nur, sondern verfälscht regelrecht. Für diese Unsitte geht ein Stern flöten.

Fazit: Jedenfalls ist die Tatsache, dass die breite Allgemeinheit lesen kann und lesen darf und vollumfänglich Bücher und Bibliotheken dafür zur Verfügung hat, ein Wunder und es ist Irene Vallejo zu danken, dass sie uns daran erinnert, wo wir herkommen, von einer Herrschaft der Reichen, die alle anderen ausgeschlossen hat.

Kategorie: Sachbuch
Verlag: Diogenes, 2022

 
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Literaturhexle

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Wer einen fremdsprachigen, nicht gegenderten Text ins Deutsche gendert, übersetzt nicht nur, sondern verfälscht regelrecht. Für diese Unsitte geht ein Stern flöten.
Finde ich streng. Aber nerven tut mich dieser Zeitgeist ohne Ende! Es macht Texte einfach schwerer verständlich, holpriger. Die armen Menschen, die Deutsch als Fremdsprache lernen müssen!
 
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Emswashed

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Aufgrund einer Vermutung einen Stern abzuziehen finde ich heftig und es spricht eher für eine Laune. Aber ansonsten hast Du gut zusammengefasst, was einem im Buch erwartet. Ich respektiere Deine Entscheidung.
 
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petraellen

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Apropos Zensur. Die Autorin vertritt die Auffassung, dass Selbstzensur die schlimmste, weil wirksamste Zensur überhaupt wäre … um so unverständlicher, dass sich Übersetzer und/oder Lektoren von Werken aus dem Fremdsprachigen das Recht herausnehmen, diese Werke übersetzerisch zu ideologisieren. Was auch hier passiert ist, was ich stark vermute! Wer einen fremdsprachigen, nicht gegenderten Text ins Deutsche gendert, übersetzt nicht nur, sondern verfälscht regelrecht. Für diese Unsitte geht ein Stern flöten.
Der Übersetzer steht sehr nahe am Autor, denn Übersetzen schafft Nähe zum Autor. Ich sehe überhaupt keinen ideologischen Hintergrund im Buch, nur weil man eine Unterscheidung trifft zwischen männlich und weiblich. Hier wird auf etwas rumgeritten, was im Buch überhaupt nicht relevant ist. Einfach mal die „Kirche im Dorf“ lassen.
;)
 

petraellen

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Es kann sein, dass du die Problematik nicht erfasst hast.
Mir zu unterstellen ich hätte die Problematik nicht erfasst, halte ich für ziemlich unverschämt. Ich habe eine andere Sichtweise als du. Das trifft es. Somit möchte ich das Thema für uns beide hier beenden.
 

Wandablue

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Dann sag mir nicht, ich solle die Kirche im Dorf lassen. Wer austeilt und so. Immerhin schrieb ich nur "es kann sein", habe also keine Festvorschreibung vorgenommen.
 
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petraellen

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Dann sag mir nicht, ich solle die Kirche im Dorf lassen. Wer austeilt und so. Immerhin schrieb ich nur "es kann sein", habe also keine Festvorschreibung vorgenommen.
Liebe Wanda, lass uns mal auf sachliche Ebene bei dem Thema bleiben. Du schreibst ohne überhaupt ein Beispiel zu bringen: "Apropos Zensur. Die Autorin vertritt die Auffassung, dass Selbstzensur die schlimmste, weil wirksamste Zensur überhaupt wäre … um so unverständlicher, dass sich Übersetzer und/oder Lektoren von Werken aus dem Fremdsprachigen das Recht herausnehmen, diese Werke übersetzerisch zu ideologisieren. Was auch hier passiert ist, was ich stark vermute! Wer einen fremdsprachigen, nicht gegenderten Text ins Deutsche gendert, übersetzt nicht nur, sondern verfälscht regelrecht." Damit setzt du ungefiltert etwas in den Raum, ohne einen Beweis dafür zu erbringen. Verlage dürfen Nicht einfach so bestimmen und ändern. Die Autoren haben schon ein Mitspracherecht. Es ist allerdings auch ein sehr weitreichendes und auch neues Thema, dem auch ich nicht in allem zustimme. Aber "Was auch hier passiert ist, was ich stark vermute!" das sollte so nicht geschrieben werden. Hier sind Beweise von Nöten. Was passiert, wenn der Verlag sowas mitliest? Es gibt im Internet sehr viele Beiträge zu diesem Thema. Hier einer: https://de.wikipedia.org/wiki/Gendern_im_deutschsprachigen_Literaturbetrieb
 
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