Rezension (4/5*) zu Mein Herz ist eine Krähe von Lina Nordquist

Renie

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19. Mai 2014
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Buchinformationen und Rezensionen zu Mein Herz ist eine Krähe von Lina Nordquist
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Eine Familientragödie

Als ob die Berufstätigkeit als Professorin, Forscherin und Politikerin nicht schon tagesfüllend genug wäre, hat sich die Schwedin Lina Nordquist, die in ihrer Heimat sicherlich bekannter ist als bei uns, an die Schriftstellerei herangewagt. Gleich mit ihrem ersten Roman „Mein Herz ist eine Krähe“ hat sie zumindest in ihrer Heimat direkt für Aufsehen gesorgt. Talent kann man Frau Nordquist also definitiv bescheinigen. Nun ist ihr Roman im deutschsprachigen Raum erschienen.
Es geht um eine Familiengeschichte, erzählt über zwei Generationen und zwei Zeitebenen: Ende des 19. Jahrhunderts und etwa 75 Jahre später.
1897 flieht die junge Mutter Unni mit ihrem kleinen Sohn Roar und ihrem Lebensgefährten Armed von Norwegen nach Schweden. Der Grund für diese Flucht zeichnet sich erst im Verlauf des Romans ab. Die kleine Familie schafft sich ein Zuhause in Hälsingland. Die Familie ist arm, sie lebt von dem bisschen, das Wald und Boden bereithalten - zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig. Doch ein eiserner Überlebenswille und die Liebe zueinander sorgen dafür, dass die Familie die Hoffnung nie verliert. Die Familie wird wachsen, doch die Natur sowie die Menschen in ihrem Umfeld meint es selten gut mit ihr. Die Schicksalsschläge, die diese Familie heimsuchen, werden immer heftiger.
Etwa 75 Jahre später und am selben Ort, betrauern zwei Frauen den Tod von Roar: Seine Ehefrau Bicken und Schwiegertochter Kara. Dieser Part des Romans wird aus der Perspektive von Kara erzählt.
Schnell wird klar, dass die junge Frau und Roar ein Verhältnis hatten, das sie irgendwie geheim halten konnten. Während der nächsten Tage, in denen die beiden Frauen die Beerdigung organisieren und trauern, wird sich Kara immer wieder in Erinnerungen über ihre Kindheit, ihre Heirat mit Roars und Bickens Sohn sowie ihr Leben
im Haus der Schwiegereltern verlieren.
Das verbindende Glied zwischen beiden Handlungsebenen ist der verstorbene Roar, der im Vergleich zu Unni und Kara keine eigene Erzählstimme hat. Natürlich fragt man sich, wie aus dem kleinen Jungen, jener Familienvater geworden ist, der ein fragwürdiges Verhältnis mit der Schwiegertochter angefangen hat. Zunächst einmal lassen sich die Handlungsebenen losgelöst voneinander betrachten und erzählen jeweils eine Geschichte, die jede für sich das Zeug für einen eigenen Roman hätte.
Roars Mutter Unni war also mit ihrer Familie auf der Flucht. Die Hintergründe kristallisieren sich erst nach und nach heraus. Dieser Handlungsstrahl ist eine einzige Abfolge tragischer Momente im Leben dieser Familie und verlangt dem Leser einiges ab. Nur selten gibt es kurze Momente des Glücks und des Durchatmens für den Leser, mit der Gewissheit, dass der nächste Tiefschlag folgen wird. Die Autorin erzählt die Tragödie dieser Familie zwar in einer wunderschön poetischen Sprache, steht aber damit gleichzeitig im krassen Gegensatz zu dem Geschehen. Man muss als Leser schon eine dicke Schale haben, um das Elend dieser Familie ertragen zu können.
In dem Handlungsstrang der Gegenwart geht es weniger tragisch zu.
Stattdessen sorgt die unzuverlässige Erzählstimme von Kara für Irritationen. Fast wäre man der jungen Frau auf den Leim gegangen, doch die Unstimmigkeiten zwischen der Realität und Karas Sichtweise werden immer auffälliger. Mit Kara stimmt etwas nicht. Und während man rätselt, was das sein könnte, nähern sich die Geheimnisse um die beiden Familien und ihrer Verbindung immer mehr der Auflösung.

Fazit
Dieser Roman hat mir viel gegeben. Auf die Handlungsebene der Vergangenheit bezogen habe ich einiges über das Leben der schwedischen Landbevölkerung ihrer Zeit sowie den damaligen Moralvorstellungen erfahren. Mit dem modernen Handlungsstrang, der durch die mysteriöse Kara Thriller-Elemente aufweist, stellt der Roman eine interessante Mischung dar.
Sprachlich ist dieser Roman großes Erzählkino, da die Autorin durch ihren poetischen Erzählstil Emotionen transportiert, die man als Leser erstmal verpacken muss. Daher habe ich „Mein Herz ist eine Krähe“ als einen sehr mitreißenden und spannenden Roman erlebt, der mich mit seiner ungewöhnlichen Familiengeschichte sehr berührt hat.

© Renie


 
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