Rezension (4/5*) zu Linden Hills: Roman von Gloria Naylor

Wandablue

Bekanntes Mitglied
18. September 2019
6.753
14.253
49
Brandenburg
Paradiese verkehren sich leicht.

Kurzmeinung: Jede Menge Stoff für den Grips. Aber auch unvernähte Fäden.


Eigentlich kenne ich nicht viele schwarze Autoren, von James Baldwin einmal abgesehen, den wohl jeder „kennt“, zumindest ein echter Bibliophiler muss Baldwin wenigstens einmal gelesen haben. Aber darüber hinaus? Ja, ich kenne ein paar schwarze Autoren, aber man kann sie an zwei Händen aufzählen. Schon von daher ist es ein Verdienst des Unionverlags, Gloria Naylor (1950-2016) aufzulegen.

Gloria Naylors Linden Hills, das bewusst an die Allegorie von Dantes „Die Göttliche Komödie“ angelehnt ist, wofür eigentlich nur der Teil „Inferno“ eine Rolle spielt, ist allerdings keine leichte Kost. Nicht alle Bilder werden vom Leser entschlüsselt werden können und viele teuflische Anspielungen bleiben eben das, reine Anspielungen und finden kein Ziel. Viele Fragen finden keine Antwort. Was fasziniert Gloria Naylor so sehr an der Hölle?

Um in medias res zu gehen: Linden Hills ist eine verkehrte Welt oder eine Welt, wie sie eigentlich sein sollte. Ansichtssache. Dort wohnen nämlich nur schwarze Menschen. Und zwar die, die es zu etwas gebracht haben. Dafür verantwortlich zeichnen die männlichen Nedeeds, die alle von 1820 bis 1980 in einer Reihe stehen, man kann und soll sie nicht unterscheiden und deren jeweils einziger männlicher Nachkomme den Namen Luther trägt. Ein Luther Nedeed folgt dem nächsten.

Der erste Nedeed erwirbt ein großes Stück Land, das eigentlich nur aus einem riesigen Hügel besteht, als landwirtschaftliche Fläche völlig nutzlos. Aber die Luthers errichten Wohnstätten, zunächst sind es einfache Holzbauten, kaum mehr als Hütten. Mit dem Aufstieg der schwarzen Bevölkerung, durch Stipendien und Darlehen durch die Nedeeds gefördert, wachsen sie in (Aus)Bildung und Wohlstand und so wandeln sich die Hütten erst zu stattlichen Häusern, dann zu luxuriösen Villen. Jetzt können wir uns diesen Hügel vorstellen! Ein mit Villen bebauter Berg! Gleich denken wir an Los Angeles.

Dank einer raffinierten Klausel dürfen sowohl Land wie auch Immobilien immer nur an weitere schwarze Menschen verkauft werden, so entsteht inmitten des weißen Wayne County eine Enklave einer schwarzen Elite. Eigentlich ein Paradies. Aber dann entgleitet den Luther Nedeeds ihre Idee und verkehrt sich in ihr Gegenteil. Ist es nicht immer so, wenn Menschen ein Paradies planen, dass es sich alsbald ins Gegenteil verkehrt?

Der Kommentar:
Der Roman, der mit einem phantastischen historischen Eingangskapitel glänzt, bekommt bald den Touch eines im Hintergrund ablaufenden Thrillers. Eine gespenstische Atmosphäre baut sich auf. Das Unheimliche lauert im Abgrund. Dort, wo die Luthers wohnen, im letzten Kreis der Hölle, äh, am Fuß des Hügels.

Gloria Naylor verblüfft in mancherlei Hinsicht. Erstens sind die Bösewichte nicht die Weißen. Sehr richtig beschreibt sie, dass das Böse und das Korrupte in uns allen wohnt. Es ist ein Riesenverdienst, dass sie das Paradies, das sich in sein Gegenteil verkehrt, nicht in einem weißen Milieu spielen lässt, sie widersteht dieser Versuchung, die groß gewesen sein muss. Zweitens kreiert sie eine subtile unheimliche Atmosphäre, man glaubt sich in einer Kurzgeschichte von Edgar Alan Poe wiederzufinden. In den Lebensläufen einiger Bewohner, die sie uns vorstellt, glänzt sie durch Originalität.

Handlung findet dadurch statt, dass die beiden jungen Schwarzen Lester und Willie sich kurz vor Weihnachten als Handlanger quer durch Linden Hills verdingen. Dadurch kommen sie mit vielen Bewohnern von Linden Hills in Berührung, wodurch auch die Leserschaft sie kennenlernt. Aber nur einer von beiden, Willie, bemerkt, dass mit Luther Nedeed etwas nicht stimmt, denn Willie wohnt nicht in Linden Hill, sondern in einem Bezirk knapp darüber. Wer in Linden Hills wohnt, ist blind für die Geister, die in Linden Hills hausen.

So gespenstisch echt die Atmosphäre ist, die Gloria Naylor in ihrem Roman aufbaut, so schwierig ist die Deutung ihres Romans insgesamt. Er ist gespickt und aufgeladen mit religiösen Elementen. Reinigendes Feuer bringt Erlösung. Der Roman endet am 24. Dezember. Man denkt an das Christkind.

Fazit: Die Idee des Romans finde ich faszinierend. Die Mischung zwischen fiktiv- historischem Roman, Gruselgeschichte, Thriller und Mystik ist etwas Neues. Die vielen religiösen Motive machen den Roman jedoch auch schwer greifbar. Vielleicht hat sich Gloria Naylor doch ein bisschen verhoben als sie ihren Roman mit der Göttlichen Komödie in Verbindung brachte. Obwohl, es ist ja tatsächlich eine göttliche Komödie, wenn der Mensch sich imstande glaubt, ein Paradies zu schaffen. Bisher ist das noch immer in die Hose gegangen.

Kategorie: Anspruchsvoller Roman.
Unionsverlag, 2022

 

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
15.063
34.167
49
Tolle Rezension, Wanda!
Muss man die Grundzüge der Göttlichen Komödie kennen oder bekommt man sie serviert?