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Rezension Rezension (4/5*) zu Immer wieder Dezember von Susanne Schädlich

Dieses Thema im Forum "Biographien" wurde erstellt von parden, 19. Juni 2017 um 12:00 Uhr.

  1. parden

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    Alles sollte anders werden, als Susanne Schädlich im Dezember 1977 die DDR verließ, da ihr Vater, der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich, dort schon lange nicht mehr ungehindert publizieren konnte. Doch die neue Heimat war fremder als gedacht, und der lange Arm der Stasi verfolgte die Familie bis in den Westen. Dreißig Jahre später stößt Susanne Schädlich in den Akten auf eine schlimme Wahrheit und erkennt: Geschichte vergeht nicht, sie holt einen immer wieder ein. Susanne Schädlich erzählt, wie es ist, in zwei Systemen groß zu werden und dennoch nicht dazuzugehören, von einer Generation zwischen Ost und West, die ihren Platz sucht. Und von der Erfahrung eines unglaublichen Verrats: war es doch der eigene Onkel, der im Auftrag der Stasi versuchte, ihre Familie zu zersetzen.

    Susanne Schädlich gehört demselben Geburtsjahrgang an wie ich - und doch gibt es vieles, was uns unterscheidet. Sie ist im Osten Deutschlands aufgewachsen zu einer Zeit, als die Mauer noch stand, als das Pionierhalstuch zur festen Kleiderordnung der Schülerinnen gehörte und die Schlangen beim Einkaufen das Alltagsbild prägten. Ich nicht. Die Autorin kannte als Kind keine Jeans und coolen Turnschuhe, auch nicht die im Westen allgegenwärtigen Stars, die Bands und die Fernsehserien - und mir fällt es schwer, mir eine Kindheit in solch eng gesetzten staatlichen und gesellschaftlichen Grenzen vorzustellen und kann deshalb nur darüber lesen.

    Susanne Schädlich ist das Kind zweier ehemaliger DDR-Bürger, die dem Regime nicht unkritisch gegenüberstanden. Spätestens seit der Vater, der Autor Hans Joachim Schädlich, eine Protestresolution gegen die Ausweisung Biermanns unterschrieben hatte, stand die Familie unter der strengen Beobachtung der Stasi und war zunehmend Anfeindungen ausgesetzt, die immer offener und kritischer wurden. Susanne Schädlichs Vater bemühte sich vergeblich, seine Werke in der DDR zu veröffentlichen, und auch sein Posten als Übersetzer wurde gestrichen. Nachdem er sein Manuskript von 'Versuchte Nähe' in den Westen schmuggeln konnte, wo es schließich im Rowohlt Verlag erschien, musste der Vater mit ernsten Repressalien rechnen - 'staatsfeindliche Hetze' konnte mit bis zu 10 Jahren Gefängnis bestraft werde. Einer Verhaftung entging der Vater zwar, da seine Kontakte u.a. mit Günter Grass und der dadurch bedingte Bekanntheitsgrad wohl Schlimmeres verhinderten, doch schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als für sich und seine Familie einen Ausreiseantrag zu stellen. Der wurde 1977 genehmigt.


    "Der Ausreiseantrag war eine Folge der Existenzentziehung, eine logische Konsequenz, damit die Familie weiterleben konnte. Man hatte keine Wahl, höchstens die Wahl des Zeitpunktes."


    Doch der Wechsel in den Westen geriet zum Kulturschock. Obwohl dieselbe Sprache gesprochen wurde, gelangte die Familie in eine vollkommen andere Welt. Die Neuorientierung fiel nicht leicht, nach vielem sehnte man sich zurück, das Gefühl von einem Zuhause wollte sich einfach nicht einstellen. Der Bruder des Vaters, der Onkel von Susanne Schädlich, blieb das Bindeglied zwischen den Welten, hatte stets ein offenes Ohr, bemühte sich um Treffen, tröstete, sprach Mut zu. Jeder in der Familie wandte sich an diesen Onkel, der so hilfsbereit Halt bot. Doch nach dem Mauerfall kam das böse Erwachen, als die Familie Einsicht in die Stasi-Akten verlangte: gerade dieser Onkel war die übelste Laus im Pelz - ausspioniert hat er die Familie über Jahre hinweg als inoffizieller aber freiwilliger Zuträger des Ministeriums für Staatssicherheit. Der Verrat des Vertrauens, so viele Fragen. Und der Onkel beließ es nicht dabei, die Familie aus der DDR zu vertreiben, sondern setzte auch später noch alles daran, die Familie zu zersetzen, was ihm schließlich auch gelang. Der Vater wurde depressiv, begab sich mehrfach in Behandlung und trennte sich schließlich von seiner Familie - die Lebenswege trafen sich nicht mehr.


    "Ich fühlte mich als Halbmensch. Die eine Hälfte war in der DDR, die andere in der Bundesrepublik. Darüber redete ich nicht. Niemand redete darüber. Es war ein Kampf gegen die Sehnsucht nach dem vertrauten Leben, nach dem Einfach-mal-rum-Kommen, nach dem Klingeln nur so an der Tür, nach dem Blick in den Kühlschrank, ob man aus Resten noch ein Essen kochen konnte, nach unangemeldeten Besuchen..."


    Entwurzelung und enttäuschtes Vertrauen - eine Erschütterung in den Grundfesten. Und Antworten blieben oft aus. Susanne Schädlich bemüht sich in der Aufarbeitung des Gewesenen um einen sehr distanzierten Schreibstil, der mich anfangs eher gestört hat, der letztlich aber nachvollziehbar war. Eigene Erinnerungen bilden die Grundlage des Erzählten, der Geschichte vor und nach der Aussiedlung der Familie aus der DDR. Aber auch die Erinnerungen von anderen fließen hier ein, da Susanne Schädlich ihnen Fragen zu einzelnen Geschehnissen gestellt hat: den Eltern, den Geschwistern, den Freunden der Eltern. Und letztlich werden hier immer wieder auch Ausschnitte der Stasi-Akten zitiert, die den Verrat noch untermauern und den Grad der Entwurzelung noch greifbarer werden lassen.


    "Es gibt Tage, an denen es leichter fällt, sich mit all diesen Dingen zu beschäftigen. Die Verfassung wechselt, je nachdem, inwieweit ich mich als Chronistin fühle oder inwieweit als Beteiligte. Beteiligt war ich, sollte es jetzt nicht sein, wenn ich schreibe, ich sollte abstrahieren, darüberstehen, kühl und sachlich. Das gelingt nicht immer."


    Susanne Schädlich sah dieses Buch nie als den Versuch einer Abrechnung oder einer Richtigstellung. Ihr ging es um eine Art Standortbeschreibung, um die Annäherung an die Frage, wo sie selbst eigentlich hingehört, was das alles mit ihr, mit ihrer Familie gemacht hat. Dabei war es nicht immer leicht, sich auf die Erinnerungen einzlassen - zuweilen machte sie der Prozess müde und mürbe. Und doch war ihr klar, dass diese Arbeit wichtig ist, nicht nur für sie selbst - unter diese Vergangenheit darf nicht einfach stillschweigend der Schlussstrich gezogen werden. Und gleichzeitig war es für sie selbst wichtig, nicht endlos in der Vergangenheit verhaftet zu bleiben, damit ein Voran überhaupt möglich war.


    "Ich blättere in den Akten (...) Es ist die Reduzierung der Personen auf die Sache, die mir zu schaffen macht. Als sei es nie um Schicksale gegangen, sondern um Dinge (...) Wenn das Fremde lesen, Jüngere, Unwissende, oder auch solche, die es nicht anders sehen wollen, hat es fast nichts Erschreckendes. Kein Wunder also, dass es immer wieder heißt, war doch alles halb so schlimm, den Leuten ging es gut, die DDR war doch eher eine 'kommode Diktatur', in der man sich einrichten konnte. Diejenigen aber, die das Wort in die Tat zurückübersetzen können, denen sitzt der Schrecken nochmals in den Gliedern."


    Susanne Schädlich wehrt sich gegen ein weichgezeichnetes Bild der DDR, gegen die Unterschlagung der zerstörten Leben und der Repressionen, von denen auch Nichtbetroffene wussten, dass es sie gab. Sie positioniert sich ganz klar: 'Die DDR war eine Diktatur, und Diktaturen sind per se unmenschlich, sind Unrechtsstaaten.' Auch wenn als verharmlosender Vergleich gerne die deutsche Vergangenheit zwischen 1933 und 1945 herangezogen wird mit der Kriegstreiberei und dem Holocaust der Nationalsozialisten, wehrt sich die Autorin gegen solch zweierlei Maß. Hierzu zitiert sie Hubertus Knabe: 'Beim Umgang mit den Diktaturen verläuft die Grenzlinie nicht zwischen schlimmen und ganz schlimmen Regimen, sondern zwischen Diktatur und Demokratie.'

    Kein einfaches Buch, das Susanne Schädlich hier präsentiert - aber das hat sie auch nie behauptet. Schließlich war ihr Lebensweg durch die gezeichneten Umstände auch kein einfacher. Die Aufarbeitung iherer ganz persönlichen Vergangenheit gerät zur Aufarbeitung eines Stückes deutscher Geschichte, für das wir beginnen blind zu werden. Um dies zu verhindern, gebührt derlei Büchern großes Augenmerk. Bleibt noch, der Autorin zu wünschen, ihren Platz im Leben zu finden und wirklich anzukommen.

    Von mir gibt es hier ein klare Leseempfehlung.


    © Parden
     
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