Rezension (4/5*) zu Ich werde leben: Roman (suhrkamp nova) von Lale Gül

Wandablue

Bekanntes Mitglied
18. September 2019
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49
Brandenburg
Moderne Freiheitsberaubung

Kurzmeinung: Unerträglich dass Frauen heute noch in dieser Art unterdrückt werden.

Lale Güls Roman, „Ich werde leben“, in der Niederlanden 2021 erschienen und 2022 in deutscher Sprache veröffentlicht, könnte eine Art Autobiografie sein. Die Protagonistin Büsra ist Türkin, erwachsen, über zwanzig Jahre alt, sie studiert in Amsterdam und jobt heimlich in einem Bistro. Auch, was sie sonst so macht, muss sie vor ihrer Familie geheim halten.

Der Roman liest sich leicht und flockig und bedient sich einer zuweilen zu deftigen Sprache. Der Roman ist gewollt provokant. Dieses Provokante muss mir ja nicht gefallen. Tut es auch nicht.

Lale Gül, beziehungsweise ihre Protagonistin Büsra verarbeitet in „Ich werde leben“ die Traumata ihrer Kindheit und Jugend in einer streng konservativen islamisch-türkischen Familie. Eigentlich arbeitet sie sich vor allem an ihrer Mutter ab, die, obwohl intelligent und jahrzehntelang in den Niederlanden lebend, nichts davon hält, sich in die niederländische Gesellschaft einzugliedern, sondern sich von ihrem speziellen Iman beeinflussen und beherrschen lässt. Die Mutter agiert uneingschränkt misogyn, Büsra reagiert darauf verstört und verletzt. Ihr Credo: Das Patriarchat setzt die Nachrangigkeit der Frauen als Natur/Religionsgesetz, Frauen dürfen nichts außer sich benehmen, Jungs/Männer dürfen alles – sich im Sommer fast unbekleidet sonnen, ausgehen, arbeiten, sich sexuell ausleben. Die Männer wachen über die Ehre der Frauen, wobei sie selbst niemals irgendwelchen Einschränkungen unterliegen. In Büsras Fall ist besonders verletzend, dass vor allem die Mutter die erwachsene Büsra umfassend unter Kontrolle halten will, Schläge und Beleidigungen, wenn Büsra Widerworte gibt, sind normal. Auch die erwachsene Frau muss sich fügen und den in der Familie geltenden Regeln unterwerfen.

Der Kommentar und das Leseerlebnis:
Man erhält einen umfassenden Eindruck von Büsras Leidensdruck, wobei Büsra natürlich kein Einzelfall ist. Man leidet mit ihr, wenn und weil sie es nicht schafft, sich von ihrem sozialen Umfeld zu lösen und in kleinen Fluchten steckenbleibt; denn Rebellion bedeutet soziale Ächtung, den Verlust der Familie und der Freunde, möglicherweise sogar Bedrohungen für Leib und Leben.
Der Klappentext erklärt, dass Lale Gül nach Veröffentlichung dieses Buches untertauchen musste, weil sie nicht mehr sicher war vor ihren Landsleuten. Dies kann ich nicht nachprüfen. Tatsache ist, dass es immer noch Ehrenmorde an aufmuckenden Frauen in der muslimischen Gesellschaft gibt. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass es stimmt.
Jedoch hätte man gerne gelesen, wie Büsra sich schließlich doch gelöst hat und was danach passierte. Leider lässt Lale Gül ihre Büsra sich über 350 Seiten lang nur beklagen und sich quälen. Bei aller Sympathie für Büsra und Lale Gül ist mir dies etwas zu viel Lamento. Wie kommt man heraus? Und was macht man dann? Das ist es, was interessant ist.

Fazit: Der Roman stellt die Misogynie der islamisch bestimmten türkischen und arabischen Community in den Mittelpunkt, er ist flüssig geschrieben, man hat ihn schnell gelesen, man kann den Roman zur „Aufklärungsliteratur“ zählen. Die Sprache ist oft zu derb. Zudem hätte es die deftigen Sexszenen nicht gebraucht, dafür gibt es Punktabzug.

Kategorie: Erfahrungen.
Verlag: Suhrkamp Nova, 2022



 

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
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49
Wie kommt man heraus? Und was macht man dann? Das ist es, was interessant ist.
So wie du es schilderst, gibt es keine Lösung. Entweder sie kuscht oder sie wird aus der Familie verbannt und bedroht.
Da sie mit dem Buch die Ehre der Familie irreversibel beschmutzt hat, bleibt nur das Abtauchen. Traurig, aber schlüssig.

Gewohnt gute Rezension, aber lesen muss ich das Buch nicht.
 
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Reaktionen: Emswashed und RuLeka