Rezension (4/5*) zu Die Lüge von Mikita Franko

Irisblatt

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15. April 2022
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Auswirkungen einer homophoben Gesellschaft

Mikita (Miki) ist gerade fünf Jahre alt als seine Mutter an einer schweren Krebserkrankung stirbt. Seinen leiblichen Vater lernte er nie kennen. Doch zum Glück gibt es Slawa, seinen Onkel mütterlicherseits, der sich bereits während zahlreicher Krankenhausaufenthalte der Mutter, intensiv um den Jungen kümmerte und den Mikita sehr liebt. Mit Lew, dem Lebensgefährten von Slawa, versteht sich Mikita anfänglich nicht, doch über die Jahre wächst auch zwischen den beiden eine tiefe Bindung. Das Familienleben mit zwei Vätern in einer russischen Kleinstadt könnte unproblematisch und ungetrübt sein, wäre da nicht die homophobe Gesellschaft mit ihren Vorurteilen und Anfeindungen.
Die große Lüge beginnt als Mikita in die Schule kommt. Er muss lernen, dass er in der Öffentlichkeit nur Slawa, der ihn adoptiert hat, als seinen Vater bezeichnen darf. Kommen Schulkamerad:innen zu Besuch, werden Familienfotos und Regenbogenfähnchen versteckt; auch Schulaufsätze über das Familienleben müssen angepasst werden. Immer schwebt die Gefahr im Hintergrund, das Jugendamt könnte von den „unmoralischen“ Verhältnissen, in denen Miki aufwächst, Wind bekommen und Slawa das Sorgerecht entziehen.
Der Druck, der auf Miki täglich lastet, weil er sich verstellen muss, nimmt zu und irgendwann richten sich sein „Hass“ und seine Verzweiflung auch gegen seine Väter. Als Mikita in der Pubertät feststellt, dass er sich auch zu Jungen hingezogen fühlt, versucht er, diese Tatsache mit aller Kraft zu verdrängen, wird gewalttätig und psychisch krank.
Gut gefallen hat mir, dass wir es hier mit einer - in der Literatur so seltenen - intakten Familie zu tun haben. Auch Slawa und Lew sind nicht perfekt, machen Fehler - unter dem Strich sind sie aber tolle Eltern, die Miki lieben, sich mit ihm auseinandersetzten, ihn fördern, Werte und Weltoffenheit vermitteln und immer zu ihm stehen.
Alle ernsthaften Konflikte haben ihren Ursprung in der Gesellschaft mit ihren starren Vorstellungen von Familie, Männlichkeit und Moral.
Zwei Punkte haben mich beim Lesen allerdings gestört.
Der Roman liest sich zwar flüssig, kommt sprachlich aber sehr einfach daher. Es gibt keine einzige Stelle, wo mich ein sprachliches Bild oder eine Formulierung berührt hätte. Infolgedessen habe ich die Geschichte zwar gerne gelesen, tief bewegen konnte sie mich allerdings nicht.
Zudem konnte ich Mikis Reaktionen manchmal nicht nachvollziehen. Eine Überdramatisierung von Erlebnissen passt zwar zum Alter des Protagonisten, war mir in der Intensität aber trotzdem eine Spur zu viel. Es gab für mich eine unauflösbare Diskrepanz zwischen dem Aufwachsen Mikis und seinen eigenen homophoben Gefühlen. Ich verstehe nicht, dass ein Kind, das so behütet mit zwei Vätern aufwächst, die Moral der homophoben Gesellschaft derart internalisiert, dass sich ein Hass gegen seine Väter, sich selbst und andere homosexuelle Menschen überhaupt entwickeln kann. Dagegen kann ich den Wunsch nachvollziehen, nicht auffallen und den gesellschaftlichen Normen entsprechen zu wollen. Auch verstehe ich, dass eine solche Situation wütend machen kann.
Thematisch gesehen ist „Die Lüge“ ein lesenswertes Debüt, das ich mit 3,5, aufgerundet auf vier Sterne, bewerte.

 
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