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Rezension Rezension (4/5*) zu Die Altruisten: Roman - Das Sensationsdebüt aus den USA von Andrew Ridker.

Dieses Thema im Forum "Gegenwartsliteratur" wurde erstellt von Querleserin, 1. Oktober 2019.

  1. Querleserin

    Querleserin Platin Mitglied

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    Familien- oder Gesellschaftsroman?

    Der Roman wird als "Sensationsdebüt aus den USA" angepriesen, eine Bewertung, mit der einige von uns in der Leserunde ihre Schwierigkeiten hatten. Am Anfang habe ich mir schwer getan hineinzukommen, doch im Verlauf der Handlungen hat es mir zunehmend Spaß gemacht zu lesen, wie es mit dieser "verkorksten" Familie und den schrägen, teils skurrilen Figuren weitergeht und wie sie sich weiterentwickeln.

    Arthur Alter (lat. der Mitmensch) hat seit dem Tod seiner Frau Francine vor zwei Jahren keinen Kontakt mehr zu seinen Kindern Ethan und Maggie. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass er genau einen Tag, bevor bei Francine im Herbst 2012 Brustkrebs diagnostiziert wurde, eine Affäre mit der deutschen Historikerin Ulrike begonnen hat, die über 20 Jahre jünger als er ist. Dass er trotz der Erkrankung Francines diese Beziehung intensiviert hat, verzeihen ihm die Kinder nicht.
    Jetzt ist Arthur, der seit Jahren an der Universität Danforth in St.Louis vergeblich auf eine Festanstellung gewartet hat, pleite, während Ethan und Maggie von ihrer Mutter eine erhebliche Summe Geld geerbt haben. Arthur lädt die Kinder ein, ihnen finanzielle Unterstützung für das Haus, in das die Familie einst aus Boston gezogen ist, zu erbitten, da er es allein ihr Haus nicht halten kann. Die Einladung an Ethan ist kurz und knapp formuliert:

    E.- wäre gut, dich zu Hause zu haben. Du (&Maggie) kannst Mitte April kommen. (Semesterferien.) Wichtig, die Familie zu sehen, sich an die Wurzeln zu erinnern usw.
    - A. (S.38)

    Bei Ethan "waren Zuhause und Demütigung untrennbar miteinander verknüpft." (38) Er erinnert sich voller Scham an sein Outing, daran, dass sein Vater ihn nie wahrzunehmen schien. Heute ist Ethan ein in sich zurückgezogener junger Mann, der seinen Job als Unternehmensberater gekündigt hat, weil er nicht mehr bereit war, die Verantwortung für Kündigungen mitzutragen. Er lebt von dem Geld seiner Mutter, wobei seine horrenden Ausgaben für Luxusartikel sein Erbe aufgezehrt haben - und das bisher folgenlos.
    "Schulden waren immatriell, ein bildlicher Abgrund - und spielte die Tiefe des Abgrunds eine Rolle, wenn der Abrund nur bildlich war?" (44)

    Er ist ein Einsiedler, der einer unglücklichen Liebe hinterher trauert, was man in Rückblicken erfährt.
    "Er hatte im wahrsten Sinne des Wortes aufgehört, eine Person des öffentlichen Lebens zu sein." (42)
    Auch den Beginn von Arthurs und Francines Beziehung, ihre Ehe und auch der Familienalltag wird im Rückblick aufgerollt - eine der interessantesten Episoden ist Arthurs Reise nach Simbabwe, wo er seine Erfindung - einen Zementersatz - zum Einsatz bringen will. Sehr skurrile, aber auch tragische Geschichte, die den Leser*innen hilft, den Protagonisten Arthur, der mit einem Altruisten nichts gemein zu haben scheint, besser zu verstehen. Gleichzeitig ist diese Episode eine kritische Auseinandersetzung mit westlicher Entwicklungshilfe und sie zeigt, dass durch die Übertreibungen vieles sichtbarer, deutlicher wird.

    Auch Maggie ist nur vordergründig eine Altruistin.
    "Es ging ihr doch gut. Sie brachte die Miete zusammen, indem sie für anständige Leute in Queens arbeitete. Ihr einziger Chef war ihr Gewissen. An den meisten Tagen hieß das: Besorgungen machen, babysitten oder im Namen ihre spanisch, russisch oder chinesisch sprechenden Nachbarn Verbindung mit der Stadtverwaltung aufnehmen. Gelegenheitsarbeiten. (...) Es war eine zufriedenstellende Arbeit, wenn auch nicht sonderlich gut bezahlt." (20)

    Allerdings gewinnt man den Eindruck, dass sie sich selbst bestraft, so hungert sie ständig und isst kaum, lässt sich von einem ihrer Schützlinge schlagen, um sich dadurch "wertig" zu fühlen. Aus ihrem Helfersyndrom bezieht sie ihre Wertigkeit.

    "Auch wenn diese Arbeit sich nicht auszahlte, ertrug Maggie Brunos Misshandlungen, ja, begrüßte sie sogar. Seine tätlichen Angriffe waren der Beweis, dass sie mit einer Arbeit beschäftigt war, die Opfer erforderte. (...) Ein Beweis für Charakter." (24)

    Francine erscheint als die Gefestigte der Familie, die alles zusammengehalten hat.
    "Scharfsichtig, aber nie mäkelig, intelligent, ohne es zeigen zu müssen, hatte Francine selbstlos ihr berufliches Weiterkommen für die Erhaltung der Familie geopfert - für die sie als Vermittlerin, Schlichterin und Friedenswahrerin fungiert hatte. Sie war Maggie zugleich Vorbild und abschreckendes Beispiel." (72)

    Während des Ethans und Maggies Besuch bei Arthur brechen die alten Konflikte wieder auf und es kommt Bewegung in das Leben aller Beteiligten. Wird Arthur seine Kinder tatsächlich um das Geld bitten? Wird er sie wahrnehmen, jetzt da Francine die Vermittlerrolle nicht mehr übernehmen kann?
    Wie wird sich die Familienkonstellation verändern?

    Es ist vielleicht nicht DAS Sensationsdebüt, aber dennoch ein Roman, der einen kritischen Blick auf die zeitgenössische amerikanische Gesellschaft wirft, indem er die Figuren überzeichnet, ihr Verhalten ins Lächerliche zieht, ihnen aber auch die Möglichkeit gibt, sich weiterzuentwickeln. Auf jeden Fall lesenswert!

     
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