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Rezension Rezension (4/5*) zu Der Zopf meiner Großmutter: Roman von Alina Bronsky.

Dieses Thema im Forum "Gegenwartsliteratur" wurde erstellt von parden, 8. Juni 2019.

  1. parden

    parden Forumlegende

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    Bitterböse, schwarzhumorig, zwischenmenschlich und skurril...


    Max’ Großmutter soll früher einmal eine gefeierte Tänzerin gewesen sein. Jahrzehnte später hat sie im Flüchtlingswohnheim ein hart-herzliches Terrorregime errichtet. Wenn sie nicht gerade gegen das deutsche Schulsystem, die deutschen Süßigkeiten oder ihre Mitmenschen und deren Religionen wettert, beschützt sie ihren einzigen Enkel vor dem schädlichen Einfluss der neuen Welt. So bekommt sie erst als Letzte mit, dass ihr Mann sich verliebt hat. Was für andere Familien das Ende wäre, ist für Max und seine Großeltern jedoch erst der Anfang. Ein Roman über eine Frau, die versucht, in einer Gesellschaft Fuß zu fassen, die ihr entgleitet. Über einen Mann, der alles kontrollieren kann außer seine Gefühle. Über einen Jungen, der durch den Wahnsinn der Erwachsenen navigiert und zwischen den Welten vermittelt. Und darüber, wie Patchwork gelingen kann, selbst wenn die Protagonisten von so einem seltsamen Wort noch nie gehört haben.


    "Ich kann mich genau an den Moment erinnern, als mein Großvater sich verliebte (...) Bis dahin hatte ich mich für das einzige Problem meiner Großeltern gehalten..." (S. 5)


    Auch wenn hier aus der Ich-Perspektive von Max erzählt wird, der zu Beginn knapp sechs Jahre alt ist und im Laufe des Romans der Pubertät entgegen wächst, gibt es hier unbestritten nur einen Hauptcharakter: die Großmutter. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber das Wort 'Großmutter' impliziert für mich Attribute wie 'weise', 'gütig', 'freundlich', 'großzügig' oder auch 'verwöhnend'. Nun, auf die Großmutter in diesem Roman trifft jedenfalls nichts davon zu.

    Max ist zu Beginn des Romans mit seinen Großeltern gerade aus Russland nach Deutschland gezogen und lebt mit ihnen in einem Wohnheim für Auswanderer. Die Wohnverhältnisse sind äußerst beengt, der Großvater wortkarg, die Großmutter dagegen - nicht. Wortreich schwadroniert sie durch den Tag, hat zu jedem und allem etwas zu sagen - und nichts davon freundlich. Schimpfend und pöbelnd herrscht sie jeden an, vor allem den kleinen Max, der ein Idiot, eine Belastung, ein stets vom Tod bedrohtes Kind sei.

    Tatsächlich behandelt sie ihn zwar barsch, dabei aber übertrieben fürsorglich - Schokolade, Weißmehl, Kuchen: alles zu gefährlich für den kleinen Organismus. Stattdessen gibt es zerkochtes, ungewürztes Gemüse, meist noch zu einem faden Brei gestampft. Was klingt als sei es ein Fall für das Jugendamt, hat mich im Gegenteil köstlich amüsiert. Die Schilderungen sind vor allem am Anfang des Romans gleichzeitig haarsträubend und zum Brüllen komisch.


    "Die Worte glitten an mir vorbei, und ich wollte ihnen nicht einmal hinterherdenken. Doch dann kehrten sie um, wie der Wind manchmal die Richtung wechselt, und bohrten sich in mein Hirn." (S. 119)


    Würde man sich in die Lage von Max versetzen, müsste man schreiend davon laufen. Aber Alina Bronsky hat den Ich-Erzähler nicht weinerlich oder selbstmitleidig veranlagt, sondern eher stoisch wie seinen Großvater, beobachtend und doch seiner Wege gehend. Er findet im Laufe der Zeit 'Lücken im System', die er zu nutzen weiß - und so erfährt auch Max schließlich, wie Schokolade schmeckt oder wie es sich anfühlt, Dinge selbst entscheiden zu können.

    Die kindliche Perspektive verleiht dem Leser zudem gleichzeitig das Gefühl, stets nah dran zu sein am Geschehen, und tatsächlich nur über eine Art Halbwissen zu verfügen. Dadurch bleibt die Neugier auf mögliche Enthüllungen bestehen.


    "Warum wehrst du dich eigentlich nie? Gegen niemanden?" - "Ich käme dann zu nichts anderem mehr." (S. 133)


    Umstände und Charaktere verändern sich im Laufe der Zeit, und die Großmutter hat ihre ganz eigene Art, darauf zu reagieren. Auch wenn die alte Frau alle Menschen in ihrem Umfeld immer wieder vor den Kopf stößt und versucht, alles und alle zu kontrollieren, mochte ich sie irgendwie auch in ihrer schrulligen Art. Ganz allmählich kommen auch andere Facetten zutage, Ereignisse aus ihrer Vergangenheit, die zum Teil erklären können, weshalb sie sich so verhält wie sie es nun einmal tut. Dennoch ist sie keine Figur, die einem leid tut, sondern eine, die das Leben - wenn auch auf ihre sehr spezielle Art - immer wieder bei den Hörnern packt.

    Im letzten Drittel des Romans lässt sich Alina Bronsky weniger Zeit für die Erzählung, springt in den Zeiten oft unvermittelt vor, um an markanten Wendepunkten haltzumachen. Dies mag auf manche Leser verstörend wirken, mir aber reichte es, da keine wichtige Information fehlte und schlussendlich - oft auch zwischen den Zeilen - alles gesagt war.

    Die Tragikomödie namens Leben hat Alina Bronsky in diesem Roman gelungen zur Schau gestellt - bitterböse, schwarzhumorig, zwischenmenschlich und skurril. Für mich ein unterhaltsames Leseerlebnis...


    © Parden

     
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