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Rezension Rezension (4/5*) zu Der Sänger von Lukas Hartmann.

Dieses Thema im Forum "Gegenwartsliteratur" wurde erstellt von Literaturhexle, 4. Mai 2019.

  1. Literaturhexle

    Literaturhexle Moderator

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    Ein begnadeter Sänger auf der Flucht vor den Nazis

    Joseph Schmidt gehörte 1930 zu den bekanntesten Sängern in Deutschland. Er war weltweit erfolgreich und nahm zahlreiche Rundfunkopern auf, bis er 1933 als Jude von Deutschland nach Frankreich fliehen musste. Als es 1942 auch dort zu gefährlich wurde, wollte er zunächst legal, und als das scheiterte, illegal mit Schleppern über die Grenze in die Schweiz einwandern. An dieser Stelle setzt der Roman ein. Es wird ein durchgehend personaler Erzählstil verwendet, der dem Leser vielfältige Innensichten des Sängers offenbart, so dass man einen guten Eindruck seines Charakters, seiner Vorlieben und Eigenschaften gewinnt. In gedanklichen Rückblenden erschließen sich auch Kindheit, Beziehungen und Erlebnisse, oft gepaart mit nachträglichen Einsichten oder Emotionen, seien es Freude, Schmerz oder Bedauern. Diese Rückblenden durchbrechen die Handlung kontinuierlich.

    Schon als Kind war Schmidt aufgrund seiner kleinen Größe (als Erwachsener erreichte er nur 1,54 m) ein Außenseiter. Schon früh erkannte er seine Liebe zur Musik: „Am schönsten war es, wenn ein Chor sang, diese Klänge umschlossen das Kind und bargen es, fast so schön wie die Arme der Mutter, die sich um ihn schlangen.“ (S. 20)

    Während der Vater die Singerei als dem Glauben entgegengesetzt betrachtet, fördert die Mutter die Musikalität des Sohnes. Joseph entwickelt sich zum vergeistigten Sänger, der für die Bühne und den Applaus lebt und vieles daneben vergessen kann. Der geldgierige Onkel Leo übernimmt seine Vermarktung, führt ihn zum Erfolg. Während Schmidt ein ausuferndes Leben mit zahlreichen Beziehungen zu Frauen führte (aus einer entstand auch sein unehelicher Sohn Otto), hielt er seiner in Czernowitz gebliebenen Mutter immer die Treue. Er lud sie ein, unterstützte sie finanziell: „ Die Mutter hätte er zu sich genommen, wenn es gegangen wäre. (…) aber er hatte zu viele Verpflichtungen, er musste reisen, sie konnte nicht an seiner Seite bleiben, war dann wieder zurückgefahren zu den Töchtern, die sie, dank der Zuschüsse des Sohns, willig betreuten.“ (S. 37)

    Auf der Flucht nun erkrankt Schmidt schwer. Er bekommt Fieber, ist sehr schwach und vor allem sind Hals und Kehlkopf entzündet, so dass er nicht mehr singen kann und seine Einnahmequelle vollends zu verlieren droht, was ihm zunehmend wirtschaftliche Sorgen beschert, ist er doch auf Almosen angewiesen. In der Schweiz angekommen wohnt er für eine kurze Zeit in einer Pension, wird dann aber in das Internierungslager Girenbad eingewiesen.

    Durch kursiv gedruckte, authentisch wirkende Kapitel erhalten wir Einblicke in die Gedankenwelt von zwei Bewunderinnen, von amtlichen Entscheidungsträgern und von Ärzten, die mit „dem Fall Joseph Schmitt“ befasst sind und über ihn zu entscheiden haben. Man stellt fest, dass die damaligen Standpunkte zur Flüchtlingsfrage erstaunliche Parallelen zur aktuellen Diskussion haben. Auf der einen Seite geht es um Menschlichkeit und moralische Verpflichtung den Flüchtlingen gegenüber, die bei einer Ausweisung der sichere Tod erwarten würde. Auf der anderen Seite sehen die Behörden das Gemeinwohl der einheimischen Bevölkerung in Gefahr und sehen sich an die Grenzen der Aufnahmefähigkeit gebracht.
    Mir gefällt dabei außerordentlich, dass Hartmann sich stark mit Wertungen und Stereotypen zurückhält. Er beschreibt die Menschen, ihre Werte und Emotionen sehr persönlich, nie auf eine ganze Gruppe bezogen: Es gibt Internierte, die anderen beistehen, es gibt diejenigen, die dem anderen das Brot aus der Hand nehmen. Es gibt den kalten Oberleutnant, der auf Einhaltung der Regeln pocht und den Korporal, der den Geflohenen eine Hilfe und Stütze ist.
    „Dann kam er ins Lager Girenbad, fand dort überraschend Freunde, Zuspruch, es war nie nur der Schrecken, der ihn bedrängte, es gab in finsteren Momenten auch stets die hellere Seite, und darum lag er jetzt hier,…“. (S. 260)

    Auch Schmidt als Jude ist kein Unschuldslamm: er hat menschliche Fehler, er ist schwach, flüchtet mitunter vor der Realität. Er versucht ein guter Flüchtling zu sein. Er passt sich an, gehorcht und will auch schwere Arbeit leisten. Hier macht ihm aber seine Krankheit einen Strich durch die Rechnung, er kann oder soll nicht mehr wie ein normaler Flüchtling behandelt werden, es beginnt ein Spießrutenlaufen vor den verschiedenen Instanzen und Entscheidungsträgern, an dessen Ende Joseph Schmidt seiner Krankheit am 16. November 1942 erliegt. Der biografische Roman legt nahe, dass sein früher Tod bei besserer ärztlicher Behandlung des Patienten hätte vermieden werden können.

    Lukas Hartmann hat einen Roman gegen das Vergessen geschrieben, der absolute Aktualität genießt. Er hat mir eine furchtbare Zeit wieder ins Bewusstsein gebracht, die nie vergessen werden darf und aus der die Menschheit lernen muss. Die Geschichte öffnet den Blick darauf, was es heißt, auf der Flucht zu sein und seine Identität in der Masse zu verlieren. Darüber hinaus habe ich einen Ausnahme-Musiker kennengelernt, über den ich bislang noch nichts wusste, obgleich die von ihm intonierten Lieder Ohrwürmer sind.

    Der Schreibstil mit seinen Rückblenden und Einschüben ist nicht schwer zu erfassen. Der Roman liest sich spannend, lässt aber auch Raum für eigene Gedanken und Wertungen. In der zweiten Hälfte gerieten mir die persönlichen Innensichten und Krankheitsphantasien des Sängers etwas zu ausschweifend.
    Insgesamt ist „Der Sänger“ aber ein interessant konzipierter biografischer Roman, für den ich gerne eine Lese-Empfehlung ausspreche.


     
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