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Rezension Rezension (4/5*) zu Der Filmvorführer von Aka Morchiladze.

Dieses Thema im Forum "Gegenwartsliteratur" wurde erstellt von Renie, 9. November 2018.

  1. Renie

    Renie Moderator
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    eine besondere Freundschaft in Georgien

    "Er war ein ehrenhafter Mann, der beste überhaupt. Was er hatte, war eine merkwürdige, unausgesprochene Würde."

    Der, von dem hier die Rede ist, heißt Islam Sultanow. Der Mann mit der "merkwürdigen, unausgesprochenen Würde" ist Filmvorführer in einer ländlichen Kleinstadt in Georgien. Trotzdem er hier schon seit vielen Jahren lebt, wird er von den Bewohnern immer noch misstrauisch beäugt. Er lebt nahezu isoliert in einem kleinen Zimmer neben dem Vorführraum. Es wird viel spekuliert über Islam. Nur die wenigsten wissen, warum er in dieser Kleinstadt lebt. Einer von ihnen ist Beso, 40 Jahre jünger als Islam, ein Kind als die Beiden sich kennenlernen. Trotz des hohen Altersunterschied verbindet beide eine tiefe Freundschaft. Islam hat nicht immer als Filmvorführer gearbeitet. Er stammt aus einem russischen Adelsgeschlecht, welches von den Kommunisten bei der Machtübernahme in Russland fast ausgerottet wurde. Einzig Islam überlebte und wurde, nachdem er einige Jahre in einem Straflager verbracht hat, von den Kommunisten zwangsausgesiedelt. So ist er in dieser Kleinstad in Georgien gelandet.


    Vielleicht sind seine persönlichen Erfahrungen auch der Grund, dass er mit der Isolation gut leben kann. Die Freundschaft zu Beso genügt ihm. Und vielleicht sind auch die Erfahrungen von Islam der Grund, warum Beso unbeschadet durch den Afghanistankrieg kommt. Die Geschichte von Beso und Islam beginnt in den 70er und 80er Jahren. Zu diesem Zeitpunkt gehörte Georgien noch zur Sowjetunion. Als die Sowjets 1979 in Afghanistan einmarschieren und somit einen 10 Jahre andauernden Stellvertreterkrieg gegen die USA, Saudi-Arabien und Pakistan einläuten, werden die georgischen Männer ebenfalls rekrutiert. Der schützende Einfluss von Islam reicht sehr weit, bis in das Kriegsgebiet und rettet Beso das Leben. Islam wird über Jahre der väterliche Ratgeber von Beso sein.

    "Afghanistan bedeutete den Tod. In unsere Stadt wurden in den letzten acht Jahren drei junge Männer tot zurückgebracht. Keiner von ihnen war Soldat, alle arbeiteten als Fahrer. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was Afghanistan war. Ich wußte nur, daß dort Krieg herrschte und daß man unsere Jungs dorthin schickte, und die Gefallenen in Zinksärgen zurückbrachte."

    Das Leben in Georgien wird nicht nur durch die Politik sondern insbesondere durch Traditionen bestimmt. Traditionen, die einem Westeuropäer teilweise sehr befremdlich vorkommen. Beso wird in diesem Roman oft sagen "Bei uns ist das so.". Er ist mit diesen Traditionen aufgewachsen und stellt sie auch nicht in Frage. Genausowenig wird er die politische Entwicklung seines Landes in Frage stellt - nicht weil er sie befürwortet, sondern weil er sie mit fast schon stoischer Gelassenheit hinnimmt, da dies seinem Naturell entspricht.

    "Ich begriff, daß dieses Land in Wirklichkeit völlig anders war. Vielleicht spürte das damals jeder Mensch, aber nicht alle wollten es sich anmerken lassen. Denn wenn du dir etwas anmerken läßt, dann mußt du auch handeln."

    Der Roman ist ein Rückblick auf das Leben von Beso. Der Anfang spielt dabei in der heutigen Zeit. Gleich zu Beginn erfährt der Leser, dass Beso, mittlerweile Familienvater, als Chauffeur für eine internationale Organisation arbeitet und verschwunden ist. Peter, der Mann, dem Beso als Fahrer zugeteilt war, fühlt sich verantwortlich für den Georgier und begibt sich auf die Suche nach ihm. Dabei gelangt er an ein Schreibheft, indem Beso seine Geschichte aufgezeichnet hat. Der Text wirkt auf den Leser sehr authentisch. Stellenweise ist er sehr einfach strukturiert und formuliert, erscheint dadurch fast kindlich. Beso hat seine Geschichte in Englisch niedergeschrieben, also einer Sprache, die nicht seine Muttersprache ist, was die Schlichtheit des Textes erklärt. Was jedoch zählt, ist der Inhalt seiner Geschichte, die er mit viel Ruhe und Gelassenheit erzählt. Die politischen Rahmenbedingungen treten dabei in den Hintergrund. Im Vordergrund steht die Entwicklung von Beso und das Leben, das ihm die Freundschaft seines väterlichen Freundes Islam ermöglichen konnte.

    Fazit:
    Ein wohltuend schlichter Roman. Beso beschreibt sein Leben in Georgien in einer Gelassenheit, die die Handlung in diesem Roman dahinplätschern lässt. Egal, ob Traditionen oder politische Querelen, so ist nun mal das Leben.
    Ein Buch, das einerseits durch diese ganz besondere Freundschaft zwischen den beiden Männern besticht und gleichzeitig einen tiefen Einblick in die georgische Kultur gewährt.

    © Renie

     
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