Rezension Rezension (4/5*) zu Der Circle: Roman von Dave Eggers.

Renie

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Buchinformationen und Rezensionen zu Der Circle: Roman von Dave Eggers
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\"Geheimnisse sind wie Krebs\"

Dieses Buch hat im letzten Jahr große Beachtung gefunden. Die Buchkritiken waren allerdings unterschiedlich. Von \"grottenschlecht\" bis hin zu \"ein absolutes Muss\" war alles dabei.
Da ich beruflich einen Bezug zur IT-Branche habe, konnte ich allerdings nicht an diesem Buch vorbei und wollte mir ein eigenes Bild schaffen.

Und nachdem ich das Buch gelesen habe, tue ich mich schwer, eine vernünftige Rezension zu verfassen. Mir schießen soviel Gedanken zu diesem Buch durch den Kopf. Wenn ich diese jetzt alle niederschriebe, würde das den Rahmen sprengen. Ich habe daher versucht, mich auf die wesentlichen Gedanken zu beschränken - auch, wenn das Ergebnis dann keine Rezension im bekannten Sinne ist.

Das Szenario, das sich im Verlauf der Geschichte entwickelt, ist einfach nur gruselig: ein IT-Unternehmen, das sich zur Hauptaufgabe macht, Informationen zu sammeln und Transparenz zu schaffen und dadurch die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Keine Geheimnisse. Jeder soll alles von sich preis geben und mit der Circle-Community teilen. Und alles bedeutet wirklich alles. Da wird auch nicht vor Krankenakten halt gemacht. Daten sind für alle zugänglich. Jederzeit! Zur vollständigen Transparenz gehört natürlich auch, dass die Community visuell am Leben des anderen teilnimmt. Überall gibt es Videokameras, die 24 Stunden am Tag senden und auf die jeder Zugriff hat. Die Community lässt sich bereitwillig darauf ein. Transparenz erscheint als etwas Erstrebenswertes. Denn schließlich geht es um eine bessere Welt! Sogar Politiker reißen sich darum, 24 Stunden am Tag eine Kamera um den Hals zu tragen und ihr Handeln von allen Wählern überwachen zu lassen. Denn, wer bereit ist, sein Leben zu teilen, der hat auch nichts zu verbergen.

\"Geheimnisse sind wie Krebs.\"

\"In einer Welt, in der schlechte Entscheidungen keine Option mehr sind, haben wir keine andere Wahl, als gut zu sein.\"

In dem Buch stößt man immer wieder auf innovative Projekte des Circle, die einem irgendwie bekannt vorkommen. Gesundheitskarte, Webcams an öffentlichen Plätzen, Registrierung von Sexualstraftätern... um nur einige zu nennen. Das macht bewusst, dass wir in der Realität gar nicht mehr weit von dem Circle-Horrorszenario entfernt sind. Dem Circle gelingt es, allen Projekten etwas Positives abzugewinnen. Bedenken finden kein Gehör. Notfalls werden Bedenkenträger auch mit unlauteren Mitteln zum Schweigen gebracht. Da sind die Möglichkeiten in der IT ja unerschöpflich.

Die Personen in dem Buch erscheinen - mit wenigen Ausnahmen - seltsam profillos. Man hat Schwierigkeiten, die Personen voneinander zu unterscheiden. Sie ähneln sich irgendwie, zeigen die gleichen Verhaltensmuster, haben keine \"Ecken und Kanten\" und sind gegeneinander austauschbar. Ich vermute, dass dies von David Eggers gewollt ist, um zu verdeutlichen, dass in einem Szenario, das den Zustand des \"Gläsernen Menschen\" anstrebt, die Persönlichkeit des Einzelnen auf der Strecke bleibt. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass gerade denjenigen Personen, die aus der Masse herausragen, einen größeren Anteil an der Handlung gehabt hätten. Das ist leider nicht passiert. Daher gibt es von mir einen Punktabzug. Nichtsdestotrotz kommt das Buch auf meine Empfehlungsliste.

Dieses Buch hat mich sehr beeindruckt. So konnte ich bei mir beobachten, dass mein Umgang mit Internet und Social Media kritischer geworden ist. Dabei geht es mir gar nicht so sehr um Informationen, die ich über mich Preis gebe - da war ich vorher schon zurückhaltend - sondern auch um Informationen, die ich von anderen erhalte. Wen interessiert schon, wieviel Sandkörner es in der Sahara gibt? (Eines der Projekte des Circle) Es gibt mittlerweile viel zu viele Informationen über Dinge, die eigentlich keinen interessieren. So sind der Lektüre dieses Buches doch einige meiner Facebook-Freunde zum Opfer gefallen und von mir \"entfreundet\" worden. Aber, wen interessiert`s?


http://whatchareadin.de/comment/1742
 

Die Häsin

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Mich hat, obwohl es eindeutig ein immens wichtiges Buch ist, an der Erzählhaltung einiges gestört. So ist vor allem die völlige Uneinsichtigkeit der Hauptfigur ein Problem. Da fehlt mir eindeutig die Reibungsfläche.

Und dann habe ich mich auch oft zwei Dinge gefragt: Erstens, wie ist ein Arbeitsaufwand, wie ihn die Circle-Angestellte Mae bewältigt, überhaupt in der Praxis umzusetzen? Man kann beim besten Willen nicht ein paar tausend hirnlose Bemerkungen und Einladungen zu irgendwelchem Klimbim einzeln beantworten und dabei noch der eigentlichen Arbeit, nämlich der Betreuung von Werbekunden, nachgehen. Dann kommen die Freunde von Freunden von Freunden und erwarten, dass man Online-Essays der Töchter liest - das wird ja sehr bildhaft dargestellt, aber dass ein einzelner Mensch, und sei er noch so schnell, mit alledem zu Rande kommt, kann doch gar nicht sein.
Und zweitens fehlt mir in der schönen neuen Welt des Circle eindeutig das Bedienungspersonal. Wer putzt denn die ganzen Glasflächen, wo sind die schlecht bezahlten Gärtner mit dreckigen Händen, die Putzfrauen, die Kellner? Oder erschöpft sich die Bedienung mit Sterneköchen, die für Gotteslohn arbeiten?

Natürlich kann es durchaus sein, dass Eggers genau das erreichen möchte. Dass sich die Leserin genau diese Fragen stellt. Dann kann ich nur sagen - hat geklappt. Insgesamt ein etwas schwer verdauliches Buch, ein bisschen reißbrettmäßig, aber es ist ja schon fast ein Thesenroman, da ist das wohl erlaubt.
 
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