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Rezension Rezension (4/5*) zu Das Weiße Schloss: Roman von Christian Dittloff.

Dieses Thema im Forum "Gegenwartsliteratur" wurde erstellt von Renie, 10. Oktober 2018.

  1. Renie

    Renie Moderator
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    eine Dystopie, die keine ist

    Vor 30 Jahren wurde Louise Brown, das erste Kind aus der Retorte, geboren. Seitdem sind Millionen von Kindern weltweit mit Hilfe der Reproduktionsmedizin auf die Welt gekommen. Allein hier in Deutschland kommen jedes Jahr zwischen zehn- und 13tausend Kinder zur Welt, die außerhalb des Mutterleibs gezeugt wurden. (Quelle: Deutschlandfunk, 2016)

    Was vor 30 Jahren für eine Sensation gesorgt hat, ist heutzutage Alltag geworden. Die Möglichkeiten, den Wunsch nach einem Kind zu erfüllen, sind vielfältig geworden.

    Eine dieser Möglichkeiten bietet die Grundlage für Christian Dittloffs Dystopie "Das Weiße Schloss", indem ein Ehepaar von einer Leihmutter ein Kind austragen lässt. Die Vermittlung dieser Leihmutter ist durch die fiktive Institution "Das Weiße Schloss" erfolgt. Hier müssen sich Eltern "bewerben", um den Service, den "Das weiße Schloss" bietet, in Anspruch zu nehmen. In diesem Institut erfolgt die ärztliche Betreuung. Gleichzeitig lebt hier die ausgewählte Leihmutter während der Schwangerschaft - zusammen mit zahlreichen anderen Leihmüttern. Denn das Geschäft boomt.

    "'Auf dem Weißen Schloss sind wir uns darüber im Klaren ..., dass wir mit jeder Empfängnis vor einer wichtigen und komplexen Aufgabe stehen. Die assistierte Empfängnis und die Tatsache, dass das Kind der intendierten Eltern durch eine Tragemutter zur Welt gebracht wird, die es sogar im Alltag erzieht, löst traditionelle Familiengrenzen auf. ... Es ist ein Balanceakt zwischen sozialer Fremdheit und biologischer Nähe.'"

    Der Roman begleitet das Ehepaar Ada und Yves von den ersten Kontakten zum Weißen Schloss bis hin zum Ende der Schwangerschaft.

    Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten. Dazu gehören sowohl jegliche ärztliche Leistungen im Rahmen der Leihmutterschaft als auch die Vermittlung von Leihmüttern. Ganz anders in Ländern wie Russland, Thailand und Teile der USA. Doch der Roman spielt in Deutschland, in naher Zukunft. Wer es sich leisten kann, leistet sich eine Tragemutter des Weißen Schlosses, inklusive Rundum-Sorglos-Programm, das eine perfekte Schwangerschaft garantiert, ohne dass (Mutter) Ada die Unannehmlichkeiten, die mit einer Schwangerschaft verbunden sind, erdulden muss. Gleichzeitig wird den Eltern auch die Unannehmlichkeiten der Kindererziehung abgenommen. Denn die Leihmutterschaft hört nicht mit der Geburt auf. Das Kind wird von der Leihmutter großgezogen. Ada und Yves werden die Entwicklung ihres Kindes aus der Ferne begleiten. Gelegentliche Besuche und E-Mails werden sie auf dem Laufenden halten.
    Dadurch kommen sie in den Genuss, ihr bisheriges Leben weiterzuleben und sich gleichzeitig Eltern nennen zu dürfen.

    "'Es wird ein großartiges Kind. Und immer wenn wir es besuchen, können wir es lieben. Wir können gute Eltern sein.'"

    Ada und Yves repräsentieren einen Teil der Gesellschaft, welcher jegliche Fremdbestimmung ablehnt und in dem Konsum, Vergnügen und Egoismus den größten Teil des Lebens ausmacht.

    Ada arbeitet in einer Behörde, die sich mit der Auswahl und Bewertung neuer Mitglieder der Gesellschaft befasst. Wer in Deutschland einreisen möchte, wird auf Herz und Nieren geprüft. Nichts bleibt verborgen. Die Qualifikationsvoraussetzungen sind sehr anspruchsvoll und von elitärem Denken bestimmt. Auf diesem Weg hat sich Ada ihren Partner ausgewählt: Yves, ein Bildhauer aus Frankreich. Man wird den Eindruck nicht los, dass sie ihn als schmückendes Beiwerk zu ihrem Leben ansieht. Ada gibt den Ton vor. Ihr Anspruch ist, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Fremdbestimmung ist ihr ein Gräuel. Sie will sich ihre Einzigartigkeit bewahren.
    Ein Kind ist für sie ein Statussymbol und Luxus. Es ist ein "Nice-to-have", darf aber keine Einfluss auf das bisherige Leben nehmen. Insofern bietet "Das Weiße Schloss" den richtigen Service.

    "Sie wollte keine Liebe spüren, die größer war als die Liebe zu sich selbst."

    Der Roman "Das Weiße Schloss" ist eine Dystopie, die erschreckend nah an der Gegenwart ist. Man vergisst schnell, dass es sich hierbei um eine Zukunftsvision handelt. Denn die Episoden des Alltags, die hier geschildert werden, finden sich auch in unserer Gegenwart wieder und dürften dem dem Leser daher nicht fremd sein. Fast wird man ein bisschen eingelullt: ein Ehepaar mit Kinderwunsch, Arbeitsalltag, Freizeitvergnügen, das Prozedere der Reproduktionsmedizin sowie Schwangerschaft (viele Leser werden hier keine Erfahrungen haben, aber dennoch sind die Vorgänge nachvollziehbar)
    Doch dann gibt es diese Momente in dem Roman, die einen beim Lesen zusammenzucken lassen und deutlich machen, dass doch nicht alles so normal ist, wie es scheint. Dazu trägt auch der nüchterne und emotionslose Sprachstil von Christian Dittloff bei.
    Anfangs hatte ich meine Schwierigkeiten mit diesem Sprachstil. Das Buch lässt sich nicht flüssig lesen. Teilweise wirken Textpassagen sperrig. Daher benötigt man viel Ruhe für dieses Buch. Erst dann lernt man den eigenwilligen Sprachstil schätzen. Denn die Emotionslosigkeit spiegelt die Stimmung dieses Romanes perfekt wider. Elternschaft hat im wirklichen Leben ganz viel mit Gefühl zu tun. Doch die Gefühle finden in der Elternschaft um "Das Weiße Schloss" nicht statt. Hier steht die Reproduktionsmaschinerie im Vordergrund und Eltern, die sich bestenfalls Gefühle gegenüber sich selbst erlauben.

    Fazit:
    Eine Dystopie, die irgendwie keine ist. Denn dafür sind die Überschneidungen zu unserer Gegenwart zu gravierend. Ein hochinteressantes Thema! Leseempfehlung!

    © Renie

     
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