Rezension (4/5*) zu Azzurro mortale von Andrea Bonetto

Papierfresserchen

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7. Dezember 2023
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Signor Grassi sucht das Glück: Unbeschwerter Urlaubskrimi

Im 2. Band seiner noch frischen Commissario Grassi-Reihe „Azzurro Mortale“ ist es dem Autor Andrea Bonetto abermals gelungen, mediterranes Urlaubsflair auf etwa dreihundert Buchseiten zu zaubern. Der Ligurien-Krimi besticht durch einen lockeren Schreibstil, der sowohl dem Protagonisten als auch dem Autor schmeichelt.
Worum geht es? Während eines Familienausflugs der Grassis (bis auf die erwachsene Tochter, die in Deutschland studiert, sind nach Vitos Grassis Flucht aus Rom an den ligurischen Küstenort Levanto die Ehefrau Chiara und sein erwachsener Sohn Alessandro zu Besuch) wird in Corniglia, einem Dorf der Cinque Terre, die Leiche eines jungen Mannes im Wasser entdeckt. Seltsamerweise scheint er nicht ertrunken oder zunächst auf erklärbare Weise ums Leben gekommen zu sein. Zeit für Grassi, einem möglichen Verbrechen nachzugehen. Diese muss er sich nicht nehmen, denn ein sehr persönlicher Konflikt zwischen ihm und seiner Ehefrau Chiara, in dessen Mittelpunkt seine attraktive und geheimnisvolle Mitbewohnerin Toni steht, lässt ihn schnell allein dastehen. Natürlich kann er sich wenigstens auf seinen Sidekick bei der Polizei, der Ispettora Ricci, verlassen. Gemeinsam versuchen sie Licht ins Dunkel dieses Todesfalls zu bringen. Die dünne Spur führt ins Drogengeschäft und der korrupten Bauwirtschaft, die auch für das historische Morandi-Unglück, dem Einsturz der Brücke im August 2018, verantwortlich sein soll. Bald wird deutlich, dass auch die Mafia ihre Finger im Spiel hat. Grassi bleibt dran. Seine Hartnäckigkeit und sein Hang zu riskanten Manövern verschaffen ihm den Vorsprung, den Fall lösen zu können. Ob auch seine Suche nach seinem privaten Glück belohnt wird? Das wird an dieser Stelle nicht verraten.
Meine Erwartungen an eine humorvolle und unterhaltsame Urlaubslektüre haben sich erfüllt. Die anekdotenhaften Abenteuer mit Rennautos auf schmalen Pässen und die kulinarischen Genüsse der italienischen Küche machen Lust, die Koffer zu packen. Der Leser fühlt sich schnell in Bella Italia willkommen. Dazu kommt, dass das Taschenbuch in Klappbroschur selbst im liebevoll gestalteten Innenteil mit einem Pasta-Rezept (!) und einem Kartenausschnitt aufwartet. Sehr schön!
Einen Stern ziehe ich allerdings ab, da der Plot des Krimis zwar sehr informativ ist (und auch sehr interessante Anmerkungen am Ende des Buches zur Realität gezogen werden), aber nur einen flachen Spannungsbogen beschreiben kann. Grassi stößt bei seinen Ermittlungen auf keine ernsthaften Widerstände, denn die Übeltäter:innen sind ihm gegenüber sehr eilfertig und auskunftsfreudig, was nicht immer überzeugend wirkt. Somit spult er den Fall fast routinemäßig ab, aufgehellt durch ein paar hübsche Einfälle, die mit vielen actionreichen Handlungen garniert sind. Eine besondere Raffinesse ist in der Ermittlungstaktik nicht notwendig (abgesehen von seinem kurzen, weil nicht durchdachten Undercovereinsatz). Vielleicht liegt das auch daran, dass ich einige „Anleihen“ aus der erfolgreichen Montalbano-Reihe entdecke, gerade was die persönlichen Beziehungen zu manchen Nebenfiguren - wie die Neckereien zum Gerichtsmediziner Penza - anbelangt. Dies bringt Grassi viele Sympathien, allerdings benötigt er in diesem Fall nicht den Scharfsinn des Sizilianers (oder auch seines venezianischen Kollegen Brunetti). Super finde ich dagegen die Zusammenhänge, die zwischen den Verbrechen am Ende hergestellt werden. Hier hat der Wahlitaliener Bonetto, der vorher in München lebte, einen großartigen Punkt errungen. Sie reichen in dem real noch offenen Gerichtsverfahren zu dem Morandi-Einsturz bis zu Informationen über die Familie Benetton.
Ich bin mir sicher, dass die Ligurien-Reihe fortgesetzt wird. Die Kulisse ist filmreif und die Figuren sind tauglich, ein breites Publikum zu unterhalten.
Auf der Suche nach Grassis Glück beschreibt Bonetto sich auch ein wenig selbst – unschwer zu erkennen in den sehr detaillierten Beschreibungen der Oldtimer und den Triumphen von AS Rom. Bravissimo!

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