Rezension (3/5*) zu Unsere verschwundenen Herzen: Roman von Celeste Ng

luisa_loves-literature

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9. Januar 2022
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Eine unheimlich Vision

Celeste Ngs Roman „Unsre verschwundenen Herzen“ lässt mich zwiegespalten zurück. Der dystopische Roman, in dessen Mittelpunkt zunächst der Junge Noah, genannt Bird, steht, beginnt sehr stark in einer Version der USA, die leider gar nicht mal so unwahrscheinlich erscheint. Zum Schutz von amerikanischen Werten und Traditionen ist ein Gesetz erlassen worden, das in seinen Auswirkungen insbesondere asiatisch-stämmige US-Amerikaner stark diskriminiert. Birds Mutter hat als Folge von Ereignissen im Zuge dieses Gesetzes ihn und seinen Vater verlassen müssen, aber Bird verspürt das dringende Bedürfnis, sie zu suchen und zu finden.

Die erste Hälfte des Romans, die auf bedrückende Weise von Birds Leben in diesem repressiven System berichtet und von seiner Spurensuche auf dem Weg zu seiner Mutter, ist sehr gelungen. Ng gelingt es hier die Verwirrung und Überforderung des Kindes darzustellen, seinen Wunsch nach Wissen und die Ungerechtigkeit und die Implikationen des Gesetzes. In diesem Teil finden sich ausgezeichnete Bilder und Metaphern, die Erzählweise ist sehr zurückhaltend und nüchtern, aber durch zahlreiche Verweise auf Märchen und die Gattung des Schauerromans atmosphärisch stimmungsvoll aufgeladen – es wird sehr eindrücklich dargestellt, wie nah das Unheimliche der Heimat ist. Kurzum – für mich war „Unsre verschwundenen Herzen“ bis zur Hälfte ungefähr ein ganz toller, sehr lesenswerter Roman.

Der Rest des Romans konnte mich allerdings nicht mehr begeistern. Statt weiterhin mit dem Ominösen und dem Unbekannten zu spielen, wird nun sehr umfassend, detailliert und konventionell auf die Vergangenheit der Mutter eingegangen – sicherlich nicht uninteressant, aber der Roman verspielt auf gleich zwei Ebenen völlig sein Potenzial. So verliert die Mutter als Figur das Geheimnisvolle und das Vage, das sie für den Leser (und wahrscheinlich Bird) so reizvoll gemacht hat, während auch das dystopische Setting viel zu deutlich erklärt wird. Für den Leser bleibt (abgesehen von einer zugegebenermaßen zentralen Aktion) weder in Bezug auf die Mutter noch auf den dystopischen Kontext Raum, Widersprüche oder Fragen selbst aufzulösen oder überhaupt noch Hypothesen zu erschaffen. So verflacht der Roman in der zweiten Hälfte etwas, nimmt zu wenig die Mutter-Sohn-Beziehung in den Blick und kann letztlich nur am Ende, das noch eine spannende Frage aufgeworfen wird, wieder überzeugen.