Rezension (3/5*) zu Treibgut von Adrienne Brodeur

dracoma

Bekanntes Mitglied
16. September 2022
1.894
7.307
49
Buchinformationen und Rezensionen zu Treibgut von Adrienne Brodeur
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Probleme aus der Welt der Reichen und Schönen

Mein Hör-Eindruck:

Cape Cod im Sommer, ein Sommerhaus direkt am Strand, Golfplätze, rauschende Parties und rauschende Meereswogen, Glitzer und Glamour, endlose Strände - und schon sind wir als Leser mitten drin in der Welt der Reichen und Schönen. Da ist Adam, der Senior, ein eitler, aber brillanter Wissenschaftler, was die Buckelwale angeht. Sein Sohn ist ebenfalls brillant als Immobilien-Tycoon, und seine Tochter ist auch brillant, als Künstlerin. Schwiegertochter Jenny ist schön und eine perfekte Gastgeberin. Als Leser ist man geblendet von so viel Schönheit und Brillanz, und daher bietet Steph, eine junge Polizistin aus einer kleinbürgerlichen Familie, einen durchaus willkommenen Kontrast zu den Upper-class-Figuren. Und da der Klappentext Familiengeheimnisse verspricht – immer ein verlockendes Thema -, weiß man, dass nicht alles Gold ist, was glänzt und dass auch die Schönen und Reichen ihre Kümmernisse haben. Leider liegt das Familiengeheimnis recht schnell auf dem Tisch, sodass keine Spannung entsteht.

Der Roman ist geschickt aufgebaut, weil jeder Figur ein eigenes Kapitel zugewiesen wird. Dieses multiperspektivische Erzählen bietet die Innensicht und bringt damit den Leser nahe an die einzelnen Figuren heran, ohne dass es zu Redundanzen kommt.

Alle Figuren zusammen bieten ein gewaltiges Kaleidoskop an Problemen und Themen: sexuelle Übergriffe, Verlustängste, Pubertätskonflikte, Alkoholismus, Freundschaftsprobleme, Ehebruch, Klimaschutz, Biodiversität, Eifersucht, uneheliche Schwangerschaft, homosexuelle Ehen, Eifersucht, psychische Erkrankungen, genetische Defekte, Esoterik, Ehekrisen, Psychotherapien, Sexismus etc. Und nicht zuletzt Tierschutz – was die Tochter aber nicht daran hindert, die Hummer für die abendliche Party in einem Sandloch schön langsam bei lebendigem Leibe zu rösten; das Rezept wird ausführlich vorgestellt. Pfui! Gerade diese Tochter ist aber so eins mit der Natur, dass sie die unterirdische Präsenz von Pilzen an einem Kribbeln im Haar spürt. Eine durchaus praktische Fähigkeit, aber leider nicht glaubhaft. Das alles wird erzählt vor der Kulisse des Wahlkampfes im Jahr 2016, wobei die Damen des Romans die Daumen drücken für Hilary Clinton. Argumente erfährt man als Leser nicht, es reicht, dass sie eine Frau ist.

Ähnlich oberflächlich und unreflektiert werden die vielen Themen des Buches abgehandelt. Die Autorin öffnet ein Fass nach dem anderen, ohne dass sie nur auf ein einziges den Deckel wieder daraufsetzen kann. Die Figuren entwickeln sich nicht, sie wachsen nicht an ihren Problemen. Sie bleiben daher letztlich blass und gewinnen kaum Konturen über das Klischee hinaus. Die oft witzigen und pointierten Dialoge sind allerdings ein Highlight des Romans.

Ein großes Lob geht ebenfalls an die Sprecherin Vera Teltz! Aber auch sie kann aus Stroh kein Gold spinnen.

Wer einen unverbindlichen Roman über die familiären Probleme der Reichen und Schönen lesen möchte, ist mit dem Roman gut beraten.



 

Christian1977

Bekanntes Mitglied
8. Oktober 2021
2.771
13.608
49
47
Wahlkampfes im Jahr 2016, wobei die Damen des Romans die Daumen drücken für Hilary Clinton. Argumente erfährt man als Leser nicht, es reicht, dass sie eine Frau ist.
Ehrlich gesagt hätte mir das als Amerikaner 2016 auch gereicht ;).

Ich hatte bei dem Buch auch überlegt und bin nach deiner aussagekräftigen Rezension nun doch froh, es nicht gelesen zu haben bzw lesen zu müssen. Vor allem wegen des Hummers. Das mit den Pilzen finde ich aber cool.
 

Wandablue

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18. September 2019
10.162
23.473
49
Brandenburg
Eine qualifizierte Rezension - wie es nicht anders zu erwarten ist. Du hast noch unerwähnt gelassen, dass die sich alle total leid tun und denken, sie hätten das schwerste Los auf Erden! Und dann ist da noch der Roman von Graham Norton - was sagst du erst dazu?
 
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Reaktionen: Barbara62

dracoma

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16. September 2022
1.894
7.307
49
Und dann ist da noch der Roman von Graham Norton - was sagst du erst dazu?
Den höre ich heute Abend weiter. Bislang ist er recht melodramatisch.
Bisher steht mir mein Pragmatismus im Weg; ich verstehe nicht, wieso man geächtet und verfemt, von seinen Eltern verstoßen, geteert und gefedert wird, wenn man nach einer Scheidung nochmals heiratet?
 

dracoma

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16. September 2022
1.894
7.307
49
ch hatte bei dem Buch auch überlegt
Ich fand das Cover so schön, das Meer und diese Farben...!
Aber die Landschaft bleibt Staffage, ohne einen anderen Wert als den der Kulisse. Theoretisch könnte der Roman auch im Sauerland spielen, und der geniale Adam erforscht statt der Buckelwale den heimischen Igel.
 

Wandablue

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18. September 2019
10.162
23.473
49
Brandenburg
Den höre ich heute Abend weiter. Bislang ist er recht melodramatisch.
Bisher steht mir mein Pragmatismus im Weg; ich verstehe nicht, wieso man geächtet und verfemt, von seinen Eltern verstoßen, geteert und gefedert wird, wenn man nach einer Scheidung nochmals heiratet?
Carol - wenn du sie meinst, hat ja eben das nicht getan.
 

alasca

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13. Juni 2022
3.323
10.660
49
Den höre ich heute Abend weiter. Bislang ist er recht melodramatisch.
Bisher steht mir mein Pragmatismus im Weg; ich verstehe nicht, wieso man geächtet und verfemt, von seinen Eltern verstoßen, geteert und gefedert wird, wenn man nach einer Scheidung nochmals heiratet?
Wann spielt denn der Roman? Und wes Glaubens sind die Protagonisten?
 

dracoma

Bekanntes Mitglied
16. September 2022
1.894
7.307
49
Wann spielt denn der Roman? Und wes Glaubens sind die Protagonisten?
Irland - Jetzt-Zeit - Konfession ungenannt, kein Thema.
Aber in dem Buch gibt es auch homosexuelle Beziehungen, sogar eine Ehe von zwei Männern und Leihmutterschaft; daher wundert mich die gesellschaftliche Ächtung für ein mittelalterliches Paar, das unverheiratet zusammenlebt.
 
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Reaktionen: alasca

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