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Rezension Rezension (3/5*) zu Slow Horses: Ein Fall für Jackson Lamb von Mick Herron.

Dieses Thema im Forum "Krimis & Thriller" wurde erstellt von parden, 2. Oktober 2018.

  1. parden

    parden Forumlegende

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    Slow bis zäh...

    River Cartwright ist ein ausgemusterter MI5-Agent, und er ist es leid, nur noch Müllsäcke zu durchsuchen und abgehörte Telefonate zu transkribieren. Er wittert seine Chance, als ein pakistanischer Jugendlicher entführt wird und live im Netz enthauptet werden soll. Doch ist das Opfer der, der er zu sein vorgibt? Und wer steckt hinter den Entführern? Die Uhr tickt, und jeder der Beteiligten hat seine eigene Agenda. Auch Rivers Chef.


    "Wo haben sie ihn hingeschickt? Irgendein Drecksloch, wo es richtig schrecklich ist? - Schlimmer geht's nicht. - O mein Gott, doch nicht in das Drecksloch, nicht Slough House? - Könnte sein." (S. 30 f.)


    Eine Ansammlung erfolgloser Agenten beherbergt das Slough House, eine fast vergessene Zweigstelle des MI5. Mit dem berühmten Geheimdienst Londons haben die Slow Horses, wie die abgehalfterten Mitarbeiter der Außenstelle spöttisch genannt werden, jedoch kaum noch etwas zu tun. Stumpfsinnige Aufgaben müssen sie erledigen, tagein tagaus Telefongespräche verschriftlichen, Müll durchforsten ohne zu wissen, wonach sie überhaupt suchen, alles mürbe machende Tätigkeiten, immer in der Hoffnung, dass die ehemaligen Agenten von alleine kündigen. Noch nie jedenfalls ist einer von ihnen zurückgekehrt nach Regent´s Park, der Zentrale des MI5.

    River Cartwright ist einer der ausgemusterten Agenten und wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich wieder einmal an einer echten Ermittlung teilzunehmen. Der Thriller beginnt fulminant mit der Szene, die verdeutlicht, weshalb River nicht länger ein vollwertiges Mitglied des Secret Service ist: bei einer Übung verwechselte er den zu Verfolgenden, so dass nicht nur der U-Bahnhof lahmgelegt wurde, sondern der vermeintliche Attentäter in Ruhe dazu kam, die Sprengsätze zu zünden und damit sich und zahlreiche andere in den Tod zu reißen. Nur eine Übung, glücklicherweise, aber eben auch ein Grund für die Disqualifizierung.

    Nach dem Prolog wird die Spannung plötzlich komplett aus der Erzählung herausgenommen und weicht einer langatmigen und sehr ausführlichen Schilderung der Personen und Räumlichkeiten von Slough House. Fast wie nebenbei erfährt der Leser auch von der Entführung eines pakistanischen Jungen und der Drohung der vermutlich rechtsextremen Täter, ihrem Opfer vor laufender Kamera den Kopf abzuhacken. Trotz dieses schockierenden Umstands laufen die Ermittlungen hierzu nur schleppend oder gar nicht an, und nur in kurzen, wie eingeblendeten Sequenzen, erfährt der Leser von der beängstigenden Situation des Entführten, ohne dass der Fall als solcher in der Erzählung dominiert.

    Jackson Lamb, der schmierige, schmerbäuchige, ungehobelte, faule, verbitterte, misantropische, überhebliche Koloss von einem Chef lässt die abgehalfterten Agenten von Slough House täglich spüren, was sie für Versager sind, und vergräbt sich selbst in seinem Büro, in dem Tag und Nacht die Jalousien herabgelassen sind. Doch kommt etwas in Bewegung, als er bezüglich des entführten pakistanischen Jungen beginnt, auf eigene Faust mit den Ermittlungen zu starten und dabei auch seine Untergebenen mit einzubeziehen, die nach echter Agententätigkeit lechzen. Allerdings kommt dies dermaßen zäh in Gang, dass ich tatsächlich schon fast aufgegeben hätte, als es im letzten Drittel endlich spannender zu werden begann.


    "Lamb drehte sich zu ihm um und musterte ihn durch halbgeschlossene Augen, was River daran erinnerte, dass das Nilpferd zu den gefährlichsten Tieren der Welt gehört. Es war tonnenförmig und tapsig, aber wenn man eins ärgern wollte, tat man das besser von einem Hubschrauber aus. Jedenfalls nicht, wenn man mit ihm in einem Auto saß." (S. 259 f.)


    Der Autor Mick Herron arbeitet hier mit zahlreichen Perspektivwechseln, gegen Ende in immer rascherer Folge, was die Spannung eindeutig erhöht. Davor führten sie für mich jedoch oftmals zu einer Verwässerung des Falles, da auf diese Art bedeutsame wie nebensächliche Fakten gleichberechtigt nebeneinander stehen, ohne dass der Leser schon entscheiden kann, was nun wichtig ist und was nicht. Dies war - freundlich ausgedrückt - überaus anstrengend zu lesen, und mehr als einmal gab ich dem häufigen Impuls nach, das Buch einfach erst einmal wieder wegzulegen.

    Über die Hintergründe der Entführung werde ich mich hier nicht auslassen, nur so viel: nichts daran ist so abstrus, dass ich es mir nicht auch in der Realität vorstellen kann. Allerdings führte die Erzählung bei mir häufig sowohl zu Verwirrung als auch zu Genervtsein. "Jeder gegen jeden, trau nicht mal Deinem eigenen Schatten, keiner weiß mehr was er glauben, geschweige denn wem er vertrauen soll. Jeder ist irgendeine Schachfigur von jemand anderem", schrieb ich in der Leserunde zum Buch. Und genauso wie die meisten Charaktere im Buch lange Zeit keinen Durchblick hatten, ging es mir als Leser auch.

    Alles in allem also ein durchwachsenes Leseerlebnis. Die Spannung blieb lange Zeit auf der Strecke, die Vorstellung der handelnden Personen geriet für meinen Geschmack zu ausführlich und umfangreich, die Verwirrung war meist das vorherrschende Gefühl beim Lesen. Das Ende allerdings war dann durchaus spannend und überzeugend, und die Charaktere entzogen sich einem letztlich nicht mehr vollkommen. Und der Chef von Slough House, Jackson Lamb, zeigt bei aller Widerwärtigkeit seiner Person letztlich doch einen hohen Moralkodex: er versucht, seine eigene Agenten zu schützen, so weit das eben geht.

    Da das spannende letzte Drittel die Zähigkeit der davor liegenden Seiten nicht auslöschen kann, komme ich hier nur zu einer mittleren Wertung. Ich habe nichts gegen langsame Erzählungen, aber den Leser im Dunkeln durch ein endlos scheinendes Labyrinth aus Informationen zu führen, erscheint mir dann doch übertrieben. Den Humor allerdings möchte ich hier noch postiv hervorheben. Trocken, schwarz und eben - ja, englisch, riss mich da doch manchmal ein Lachen aus meiner genervten Lethargie.


    "Wir haben einen Agenten. So gewinnt man gemeinhin Informationen. - Aber von dieser neuesten Entwicklung wusste Ihr Mann nichts? - Wenn er alles wüsste, wäre er nicht nur ein Agent (...) Er wäre Wikipdia." (s. 192)


    Ein zäher erster Band einer in England bereits sechsbändigen Reihe um Jackson Lamb, der viel Durchhaltevermögen verlangt, letztlich aber mit einem überzeugenden Ende aufwartet.


    © Parden

     
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