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Rezension (3/5*) zu Shylock: Roman von Howard Jacobson.

Dieses Thema im Forum "Humor" wurde erstellt von Literaturhexle, 3. September 2018.

  1. Literaturhexle

    Literaturhexle Moderator

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    Zwei Welten treffen aufeinander

    Anlässlich des 400. Todestages des großen Dramatikers William Shakespeare startete das Hogarth-Projekt, für das namhafte Autoren verpflichtet wurden, ein Drama des Künstlers neu in einem Roman zu verarbeiten. Der Knaus-Verlag übernahm die Rechte sowie die deutsche Übersetzung. Laut allgemein geltender Auffassung sollen die Romane auch ohne Kenntnis des zugrunde liegenden Originals verständlich sein. Das galt es für mich zu testen, außer der Inhaltsangabe war mir nichts vom "Kaufmann von Venedig" bekannt.

    Auf dem Friedhof trifft der reiche Kunstsammler Strulovitch einen Mann namens Shylock, der aufrichtig seine verstorbene Frau Leah betrauert und Zwiesprache mit ihr hält. Beide Männer sind Juden, haben aber eine sehr unterschiedliche Auffassung ihres Glaubens. Während Shylock (diese Figur scheint aus dem shakespearischen Drama entlehnt zu sein) die Gebote und Riten des Judentums beherzigt und ernst nimmt, lässt der Genussmensch Strulovitch da schon mal alle Fünfe gerade sein. Beide Männer haben Schwierigkeiten mit ihren Töchtern: Jessica, Shylocks Spross, ist bereits mit einem Ungläubigen durchgebrannt. Beatrice, die Tochter Strulovitchs, hat einen lockeren Lebenswandel, ist in den falschen Freundeskreis geraten und steht im Begriff, mit einem schlecht beleumdeten, ebenfalls ungläubigen Fußballer abzuhauen, was den Vater sehr unglücklich macht. Strulovitch lädt den verarmten Shylockzu sich nach Hause ein. Dadurch ergeben sich viele Gespräche über den Glauben an sich und dessen Verhältnis zum Christentum. Teilweise sind diese Dispute amüsant zu lesen, weil sie sehr eloquent formuliert sind. An vielen Stellen dominiert aber eine stereotype Grundhaltung, die den ganzen Roman durchzieht. Es wird genau definiert, wie der Jude ist und gesehen wird, was er tun darf und was nicht - und das mit äußerst diskreditierendem Vokabular. Mit Sicherheit wollte Jacobson, der selber Jude ist, ein Zeichen gegen den Antisemitismus setzen. Das ist ihm nach meinem Verständnis nicht gelungen oder aber ich habe es nicht verstanden.

    Ein weiterer Handlungsstrang rankt sich um Beatrice, die sich mit ein paar Leuten der High Society zusammengetan hat. Insbesondere sind hier die reiche Erbin Plurabelle und ihr Assistent D'Anton zu nennen. Sie leben in einer dekadenten, oberflächlichen Scheinwelt, in der Geld keine Rolle spielt und nur das Vergnügen zählt.  Dieser unrealistische Hintergrund hat mich sehr befremdet, passt er doch gar nicht in die klassische Grundkonstruktion des Romans. Beatrice wird aus einer Laune heraus dem Fußballer Gratan "zugeführt", weil der eine Vorliebe für jüdische Mädchen hat. Rein sexuell scheint das Paar auch zu harmonieren, zunehmend entdeckt Beatrice jedoch die Defizite ihres Freundes. Dieser Teil mit den Reflexionen des jungen Mädchens über sich selbst, den Freund und ihr eigenes Verhältnis zum Vater hat mir gut gefallen.

    Während Beatrice und Gratan in Venedig weilen, sinnen Strulovitch und Shylock nach einem Weg, wie sie die unstatthafte Verbindung reinwaschen können. Da Gratan nicht bereit ist, zum Judentum überzutreten und sich entsprechend beschneiden zu lassen, kommen die beiden Väter auf die Idee, dass eine "Stellvertreter-Beschneidung" auch die geforderte Satisfaktion herstellen könnte....
    Spätestens hier konnte ich der Intention des Autors nicht mehr folgen. Das Ritual der Beschneidung wurde in seiner Bedeutung dermaßen überzeichnet, dass es in die heutige Welt, in der auch viele christliche Jungen aus medizinischen Gründen beschnitten werden, nicht mehr hineinpasst.

    Der Roman ist außerordentlich gut geschrieben. Die Dialoge haben Esprit und Humor. Neben der aus meiner Sicht überstrapazierten Glaubensdiskussion spielten auch weitere Themen wie Schuld und Vergebung, Familienbande oder Kritik an der modernen Gesellschaftsentwicklung eine Rolle. Da gab es einige wirklich treffende Passagen.

    Insgesamt erschien mir jedoch Vieles holprig und nicht schlüssig hergeleitet zu sein. Ich gestehe aber ausdrücklich, dass ich keine wirkliche Kenntnis des Originals hatte und die zahlreichen Zitate und Anlehnungen daher keine Chance hatten, mir Erleuchtung zu bringen.

    Ich finde das Hogarth-Shakespeare-Projekt äußerst interessant. Daher möchte ich mindestens einen weiteren Roman der Reihe kennenlernen. Ebenso wird der Autor noch eine Chance von mir bekommen.
    Schade, dass "Shylock" für mich nicht so recht funktioniert hat.



     
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