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Rezension (3/5*) zu Shylock: Roman von Howard Jacobson.

Dieses Thema im Forum "Humor" wurde erstellt von Querleserin, 25. August 2018.

  1. Querleserin

    Querleserin Platin Mitglied

    Registriert seit:
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    Adaption von "Der Kaufmann in Venedig"

    Vor vielen Jahren habe ich Shakespeares Stück auf der Bühne gesehen und mir vor der Leserunde die Zusammenfassung durchgelesen - trotzdem wäre es sinnvoll gewesen das Original vor der Adaption zu lesen. Meines Erachtens ist die Lesefreude unter dieser Voraussetzung größer - man kann Bezüge her-, Vergleiche an- und den Original-Shylock dem der Neufassung gegenüber-stellen. Die Geschichte allein - ohne dass man den Bezug zum Drama hat - trägt aus meiner Sicht zu wenig, um einen Lesefluss aufrecht zu erhalten. Die Diskussionen in der Leserunde haben zumindest ein besseres Verständnis ermöglicht.

    Worum geht es?
    "Der Raum zwischen Himmel und Erde ist kaum mehr als ein Briefkastenschlitz zusammengequetschten Lichts, der Himmel selbst abgrundtief banal. Eine Bühne, die für keine Tragödie taugt, selbst hier nicht, wo die Toten ruhen." (9)

    Der Beginn verweist darauf, dass die erzählte Geschichte eigentlich gar nicht für eine Tragödie taugt, selbst der Himmel wirkt banal. Was erwartet uns? Sollen wir das alles nicht so ernst nehmen?

    Zwei Männer befinden sich auf dem Friedhof - Shylock, der aus dem Shakespeare-Stück, ein alter Geist (?), was letztlich nicht aufgeklärt wird. Jener Shylock hält Zwiegespräche mit seiner verstorbenen Frau Leah, während ein moderner Shylock - der reiche Kunsthändler Simon Strulovitch, das Grab seiner Mutter besucht,

    "er ist ein reicher, aufbrausender, leicht zu kränkender, schnell zu begeisternder und ebenso schnell ernüchterter Philantrop mit einer angesehenen Sammlung anglo-jüdischer Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts und alter Bibeln, mit einer Leidenschaft für Shakespeare (!)" (9).

    Strulovitch nimmt Shylock mit zu sich nach Hause und zwischen den beiden kommt es zu Dialogen über den jüdischen Glauben, über die Vorurteile gegenüber den Juden und über deren Selbstverständnis. Strulovitch vertritt den weltlichen Juden, der trotz allem der Tradition verhaftet ist und nicht möchte, dass seine Tochter einen Christen heiratet, während Shylock den gläubigen Juden repräsentiert.

    "Etwas zu befolgen ist weniger neurotisch, als es auf keinen Fall zu tun. Ihr weltlichen Juden seid pedantischer darauf bedacht, dem Gesetz nicht zu folgen, als der gläubige Jude sein Leben danach ausrichtet." (100)

    Die philosophischen Gespräche der beiden bilden eine feste Konstante im Roman, während sich die Geschichte zu wiederholen scheint. Denn Strulovitchs Tochter Beatrice hat sich in den Fußballer Gratan Howsome verliebt, der den Ansprüchen ihres Vaters nicht genügt.
    Gleichzeitig will der Melancholiker D´Anton (=Antonio) ein Gemälde von Strulovitch erwerben, weil er die Werbung Barneys gegenüber der reichen Erbin "Plurabelle Cleopatra Eine-Schönheit-ist-eine-ewige-Freude Christine" (27) unterstützt. Jener Barney, ein Mechaniker, begeistert sich für Plurys VW Käfer und lässt ihren Porsche Carrera links liegen, eine Anspielung an die drei Kästchen aus Gold, Silber und Blei.
    Plury hingegen ist eine Freundin von D´Anton, der wiederum Gratans Werbung für Beatrice unterstützt und den Kunstsammler Strulovitch nicht leiden kann.
    Natürlich fordert auch Strulovitch eine entsprechende Gegenleistung von D´Anton, wenn auch kein Pfund Fleisch.

    Bewertung
    Die Figuren des Romans sind abgesehen von Strulovitch und Shylock stark überzeichnet und wirken skurril, wie die Handlung auch. "Irrwitzig", wie es auf dem Button auf dem Cover heißt, trifft es ganz gut. Interessant fand ich die Diskurse über das Jüdisch-Sein, die die beiden führen und die nachdenklich stimmen.

    "Nachdem uns so viele Jahre erzählt wurde, wie uns die Gojim (= Nichtjuden) sehen, ist es kaum eine Überraschung, dass wir uns an Ende selbst so sehen. So funktionieren Verunglimpfungen. Das Opfer übernimmt den Blick seines Peinigers. Wenn ich für ihn so aussehe, muss ich so sein." (77)

    Gleichzeitig erörtern die beiden Figuren Shylocks Rolle und sein Verhalten im Drama "Der Kaufmann von Venedig" und liefern dadurch eine mögliche Interpretation der Figur Shylocks.

    Dass im Roman von DEN Juden und DEN Christen gesprochen wird, deckt auf, wie sehr wir in Stereotypen denken und soll diese entlarven. So habe ich es zumindest verstanden, dass der Autor, selbst Jude, mit diesen Vorurteilen aufräumen will. Keine leichte Kost - eher eine Herausforderung.

     
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