Rezension (3/5*) zu Lügen über meine Mutter von Daniela Dröscher

Literaturhexle

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2. April 2017
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Buchinformationen und Rezensionen zu Lügen über meine Mutter von Daniela Dröscher
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Abarbeiten an der eigenen Kindheit

Der Roman scheint starke autobiografische Züge zu haben. Die heute erwachsene Ich-Erzählerin Ela (geb. 1977) reflektiert ihre Kindheit in den 1980er Jahren. Ihr besonderer Fokus liegt auf der Beziehung ihrer Eltern. Ihre übergewichtige Mutter wird ständig vom Vater diesbezüglich gegängelt: Sie soll schuld sein, dass ihm beruflicher Aufstieg verwehrt bleibt und er keine soziale Anerkennung genießt. Er muss sich schämen, weil sie keine ansehnliche Figur abgibt. Die Konflikte um das Körpergewicht durchziehen die gesamte Kindheit Elas, die zwischen beiden Elternteilen steht und zwangsläufig von den Vorwürfen des Vaters beeinflusst wird.

In vier Abschnitten werden die Jahre 1983 bis 1986 nacheinander behandelt. Beim Lesen fühlt man sich eigentlich in die 1960er Jahre zurückversetzt, so altmodisch wirkt das Umfeld. Die Familie lebt in einem kleinen Ort im Hunsrück im Haus der Großeltern väterlicherseits. Nicht nur der Vater bevormundet, auch die Schwiegermutter lässt aus unterschiedlichen Gründen kein gutes Haar an der Schwiegertochter, die ihr nichts rechtmachen kann. „Drei Dinge, sagt meine Mutter, hat sie bei ihrer Heirat unterschätzt: die Schwerkraft des Dorfes, die Bedürfnisse ihres Prinzen, den Neid der Schwiegermutter.“ (S. 28) Elas Mutter wird also heillos unterdrückt. Vieles wirkt dabei völlig unglaublich und überzogen. Sie muss sich um Haus und Kind kümmern, ist aber auch als Sekretärin in einer Lederfabrik berufstätig. Ihr Gehalt wird für den Familienunterhalt benötigt, ihre Leistung aber ständig marginalisiert. Doch Elas Mutter hat Biss: Sie resigniert nicht, sondern bildet sich weiter, lernt eine weitere Fremdsprache und verbessert ihre beruflichen Aussichten – denen leider eine erneute Schwangerschaft in die Quere kommt. Die Flügel werden gestutzt, die Mutter wird erneut auf Heim und Herd zurückgeworfen. Dieser frustrierende Ablauf wiederholt sich.

Wir begleiten die Familie durch vier Jahre, in denen viel passiert und was sich wirklich flüssig lesen lässt. Die aus kindlicher Perspektive beobachteten Szenen lassen die Wut auf das Patriarchat brodeln. Die Beleidigungen, denen sich Elas Mutter ausgesetzt sieht, gehen unter die Haut und man staunt, wie die Frau das aushält. Immer wieder erkämpft sie sich eine Chance, sucht nach Lösungen, nach Weiterentwicklung und wird doch nur wieder zurückgeworfen, weil Gatte und Schwiegermutter ihr jegliche Hilfe versagen. Dieses Umfeld ist lieblos und entwürdigend. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass der Leibesumfang durch Frustessen und Trotz genährt wurde, richtig geklärt wird das nicht. Das Thema Gewicht nimmt großen Raum in der Familie ein. Ständig kommen Diätvorschläge, Sport- und Ernährungstipps sowie Kurangebote. Die Mutter leistet, wenn überhaupt, nur stillen Widerstand. Sie duldet. Man möchte sie schütteln. Man kann nicht nachvollziehen, dass eine solch vielseitig begabte Powerfrau nicht in der Lage sein soll, ihre persönlichen Rechte einzufordern und sich gegen den komplexbehafteten Gatten durchzusetzen.

Die kindliche Sicht gibt freilich keine Antworten auf das Warum. Ela beobachtet nur. Daher hat sich die Schriftstellerin den Kunstgriff erlaubt, die einzelnen Kapitel um Reflexionen, Hintergründe, Gespräche mit der Mutter oder allgemeine essayistisch gehaltene Erklärungen zu ergänzen. Diese Einschübe habe ich anfangs als Bereicherung empfunden, weil sie den Blick um die erwachsene Perspektive erweitern. Nach und nach erhalten diese Ergänzungen aber weit hergeholte, belehrende Nuancen, wenn z.B. über patriotische Beschützerinstinkte, slawische Untermenschen, Parentifizierung, Protestmännlichkeit oder Care-Revolution schwadroniert wird.
Der Roman als solcher liest sich leicht. Die Sprache ist wenig anspruchsvoll. Es werden zahlreiche Redewendungen und Bezüge auf Filme, Musik, Sportidole oder gesellschaftliche Trends der 1980er Jahre im Text untergebracht. Dieses Zeitkolorit erzeugt Wiedererkennungseffekte, wirkt jedoch teilweise auch gewollt. Während ich die erste Hälfte des Romans fast atemlos mit großem inneren Aufruhr gelesen habe, nutzt sich das erlittene Unrecht und die Opferbereitschaft der Mutter in meinen Augen zunehmend ab. Es wird immer wieder dasselbe Muster vorgeführt: der Vater bestimmt uneingeschränkt, was getan wird. Er diskriminiert latent auf Basis ihres Übergewichts seine Frau, während die Mutter die Opferrolle annimmt und die sich ihr bietenden Gelegenheiten auf ein selbstbestimmtes Leben ausschlägt. Das mag so gewesen sein, wirkt aber vor dem zeitlichen Hintergrund nicht besonders glaubwürdig. Eine Scheidung wäre in den 1980ern keine furchtbare Stigmatisierung mehr gewesen. Elas Mutter hätte die Freiheit gehabt zu gehen, spätestens als eine Erbschaft ihr finanzielle Freiheit ermöglichte.

Es fällt nicht leicht, diesen Roman eindeutig zu bewerten. Wäre er reine Fiktion, würde ich mich an der strengen Typisierung der Figuren stören, an der Übertreibung, an der Wiederholung derselben Rollenmuster. Doch die Autorin lässt keinen Zweifel daran, dass sich die geschilderten Episoden genau so zugetragen haben sollen. Sie mag eine kindlich unzuverlässige Erzählerin sein, hat die Geschichte aber zumindest mit ihrer Mutter abgeglichen. Die Beweggründe des Vaters bleiben leider weitgehend im Dunklen und basieren auf Vermutungen.

Autobiografische Romane liegen im Trend. Das feministische Ansinnen hier ist klar erkennbar und wird um das Thema „Bodyshaming“ erweitert. Ich halte dem Roman seine wichtige, leider immer noch zeitlose Grundthematik zu Gute. Dieser Ort im Hunsrück wirkt seltsam aus der Zeit gefallen, die Handlung wirkt deshalb nicht durchgehend authentisch. Ich reibe mich an der Duldungsbereitschaft dieser Mutter. Welches Vorbild für partnerschaftliches Zusammenleben hat sie ihren beiden Töchtern mitgegeben?

Daniela Dröscher scheint mit dem Schreiben dieses Buches ihre Ziele erreicht zu haben. Sie wollte Klarheit über ihre Kindheit und die „Lügen über ihre Mutter“ erhalten. Darüber hinaus hat sie die Nominierung auf die Longlist des DBP 2022 errungen.
Ich kann den Roman nur eingeschränkt empfehlen. Man sollte nicht alles hinterfragen wollen, sondern das Autobiografische als gegeben hinnehmen. Dann ist der Genuss wahrscheinlich größer.

 

alasca

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13. Juni 2022
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Tolle Rezi, Chapeau! Bei meiner Bewertung habe ich die Bezeichnung "Roman" ernst genommen. Es ist sehr großzügig von dir, Dröscher den Wahrheitsjoker zuzugestehen.
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Es ist sehr großzügig von dir, Dröscher den Wahrheitsjoker zuzugestehen.
Ich war sogar in Versuchung, einen halben Stern draufzupacken (Gutmensch, ich). Aber da hat der Text überhaupt nicht mehr zum optisch vorhandenen 4ten Stern gepasst :grinning
Also musste ich es durchziehen.

Danke für eure freundlichen Rückmeldungen! Ich war diesmal nicht ganz zufrieden mit meiner Ausführung, aber irgendwann muss der Knopf dran.
 
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