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Rezension (3/5*) zu Holunderblüte von Wilhelm Raabe.

Dieses Thema im Forum "Klassiker" wurde erstellt von parden, 17. April 2018.

  1. parden

    parden Forumlegende

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    Erinnerung aus dem 'Hause des Lebens'...

    Von der Begegnung des lebensunerfahrenen Medizinstudenten Hermann mit dem elfenhaften jüdischen Mädchen Jemima Löw auf dem Friedhof Beth-Chaim in Prag im Frühling des Jahres 1819 erzählt Raabes kunstvoll gebaute Novelle, in welcher der alt gewordene Arzt sich seiner früh verstorbenen Jugendliebe erinnert. Mit dem Eingeständnis persönlicher Schuld verbindet sich das Erkennen der tragischen Züge jüdischen Lebens durch die Jahrhunderte.

    Diese Novelle, die zum großen Teil auf dem Prager Judenfriedhof spielt, hat einer der bedeutendsten Vertreter des poetischen Realismus, Wilhelm Raabe (1831-1910), geschrieben. Raabe, der während einer langen Reise zwischen April und Juli 1859 auch Aufenthalt in Prag machte, verarbeitete diese Erlebnisse in der Geschichte von "Der Holunderblüte". Aus der Erinnerungsperspektive eines älteren Arztes wird eine Jugendgeschichte erzählt, die sich 40 Jahre zuvor zugetragen hat.

    Als junger Student, der bislang ein rechtes Lotterleben in Wien führte, fährt der Ich-Erzähler Hermann nach Prag, das seines medizinischen Lehrstuhls wegen berühmt war, um seine Studien ernsthaft fortzusetzen. Kaum in Prag angekommen, möchte er dem "berühmten Kirchhof der Juden" einen Besuch abstatten.


    "Seit tausend Jahren hatten sie hier die Toten des Vokes Gottes zusammengedrängt, wie sie die Lebenden eingeschlossen hatten in die engen Mauren des Ghetto. Die Sonne schien wohl, und es war Frühling, und von Zeit zu Zeit bewegte ein frischer Windhauch die Hulunderzweige und -blüten, dass sie leise über den Gräbern rauschten und die Luft mit süßem Duft füllten; aber das Atmen wurde mir doch immer schwerer und sie nennen diesen Ort Beth-Chaim, das Haus des Lebens?! Aus dem schwarzen, feuchten, modrigen Boden, der so viele arggeplagte, misshandelte, verachtete, angstgeschlagene Generationen lebendiger Wesen verschlungen hatte, in welchem Leben auf Leben versungen war wie in einem grundlosen, gefräßigen Sumpf, - aus diesem Boden stieg ein Hauch der Verwesung auf, erstickender als von einer unbeerdigten Walstatt, gespenstisch genug, um allen Sonnenglanz und allen Frühlingshauch und allen Blütenduft zunichte zu machen..."


    Dort begegnet der junge Student jedoch dem jungen Mädchen Jemima Löw. Gemeinsam mit ihr erkundet Hermann den Friedhof, und bald schon erliegt der junge Mann immer mehr der Faszination des geheimnisvollen Ortes, in dessen Geheimnisse und Geschichte er geduldig eingeführt wird. So vergeht der Sommer, bis Jemima schließlich an einem Tage mitten im Herbst auf den Grabstein der Tänzerin Mahalath deutet, die hier 1780 beerdigt wurde, und dem Studenten bekennt, dass sie das sei. Auf die ungläubige Nachfrage was es damit auf sich habe, antwortet sie dem Erschrockenem: "Sie hatte ein krankes Herz, und es zersprang." Sie gesteht dem Studenten ihre Krankheit und spricht davon, nicht mehr lange zu leben. Die Ankündigung ihres eigenen Todes für den nächsten Frühjahr läßt Hermann seine tiefe Liebe zu dem Mädchen spüren. Aufgewühlt verlässt er nach einem gutgemeinten Ratschlag Prag und setzt seine Studien in Berlin fort.

    Hermann vertieft sich während des Herbstes und Winters in seine Studien, und erst im kommenden Frühjahr kehrt durch das Lachen eines Mädchens seine Erinnerung an Prag, den Judenfriedhof und vor allem an Jemima zurück. Plötzlich spürt er, dass er nach Prag zurückfahren muss. Dort angekommen, erhält er Gewissheit: Jemima ist acht Tage zuvor verstorben, genau wie sie es angekündigt hatte.

    Dies war meine erste Begegnung mit einem Werk von Wilhelm Raabe. Die Gestaltung der Novelle fand ich ansprechend: die Erlebenisse des alternden Arztes als Rahmenhandlung, darin eingebettet seine Erinnerung an den Prager Judenfriedhof und an seine Jugendliebe, als Kernstück darin die Erzählung von der Tänzerin Mahalath, die auf dem jüdischen Friedhof in Prag begraben liegt. Neben der tragisch-melancholischen Geschichte selbst erfährt der Hörer hier auch einges zum Leben der Juden in Prag im 18. und 19. Jahrhundert - wieder einmal als unerwünschtes Volk, das zusammengepfercht in einem Ghetto leben musste und dafür auch noch kräftig zur Kasse gebeten wurde. Wilhelm Raabe setzt hier den Studenten Hermann mit einer sehr toleranten Haltung dem allgemeinen Zeitgeist entgegen.

    Heinz Kilian liest die 1 Stunde 14 Minuten lange Hörbuchfassung getragen und ist die passende Stimme für die Erinnerungen eines alternden Arztes. Die Aufnahme selbst ist jedoch stellenweise merkwürdig hallend, was den Hörgenuss etwas mindert. Durch die sehr altertümliche Sprache - die Novelle entstand zwischen November 1862 und Januar 1863 - war es anfangs etwas mühsam, in die Erzählung hineinzufinden, doch dann konnte ich die sorgfältig gesetzten Worte wirklich genießen. Stets jedoch war höchste Konzentration gefordert, um den Anschluss nicht zu verlieren.

    Ein besonderes Hörerlebnis, das einmal mehr zeigt, wie gut es ist, dass alte Texte nicht verloren gehen, sondern immer einmal wieder neu aufgelegt werden.


    © Parden

     
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