Rezension Rezension (3/5*) zu Berlin 1936: Sechzehn Tage im August von Oliver Hilmes.

Helmut Pöll

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9. Dezember 2013
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München
Buchinformationen und Rezensionen zu Berlin 1936: Sechzehn Tage im August von Oliver Hilmes
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Hervorragend recherchiert ohne zu berühren


Die Olympischen Spiele der Nationalsozialisten in Berlin 1936 gelten bis heute als Musterbeispiel staatlicher Propaganda. Nie zuvor war eine Veranstaltung mit soviel technischem und personellem Aufwand so perfekt inszeniert worden. Die Welt sollte beeindruckt sein - und sie war es auch. Bis heute wird Leni Riefenstahls Propagandafilm „Olympia“, die Dokumentation jener Tage und finanziert von Propagandaminister Joseph Goebbels, kontrovers diskutiert.

Der Historiker Oliver Hilmes berichtet in „Berlin 1936 - 16 Tage im August“ über diese scheinbaren Tage der Normalität in einer pulsierenden Metropole. Unzählige ausländische Besucher sind in die Stadt gekommen, denen die Nazis Weltoffenheit demonstrieren wollen. Die „Juden verboten“-Schilder sind für gut zwei Wochen verschwunden.

Jedem dieser 16 Tage ist ein eigenes Kapitel gewidmet, angefüllt mit Anekdoten zu mehr oder minder bekannten Persönlichkeiten der damaligen Zeit. Der Leser erfährt Details über den Tagesablauf des amerikanischen Autors Thomas Wolfe, der sich in der Stadt aufhält und die legendären Feiern und Saufgelage bei Verleger Ernst Rowohlt. Amüsant ist auch die Geschichte des unehelichen Sohnes Heinz Ledig. Verleger und Sohn wollen die Geschichte geheim halten, tatsächlich kennt sie der ganze Verlag. Hilmes zitiert auch aus den Tagebuchaufzeichnungen von Goebbels. Der Seitensprung seiner Frau und das sehr spezielle Verhältnis von beiden zum Führer werden beleuchtet. Das alles ist interessant und von Hilmes hervorragend recherchiert, bleibt aber immer seltsam oberflächlich.

Es gibt in diesem Buch viele Anekdoten über Diplomaten, Komponisten, Schriftsteller und Nachtclubbesitzer, die sich während dieser Tage in der Stadt tummeln und das Partyleben der mondänen Clubs geniessen. Die Opfer der Nazis oder wie es um diesen Staatsapparat tatsächlich bestellt ist, werden eher nebenbei abgehandelt. So wird beispielsweise der damals schon berühmte Thomas Wolfe von einer Begleitung darüber aufgeklärt, dass in Deutschland unbequeme Personen schnell im Konzentrationslager landen. Das alles wird aber nur in wenigen Sätzen beleuchtet.

Ja, man fühlt sich durch die vielen kurzen Geschichten wirklich ins Berlin des Jahres 1936 versetzt. Aber ein Bericht über eine Diktatur im Pausenmodus ist dieses Buch nicht. „Ein Sommer der Widersprüche: Im Olympiastadion jubeln die Massen, und vor der Stadt entsteht das KZ Sachsenhausen“, beschreibt der Klappentext. Die Geschichte der Konzentrationslager beginnt bereits 1933. 1936 sind Hunderttausende inhaftiert und der Willkür ihrer Bewacher ausgesetzt. Was ist eigentlich mit denen? Das erfahren wir nicht, nur ansatzweise, nicht aber detailliert anhand von Einzelschicksalen. Das Los, der Überlebenskampf dieser Personen vor der Fassade von Olympia 1936 wäre sicher interessanter und beeindruckender gewesen als noch eine Anekdote mehr über den Nachtclub Sherbini und seinen zwielichtigen Betreiber.

Hätte sich da nicht der eine oder andere Zeitzeuge finden lassen, der in diesen 16 Tagen um den verschleppten Bruder, die verschleppte Schwester gebangt hat oder vielleicht selber schon in der Zelle der Gestapo sass? Dann hätte „Berlin 1936 - 16 Tage im August“ ein berührendes Werk werden können - schade.


 
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