Rezension (2/5*) zu Eine Liebe (Quartbuch) von Sara Mesa

Irisblatt

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Geschichte einer Obsession

Die etwa 30-jährige Natalia (genannt Nat) kündigt ihre Arbeit, verlässt die Stadt und zieht aufs Land ins Dorf La Escapa. Warum es sie ausgerechnet dorthin verschlägt und weshalb sie trotz aller Schwierigkeiten ausharrt, bleibt unklar. Ihr Vermieter überlässt ihr nicht nur ein baufälliges Haus, sondern auch einen verwahrlosten Hund. Angesprochen auf notwendige Reparaturen, entzieht sich der Vermieter seiner Verantwortung. Das Dorfleben stellt sich beschwerlicher dar als erwartet, die Atmosphäre ist bedrückend. Fast durchgängig erscheinen die Dorfbewohner:innen als verschrobene, eigensinnige und zuweilen unheimliche Zeitgenossen. Nur wenige begegnen der unsicheren Frau mit Freundlichkeit. Nat sieht sich nicht in der Lage, ihr neues Haus nach ihren Vorstellungen zu gestalten und gibt Pläne schnell wieder auf. Als es wiederholt durchs Dach regnet, unterbreitet einer der Dorfbewohner Nat ein ungewöhnliches Tauschangebot. Sie lehnt zunächst ab, doch der Vorschlag beschäftigt sie und schließlich schlittert sie mitten hinein in eine emotionale Abhängigkeit und eine obsessive Beziehung.

„Eine Liebe“ gliedert sich in drei Abschnitte. Im ersten folgen wir Natalia auf ihren unsicheren Schritten durchs Dorf, begegnen dem schmierigen Vermieter, der Nats persönliche Grenzen übertritt und mehr als einmal spontan in ihr Haus eindringt. Der zweite Abschnitt widmet sich ganz der obsessiven Liebesbeziehung zwischen Nat und dem „Deutschen“. Im letzten Teil kommt es zu einer Katastrophe, Nat verliert zunächst alles, hat am Ende jedoch eine für sie persönlich wichtige Erkenntnis.

Positiv an diesem Roman ist, wie eindrücklich und intensiv es Mesa gelingt, Nats Unsicherheit, Verzweiflung und Besessenheit sprachlich zu vermitteln. Die Geschichte hinterlässt davon abgesehen bei mir vor allem Fragezeichen. Mesa geht äußerst sparsam mit Informationen um. Wie erhalten nur sehr spärlich Hinweise auf Nats Leben und auch über die anderen Dorfbewohner:innen wird fast nichts erzählt. Ich habe beim Lesen gerne Raum für eigene Gedanken, nicht alles muss für mich auserzählt sein. Hier fehlte mir aber ein Gerüst, ein paar Eckpunkte, an denen ich mich hätte orientieren können. Ein tieferes Verständnis für die Protagonist:innen konnte ich daher nicht entwickeln, die einzelnen Charaktere blieben mir bis zuletzt nicht nur fremd, sondern ein unlösbares Rätsel. Ich spürte beim Lesen eine unüberwindbare Distanz, ähnlich einer Scheibe aus Milchglas zwischen mir und dem Erzählten. Schemenhaft erkannte ich die Menschen, vermochte aber weder ihre Worte noch den Sinn ihrer Bewegungen zu deuten. Ich denke mich gerne in fremde Lebensumstände, Probleme und Gefühlswelten ein, liebe es, wenn Literatur ein Fenster in eine unbekannte Welt öffnet. Genau das gelingt in "Eine Liebe“ aber nicht. Nats Leben, wie auch das der anderen, bleibt eine einzige große Leerstelle für mich, nicht greifbar und das, obwohl gerade Nats ambivalente Gefühle sehr intensiv gezeigt werden. Mir ist nicht klar geworden, was die Autorin mit ihrer Geschichte zeigen will und so lässt mich diese zum Glück nur etwa 190 Seiten umfassende Erzählung nicht nur ratlos, sondern auch unzufrieden zurück.

 

Literaturhexle

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So schade, dass dich dieses Buch nicht erreichen konnte! Aber du beschreibst sehr klar, woran es bei dir gemangelt hat und übst keinerlei "Pauschalkritik".
Chapeau für diese (schwierige) Rezension!

Ich stehe ziemlich auf der anderen Seite, mich hat das Buch mitgenommen und noch länger beschäftigt. Jetzt muss ich das nur noch in Worte fassen;)
 

Irisblatt

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