Oliver Twist

Sascha Bulazel

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Ich habe mir vor einigen Tagen einige (kostenlose) Klassiker bei Amazon "gekauft", darunter auch Oliver Twist von Charles Dickens. Zum Thema selbst: ich war überrascht, wie gesellschaftskritisch und insbesondere zynisch das Buch ist! Dickens erzählt mit einem für mich teilweise süffisant anmutenden Unterton eine Geschichte, die mich oft kopfschüttelnd zurückließ - einerseits treibt den Leser der meist extrem naiv auftretende Oliver fast in den Wahnsinn, andererseits war ich sehr über die sehr einseitige Darstellung des Juden Fagin verwundert. Eventuell liegt dies jedoch auch an der Übersetzung, die nebenbei bemerkt, in der mir vorliegenden Version sehr altmodisch und manchmal ziemlich eigentümlich daherkommt. Manche Wortkreationen muten recht merkwürdig an - ein Wort, welches bei mir sofort hängenblieb, war der Ausdruck "Hauptspaß" ("Das ist ein Hauptspaß...").

(M)ein Fazit: Extrem interessant, sofern man die dargestellten Personen nicht so nimmt, wie sie sind (da ich alle "überzeichnet" finde), sondern sich auf das "Sittengemälde" als solches konzentriert. Nicht umsonst ist Oliver Twist ein Klassiker, der vielfach verfilmt, als Theaterstück aufgeführt und in verschiednen Adaptionen verwendet wurde.

Der Link (Amazon):
 
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supportadmin

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Ich fand es von Dickens ja ziemlich mutig, sowas zu schreiben. Wenn man die damalige Zeit in Rechnung stellt und den Aufschrei, den es gegeben haben muss als jemand wagte, die heile Welt in Frage zu stellen, @Sascha Bulazel
 

Sascha Bulazel

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Ja, das Buch geht mit gewissen Themen sehr zynisch um, das hat Dickes auch hervorragend herausgearbeitet. Ich habe öfters überlegt, ob ich Oliver falsch verstehe oder interpretiere, aber ich vermute, dass das (leider) nicht der Fall ist :)
 

Helmut Pöll

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Ich bin auch immer wieder verblüfft wie modern diese Klassiker sind. Gerade habe ich Anna Karenina zu Ende gelesen (endlich mal). Wenn die Kutschen nicht wären und die Pferde, dann könnte die Geschichte 1:1 heute in der konservativen Upperclass spielen.
 

Sascha Bulazel

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Diesen Eindruck habe ich bei einigen "alten" Büchern / Geschichten. Ich lese immer wieder mal z.B. in den "Sagen des klassischen Altertums" - toller Stoff, der niemals alt wird, bzw. den man auch *locker* ins Heute übertragen kann. Manche "Stories" sind eben zeitlos - siehe z.B. auch Kafka, der quasi ohne Änderung übernommen werden kann, oder die Schachnovelle, die hervorragend z.B. einige Jahrzehnte später, in / nach der Stasizeit spielen könnte (oder heute, Guantanamo).
 
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KaratekaDD

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Die Karenina ist ja nun nicht so mein Fall, Tostou ist doch ziemlich kompliziert.
Aber den OLLIVER hab ich schon als Kind auf den Tipp meiner Frau Mutter hin gern gelesen. (In alter Schriftsetzung). Am Stil stoß ich mich dabei meist gar nicht. Die haben halt so geschrieben. Heute ist der Schreibstil oft "hamlos" langweilig. als ob viele Wörter einfach weg sind aus der Schriftsprache, vom Mündlichen gar nicht zu reden.
 
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Helmut Pöll

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PS: Ich stelle oft fest wenn ich Bücher lese die mindestens 60 Jahre alt sind (plus 10 und minus unendlich), dass ich sage, Mensch, die konnten noch mit Sprache umgehen.

Mensch, da sagst Du was, @KaratekaDD . Ich bin ja Thomas Mann-Fan, obwohl ich ihn als Person nicht sehr sympathisch finde. Aber jemand, der heute so schreibt, fehlt mir auch. Vielleicht gibt es den ja und wir sehen ihn nur nicht (weil er bestimmt nicht verlegt werden würde ;))
 

Sascha Bulazel

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Alte Bücher, bzw. die darin verwendete Sprache haben schon ihren Reiz, ganz ohne Zweifel! Ich bemerke bei mir immer wieder, dass ich bei einem Wechseln zwischen alter und neuer Literatur je nachdem die eine oder eben die andere unterhaltsamer etc. finde - ist also auch eine Frage der Tagesform (zumindest was mich betrifft). Neulich habe ich eine Geschichtensammlung von Kafka gelesen - von der Texten her gesehen war der Mann damals schon auf dem heutigen Stand.
 
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Helmut Pöll

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Was mir bei älterer Literatur auffällt ist eine gewisse Behäbigkeit. Das meine ich nicht negativ, aber ich meine festzustellen, dass die Taktung des Lebens damals deutlich langsamer war. Das spürt man, finde ich, beim Lesen, weil doch immer wieder der Gedanke durch den Kopf spukt: jetzt komm mal auf den Punkt. Vermutlich würde ein heutiges Lektorat Krieg und Frieden auf 400 Seiten zusammenstreichen.
 

KaratekaDD

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Neulich habe ich eine Geschichtensammlung von Kafka gelesen - von der Texten her gesehen war der Mann damals schon auf dem heutigen Stand.

Wie meinst du das? Inhaltlich oder sprachlich?
Ich tue mich schwer mit Kafka, kurz, ich weiß nach einer Geschichte manchmal nicht, warum ich sie gelesen habe, oder warum ich sie zu Ende gelesen habe.
 
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KaratekaDD

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Aber dies nicht wegen ihrem Gespühr, sondern weil ein Künstler seine Wahrnehmungen mitteilen möchte. Deswegen waren in Diktaturen vor allem Schriftsteller und Maler davon betroffen.
Nur weder Dickens noch Kafka gehörten meines Wissens zu diesem Kreis.