Marthens Garten bis Dom (bis V.3834)

Querleserin

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30. Dezember 2015
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Wadern
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In Marthens Garten stellt Margarete die berühmte Gretchen-Frage: "Nun sag, wie hast du´s mit der Religion?" (3415). Als gläubige Christin ist ihr wichtig, dass Faust ihre Werte teilt. Während sie jedoch das glaubt, was der Pfarrer ihr sagt, und an einen Gott glaubt, hat Faust eine pantheistische Glaubenseinstellung, d.h. er sieht Gott in der Schöpfung, nennt ihn "Allumfasser,/ Der Allerhalter" (3438f.). Im Gespräch wird deutlich, dass Gretchen Faust intellektuell unterlegen ist, seiner Argumentation nicht folgen kann. Allerdings spürt sie als frommes Mädchen die Anwesenheit Mephistos. Sie kann Faust nicht mehr lieben, wenn er in der Nähe ist, kann nicht mehr beten.
In der Sekundärliteratur wird die These aufgestellt, Faust und Gretchen seien Polaritäten, während
Gretchen und Mephisto Gegensätze seien, die sich fliehten.
Polaritäten stellen Faust und Gretchen insofern dar, da sie von unterschiedlichem Stand sind, er ein Gelehrter, sie Kleinbürgerin. Es besteht ein beträchtlicher Altersunterschied, es gibt Unterschiede in der Auffassung von Religion. Während Faust zweifelt und strebt, ist Gretchen in ihrem Glauben und Weltbild fest.
Faust verkörpert den Menschen, der „irrt (...), solang´er strebt.“ (317), deshalb wird er laut Aussage des Herrn auf den rechten Weg zurückfinden und kann erlöst werden.
Gretchen verkörpert einen anderen positiven Teil von Menschlichkeit: unbeirrtes Lieben, die auch letztlich zur Erlösung führt.

Gretchen und Mephisto fliehen sich, heißt, dass sie als Fromme den Teufel, das Böse spürt; in christlicher Betrachtung ist sie die Gegenspielerin des Glaubensfeindes.
Als Liebende spürt sie, dass Mephisto „nicht mag eine Seele lieben“ (3490); als selbstlos Liebende ist sie die Gegenspielerin des Liebesfeindes (spricht den göttlichen Seelenanteil an), der die Menschen auf egoistische Trieblust reduzieren will.
Trotzdem willigt sie am Ende der Szene ein, ihrer Mutter einen Schlaftrunk zu geben, damit Faust in der Nacht zu ihr kommen kann.
Am Brunnen führt Gretchen ein Gespräch mit Lieschen, die über ein Mädchen herzieht, dass sich vor der Ehe einem Mann hingegeben hat und nun der Schande preisgegeben ist. Lieschen vertritt die herrschende Moralvorstellung und Gretchen ahnt, was ihr blühen wird, dabei ist sie überzeugt davon aus Liebe gehandelt zu haben. In der Szene Zwinger betet Gretchen zur Mutter Gottes. Sie weiß bereits, dass sie schwanger ist und was sie von der Gesellschaft zu erwarten hat: "rette mich von Schmach und Tod!" (3616).
In Nacht erscheint Gretchens Bruder Valentin, der ebenfalls die geltende Moralvorstellung vertritt, um seine Schwester mit ihrer Schande zu konfrontieren und sie als Hure zu beschimpfen. Mithilfe Mephistos ersticht Faust Valentin, so dass beide fliehen müssen und Gretchen zurücklassen.
Im Dom spricht Gretchens schlechtes Gewissen zu ihr. Ihre Mutter ist an dem Schlaftrunk gestorben, ihr Bruder tot und sie trägt ein uneheliches Kind im Leib. Sie befindet sich in einer ausweglosen Situation, die Ohnmacht am Ende der Szene zeigt, dass sie nicht mehr weiter weiß.
 

Emswashed

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9. Mai 2020
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Interessantes Wechselspiel zwischen Margarete und Grete! Im übrigen ist sie wieder Margarete, als sie die Gretchenfrage stellt.

Valentin? Valentin fühlt sich in seiner Ehre verletzt und vor seinen Kameraden bloßgestellt, da greift man dann zur Waffe. Welch hitzige Gemüter, die die Moral vorschieben und sich doch nur im Duell erproben wollen. Männer, gell!
 
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Yolande

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13. Februar 2020
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Der dramatischste Abschnitt - Gretchens Leben ist zerstört :(.
Da hat Mephisto ja ganze Arbeit geleistet und Faust hat sich vor seinen Karren spannen lassen. Im Grunde seines Herzens ist er eigentlich noch "der Gute", aber leider hat er sich von seinen Begierden leiten lassen.
Das arme Gretchen, alles dahin.
 
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