Jeder stirbt für sich allein - Hans Fallada

Tiram

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Buchinformationen und Rezensionen zu Jeder stirbt für sich allein von Hans Fallada
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"Jeder stirbt für sich allein" war mein erstes Buch von Hans Fallada

Generell lese ich über den Zweiten Weltkrieg nicht gerne Romane. Lieber Dokumentationen.
Und ich bin wieder entsetzt, zu was Menschen bereit und fähig sind, sobald sie die Macht dazu erhalten. Wie kaltherzig und menschenverachtend sie sich benehmen.
Und mit was für einer Angst die Menschen leben, die mit dem System nicht einverstanden sind. Wie auf viele von den Mitmenschen Druck ausgeübt wird, der "Partei" beizutreten. Was mit ihnen geschieht, wenn sie austreten wollen.

In den Dokumentationen, die ich bisher geschaut habe, kommen einem die Menschen nicht so nahe. Da geht es meist mehr um das große Ganze. Hier bei Fallada ist man ganz nah dran an den Menschen, an ihren Sorgen und Ängsten, an ihren üblen Taten.

Erstmals erschien das Buch 1947 im Aufbau-Verlag. Fallada schrieb das Buch anhand der authentischen Geschichte des Ehepaars Otto und Elise Hampel. Sie hatten von 1940-42 in Berlin Postkarten gegen Hitler verteilt und wurden verraten. Allerdings wurde diese Ausgabe aus politischen Gründen stark gekürzt. Ich kann mir vorstellen, welche Kürzungen da stattfanden. Sicher viele derbe und rohe Sätze und auch das Verhalten der Jungkommunisten, mit denen Trudel Baumann eine Widerstandszelle gründen wollte.

Fallada hat sehr gut die Angst beschrieben, die die Menschen, die sich gegen das System auflehnten, gefangen hielt. So beklemmend habe ich das noch nie gelesen. Und die Darstellung der Machthaber, ich hatte das Gefühl, beim Lesen immer kleiner zu werden.

Das Buch ist aufgeteilt in drei Bücher. Gerade im ersten Buch, als es hauptsächlich um die kleinen Ganoven Enno Kluge und Emil Barkhausen ging, habe ich das Buch kurz für einen Krimi abgebrochen und auch danach musste ich öfter Pausen einlegen. So einige Seiten habe ich nur quer gelesen, um dann doch wieder zurückzublättern und genau nachzulesen. Mit welcher Selbstverständlichkeit diese beiden Typen auf Kosten anderer gelebt, sich bereichert haben. Obwohl der Barkhausen ja dann glücklicherweise zum Ende hin mehr Pech hatte und Enno Kluge ein unrühmliches Ende gefunden hat.

Ich bin froh, dass das Buch, obwohl man es nicht erwarten kann, dann doch mit einem optimistischen Hauch endet.
 
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Helmut Pöll

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Wie war das denn damals eigentlich unter Hitler? Jeder kennt wohl die Dokumentationen über die Massenaufmärsche der Nürnberger Parteitage, über den Krieg im Osten und die Bilder der Leichenberge in den KZ’s. Fallada beschreibt in „Jeder stirbt für sich allein" all das nicht. Das macht das Buch aber nicht weniger bestürzend.

Das Ehepaar Quangel ist ein einfaches Arbeiter-Ehepaar im Berlin zu Beginn des Krieges. Es gibt Millionen Quangels, die in bescheidenen Verhältnissen leben und deren einzger Sohn an der Front ist - und schließlich fällt. Ein Schlüsselerlebnis für die Quangels, die sich mit dem sinnlosen Tod nicht länger abfinden wollen und in ihrer Ohnmacht und Verzweiflung beginnen anonym Postkarten zu verteilen, in denen sie zum Widerstand aufrufen. Eine aussichtsloste Geste eigentlich in einem Land, in dem die eine Hälfte die andere beschnüffelt und einsperrt, in dem niemand mehr dem anderen vertrauen kann.

Die Gesellschaft ist längst ein apokalyptischer, rechtsfreier Raum, in der systematisch die niedersten Instinkte der Menschen gefördert werden. Gaunereien, Diebstahl, Körperverletzung bis hin zum Mord sind legitim und werden von der Justiz nicht verfolgt, sofern sie der Stabilität des Systems dienen und der Täter Partei- oder SS-Miglied ist. Das Schreiben und Verteilen von Postkarten, die den Sinn des Krieges hinterfragen, ist dagegen ein Kapitalverbrechen. Und sie sind ja tatsächlich auch gefährlich, weil, sobald ein einziger aus der Gleichschaltung ausbricht, jedes Lügengebäude ins Wanken gerät.

Fallada beschreibt wie das Dritte Reich im Alltag funktionierte und in seiner ganzen Monstrosität möglich wurde. Nicht nur durch die Hitlers und Himmlers und eine Handvoll Getreuer, sondern durch ein völliges Versagen der Justiz, durch die Millionen Mittäter, die nicht nur schwiegen, sondern aktiv mitmachten und um kleiner persönlicher Vorteile willen ihre Nachbarn oder Kollegen ans Messer lieferten.

Helmut Pöll

Zum Buch... (evtl. mit weiteren Rezensionen)
 

Tiram

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Buchinformationen und Rezensionen zu Jeder stirbt für sich allein von Hans Fallada
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Vielen Dank für die tolle Rezi, @Helmut Pöll.

Ich finde, irgendwie haben die Menschen nichts dazugelernt oder ziehen keine vernünftigen Konsequenzen aus solchen Kriegen. Wie konnte es sonst sein, dass die damaligen Richter in der entstehenden Bundesrepublik wieder Recht im Namen des Volkes sprachen. Oder wie konnte sonst ein Regime wie die DDR entstehen.
Oder wie können Stasi-Verantwortliche heute im vereinten Deutschland wieder an exponierten Stellen sitzen.
Ich dachte früher, der Mensch ist von Grund auf gut und das Böse ist nur die Ausnahme. Aber es ist nicht so. Wenn der Mensch die Macht und Möglichkeit bekommt, kommt das Schlechte und Böse hervor.
 
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Helmut Pöll

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Vielen Dank für die tolle Rezi, @Helmut Pöll.

Ich finde, irgendwie haben die Menschen nichts dazugelernt oder ziehen keine vernünftigen Konsequenzen aus solchen Kriegen. Wie konnte es sonst sein, dass die damaligen Richter in der entstehenden Bundesrepublik wieder Recht im Namen des Volkes sprachen. Oder wie konnte sonst ein Regime wie die DDR entstehen.
Oder wie können Stasi-Verantwortliche heute im vereinten Deutschland wieder an exponierten Stellen sitzen.
Ich dachte früher, der Mensch ist von Grund auf gut und das Böse ist nur die Ausnahme. Aber es ist nicht so. Wenn der Mensch die Macht und Möglichkeit bekommt, kommt das Schlechte und Böse hervor.
Ja, da muss ich Dir leide rzustimmen, @Tiram , wenn die Kontrolle fehlt oder Taten keine Konsequenzen haben, dann passieren solche Scheusslichkeiten. Deine Liste lässt im Grunde beliebig verlängern: viele Emporkömmlinge in Russland sind ehemalige Granden des Systems, die Verantwortlichen für den Völkermord unter den Roten Khmer wollen es auch alle nicht gewesen sein etc. pp.
 
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Serapion

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5. Juli 2014
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Im Süden
Das ist wirklich ein außergewöhnlicher Roman, weil die sogenannten "kleinen Leute" im Nationalsozialismus in Roman eher selten Thema sind. Und Fallada hat ein Gespür dafür, diese Themen zu beleuchten.
 

Helmut Pöll

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Ja, oft spielen diese Romane dann im Parteibonzen-Milieu oder beleuchten Vorgänge in Straflagern. Beides, dass es viel zu viele Mitläufer auf der einen Seite gegeben hat und auch jene, die auf verzweifelte und hilflose Art Widerstand geleistet haben, das kommt wirklich oft zu kurz.
 
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Helmut Pöll

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Danke für den Tipp, @Britta-Maria Stock. Aber Du hast recht, Fallada ist wirklich keine leichte Kost. @Tiram hat vor einiger Zeit mein Interesse an ihm geweckt. Ich habe weder vorher, nch später ein Buch in den Händen gehabt, das mir den Alltag im 3. Reich so nahe gebracht hat.
 
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27. Mai 2015
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Gern geschehen, @Helmut Pöll. Ein wenig leichtfüßiger kommt mMn Falladas Buch "Ein Mann will nach oben" daher, das mit Mathieu Carrière und Ursela Monn hervorragend als Fernsehserie in Szene gesetzt wurde.
Ich habe mal einen Blick in den Teil meines Bücherregals geworfen, in denen die Romane aus dieser Zeit stehen. Neben Falladas Bänden steht da Buchheims "Das Boot" und die zwei Bände von Herman Wouks "Feuersturm" (und noch einiges andere). Auch letzteres wurde erfolgreich verfilmt.
 

Jb2017

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13. Juni 2017
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Hier gibt's eine Videorezension dazu

Hallo, eine kurze Frage,
ich verstehe die Bemerkung mit der Seite 450 nicht, was meinst Du?

In meiner Ausgabe beschreibt hier Fallada ein Zwischenspiel auf dem Lande, welches auch gut als ruhige Pause von der harten Berliner Realität verstanden werden kann. Die Geschichte könnte aber hier niemals zu Ende sein, beginnen sich doch jetzt erst die Ereignisse in Berlin zuzuspitzen.