Rezension Here I am - Jonathan Safran Foer

Sakuko

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27. Juni 2016
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NRW

Jacob und Julia mit den 3 Söhnen sind eine durchschnittliche, jüdische Familie in Amerika. Die Ehe kriselt, denn obwohl die beiden sich versprochen hatte, sind immer die Wahrheit zu sagen, schaffen sie das viel zu selten, ehrlich zu sein. Sam bereitet sich gerade auf seine Bar Mitzvah vor, die er eigentlich nicht haben will, aber von seinen Eltern aus haben muss.
Als Jacobs Cousin mit Sohn aus Israel anreist und zur gleichen Zeit ein Erdbeben und Krieg Israel erschüttern, wird Jacob gezwungen sich damit auseinander zu setzen wer und wie er eigentlich sein will.

Dies ist das erste Buch, das ich von Jonathan Foer lese, und mir war es aus der Zusammenfassung nicht recht klar, das es primär um das Judentum geht. Das Verhältnis der Juden miteinander, mit Israel, mit ihrer Religion, Familie, sich selbst, der Welt. Dabei setzt das Buch aber auch nicht so an, das jemand mit mäßig Wissen und Erfahrung mit dem Judentum gut einsteigen kann. Viele religiöse, kulturelle, hebräische Begriffe fallen, die man nachschlagen muss, wenn man alles verstehen will. Aber besonders das Verhalten der jüdischen Personen hier und wie Judentum behandelt wird erwartet eine gewisse Kenntnis, sonst ist man schnell verwirrt.

Ich hatte auch starke Probleme damit, wie der Inhalt präsentiert wird. Die ersten 60 Seiten empfand ich als wirklich quälend. Es gab viele verwirrende sprachliche Bilder, Szenensprünge die völlig sinnlos erschienen; Inhalte, die man ohne entsprechende Hintergründe, die noch fehlten, nicht deuten konnte. Außerdem schwer verständliche, da mit zu vielen Personen geführte, Dialoge.

Es wird im Laufe des Buches etwas besser, aber das Buch besteht zu einem sehr großen Teil aus Dialogen. Besonders aus Dialogen, die nirgendwo hin führen. Alltägliche Gespräche um immer gleiche Probleme. Politische Streitgespräche. Witzeleien. Diskussionen einfach nur um zu diskutieren, in die Länge gezogen und ihrer Bedeutung beraubt. Dabei wirken die Dialoge oft gestelzt und unnatürlich.

Gerne werden auch gerade laufende Szenen von Rückblicken oder Zukunftsvisionen unterbrochen. So wird z.B. mitten in einer Szene die mastubatorischen Angewohnheiten des ältesten Sohnes detailliert und exakt wiedergegeben. Oder es gibt Rückblicke auf eine schlimme Verletzung, die jener Sohn sich zugezogen hat, eine Abhandlung das man nie weiss, wann man seinen Kindern das letzte mal vorliest, Szenen aus Jacobs Jugend etc. Ich bin sicher, diese Unterbrechungen sollen irgendeine Relevanz im Kontext der Unterhaltungen haben, ich konnte aber selten herausfinden, welche das sein sollte und fühlte mich nur noch mehr aus dem Buch gerissen und irritiert.

Auch hat das Buch kaum einen Plot. Es passieren Dinge, Zukunft, Vergangenheit, Gegenwart, alles wird beschrieben, aber eher szenisch und oft unzusammenhängend, wie eine Sitcom, nicht in einer zeitlichen oder logischen Reihenfolge.
Auch der Krieg zwischen Transarabien und Israel wird eher nebensächlich behandelt und ist eher ein Mittel Familienkonflikt zu behandeln.

Und obwohl die Charaktere so viel reden, wir so viel Hintergründe erfahren, und wir sie deswegen eigentlich gut kennen sollten, sind mir die Charaktere immer fremd geblieben.
Nur Sam, der älteste Sohn, der sich in seinem Körper fremd fühlt und der sich in ein Videospiel flüchtet, den konnte ich verstehen und er war mir auch weitestgehend sympathisch. Aber Jacob und Julia, Irv und Tamal waren mir durch die Bank unsympathisch und ich konnte nie wirklich begreifen, warum sie sich so verhalten, wie sie es tun.

Ich hatte das Gefühl, dass das Buch grundlegend überanalysiert ist. So viele Hintergründe, Szenen aus der Vergangenheit werden herangezogen um die Personen darzustellen; es wird so viel geredet und gestritten und von den Charakteren hinterfragt und überlegt, aber am Ende sind ein paar Kataklysmen passiert, und nichts hat sich verändert. Die Charaktere sind noch die gleichen wie vorher. Die Welt ist nur marginal anders, aber ich als Leser frage mich, was mir das Buch letztendlich sagen soll und ich ziehe blank.

Für mich persönlich waren diese 600 Seiten einfach nur Zeitverschwendung. Ich konnte weder eine spannende, interessante Geschichte mitnehmen, noch eine interessante Erkenntnis über das Leben oder mich selbst.
 

Sassenach123

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27. Dezember 2015
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Das hat auch Seltensheitswert.....null Sterne.......aber verständlich, so wie du für dich argumentierst.
 

Sakuko

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Ich vergebe doch meist keine Sterne, und lasse die Rezension alleine stehen, weil mir das sonst eine zu binäre Einschätzung ist.