Sakuko

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27. Juni 2016
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NRW

Hag-Seed gehört zu Hogarth Shakespeare Series, eine Reihe Bücher, die Shakespearestücke von bekannten Autoren neu erzählen lässt und behandelt Tempest (der Sturm).

Felix ist kreativer Leiter eines erfolgreichen Theaterfestivals, seine Stücke sind innovativ, grenzwertig, manchmal skandalös.
Nach dem frühen Tod seiner Frau und dann seiner jungen Tochter möchte er den Tempest aufführen, eine Hommage an seine Tochter, die wie ein Charakter in dem Stück Miranda hieß, aber bevor es soweit kommt, wird er von seinem Assistenten Tony abgesägt, der prompt seinen Platz einnimmt.
Felix flieht aus seiner Heimat und findet irgendwann einen Job als Lehrer für Häftlinge, mit denen er Shakespearestücke aufzuführen. Er sieht so seine Chance, irgendwann einmal Rache zu nehmen.

Ich fand den Einstieg in das Buch recht schwer. Das Buch beginnt mit einer Art Zeitraffer der Dinge die vor Felix Anstellung im Gefängnis passiert sind. Felix bleibt lange sehr eindimensional. Rache und seine Tochter Miranda sind alles woran er denkt, aber seine Gefühle sind distanziert und platt, man bekommt keinen guten Zugang zu dem Charakter.

Auch wird Felix leben auf eine eher alltägliche Weise beschrieben, während die Geschehnisse aber recht Nahe dem Theaterstück folgen, und eher einen unrealistisch, märchenhaften Charakter haben. Dadurch das der Tempest viele phantastische Elemente hat (Luftgeist, Halbmensch, Magie, Illusionen), das Buch aber praktisch keine, entsteht da für mich ein gewisser Disconnect, den ich nie wirklich abschütteln konnte, und der mich oft irritiert hat. Was im Original mit Magie oder Illusion erklärt werden kann, passiert in dem Buch einfach so, ohne bessere Erklärung als Zufall.

Sobald die Erzählungen aus dem Literaturkurs beginnen wird es aber interessanter. Die Interaktionen die Felix mit den Häftlingen hat sind sehr gut, die Dialoge interessant und lustig. Es erinnert ein bisschen an die Schulstunden, wenn wir Shakespeare bearbeitet haben. Felix schafft es gut, das Material modern und greifbar zu erklären, die Häftlinge bringen eine lebensnahe, authentische Ansicht der Stücke mit. Es gibt Rap-Einlagen, Computereffekte, moderne Anpassungen.

Die Idee ein Theaterstück im Theaterstück im Buch aufzuführen ist zwar nicht neu, passt hier aber erstaunlich gut.
Dennoch ist auch das Ende wieder sehr nahe am Original und sehr glatt. Es klappt einfach immer alles zu gut, keine Komplikationen, keine Überraschungen, wenn man das Stück kennt. Friede, Freude, Eierkuchen, abgehakt. Am Ende kommt Felix doch noch etwas aus seiner Vorlage heraus und bekommt etwas mehr Charaktertiefe zugestanden, aber ich fand es etwas zu spät.

Ich hätte mir gewünscht, dass das Original etwas mehr ausgereizt, etwas mehr verändert worden wäre. Alles ist sehr klar, unkompliziert, märchenhaft dargestellt, während die Sprache aber modernen Alltag beschreibt.
Ich hätte mir auch mehr Dialoge gewünscht, den gerade die Dialoge waren immer sehr gut geschrieben und lebhaft.
 

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