Genre Genreleserunde Gegenwartsliteratur - ab 15.03.17

Helmut Pöll

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Hier startet am 15.03.17 unsere nächste Genreleserunde Gegenwartsliteratur.

Gottes Werk und Teufels Beitrag lese ich immer nur nebenher, weil es mir am Stück doch zu lang ist.

Und noch ein Buch geistertn neuerdings immer wieder durch meine Gedanken,

spätestens seit der Blogger von Buchrevier "Das achte Leben" als Weltliteratur bezeichnet hat.
https://buchrevier.com/2014/12/01/der-beste-roman-des-jahres/. Jtezt habe ich es mal für später auf meinen SUB genommen.

Hast nicht Du das schon gelesen, @Tiram ?
 

Sakuko

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Ich lese den letzten Teil von 1Q84, danach wollte ich 1984 lesen, da sich das Buch oft auf den Klassiker bezieht.

 

Tiram

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Und noch ein Buch geistertn neuerdings immer wieder durch meine Gedanken,

spätestens seit der Blogger von Buchrevier "Das achte Leben" als Weltliteratur bezeichnet hat.
https://buchrevier.com/2014/12/01/der-beste-roman-des-jahres/. Jtezt habe ich es mal für später auf meinen SUB genommen.

Hast nicht Du das schon gelesen, @Tiram ?[/QUOTE]

Und das voller Begeisterung, @Helmut Pöll. Ich hatte zu der Zeit leider eine Schreibblockade, sodass ich dazu nichts notiert habe. Aber es ist ein Leseerlebnis.
 

Sakuko

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Ja, es ist wohl eine Hommage an 1984. Wie gesagt, im Buch wird immer wieder auf Orwells Buch angespielt.
Es ist auch ein Wortspiel, im Japanischen spricht man Q und 9 gleich aus.
 
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Sakuko

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Eh, ich halte nichts von dieser Trump ist Big Brother Sache, mich interessiert das Buch nur aus der Verbindung mit 1Q84 heraus. Ich mag sonst lieber obskurer Dystopien.
 

Helmut Pöll

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9. Dezember 2013
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[zitat]An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung[/zitat]
So beginnt der Romany #das ende von eddy von Édouard Louis. Eine Buchhändlerin hatte mir das Buch empfohlen. Ich war aber auch schon anderweitig darauf aufmerksam geworden. Der Debütroman des jungen Franzosen wurde in Frankreich zum Bestseller und ist mittlerweile in 20 Sprachen übersetzt. Bei unseren Nachbarn war das Buch eines der am meisten diskutierten Bücher im Erscheinungsjahr.

Der Roman erzählt die Kindheit des Jungen Eddy, der aus einfachsten Verhältnissen aus einem kleinen Dorf in der Picardy in Nordfrankreich stammt. Das Pech dieses kleinen Jungen ist nun, dass er homosexuell ist, dabei sehr zierlich und feminin und eine vergleichsweise hohe Stimme hat. Der zehnjährige Eddy spricht selber von seinem "Hüftschwung".

Dieses Anderssein macht ihn im Dorf schnell zum Gespött, in der Schule wird er beinahe täglich verprügelt, grundlos, weil er jemand zu sein scheint, an dem man sich straflos abreagieren kann.

Es gibt nicht viele Bücher, die im zivilisierten Europa der Gegenwart spielen, die einen schon auf den ersten Seiten fassungslos und betroffen machen. Das Ende von Eddie ist in jedem Fall eines davon.
 
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supportadmin

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Sassenach123

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Ein sehr interssantes Interview. Danke dafür @Helmut Pöll
Ein toller Blick hinter die Kulisse. Finde es sehr interessant wie Winkler sich und seinen Protagonisten vergleicht, wie er beschreibt, dass viel von Heiko Kolbe in ihm schlummert.
 

parden

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www.litterae-artesque.blogspot.de
Das wollte ich schon in der letzten Genre-Lesrunde lesen - nun bin ich aber tatsächlich dabei!

Ein großer Familien- und Generationenroman über die DDR und wie sie unterging.

Regina Scheer spannt in ihrem beeindruckenden Debütroman den Bogen von den 30er Jahren über den Zweiten Weltkrieg bis zum Fall der Mauer und in die Gegenwart. Sie erzählt von den Anfängen der DDR, als die von Faschismus und Stalinismus geschwächten linken Kräfte hier das bessere Deutschland schaffen wollten, von Erstarrung und Enttäuschung, von dem hoffnungsvollen Aufbruch Ende der 80er Jahre und von zerplatzten Lebensträumen.
 

Helmut Pöll

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Als #édouard louis das Manuskript einem Pariser Verleger vorlegte wurde es zunächst abgelehnt mit der Begründung, die Geschichte und Personen seien überzeichnet, eine unrealistische Karikatur eines Lebens, das es so nicht gebe.

Der junge Autor konterte später in einem Interview, dass es gut sein könne, dass sich der Pariser Verleger, der die Insel seiner eigenen und gut situierten Lebenswirklichkeit nie verlassen hat, nur schwer die Lebensverhältnisse im bettelarmen, ländlichen Nordfrankreich vorstellen könne.

Dieses Buch ist nicht nur ein Plädoyer für Toleranz. Es schildert nicht nur die Qualen eines Außenseiters, den sein Umfeld als nicht zugehörig ansieht. Das Ende von Eddy ist auch ein Stück weit Zeitgeschichte. Aktuell erleben wir in westlichen Demokratien eine verdutzte Politelite, die hilflos Erklärungen dafür sucht und nicht versteht, warum so viele Wähler außerhalb der Metropolen sich populistischen Politikern zuwenden. Es sind Einblicke in die Verhältnisse eines Entwicklungslandes, das in Politik und Medien nicht mehr auftaucht.

Wer die latente Wut, den latenten Hass der Abgehängten und ihre Suche nach Sündenböcken ein wenig besser verstehen will, der muss nur die alltäglichen Dialoge von Familie, Nachbarn und Verwandtschaft lesen, die Edouard Louis zu Papier gebracht. Das ist absurd, komisch, brutal, gemein und manchmal bemitleidenswert.
 

parden

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Das wollte ich schon in der letzten Genre-Lesrunde lesen - nun bin ich aber tatsächlich dabei!

Ein großer Familien- und Generationenroman über die DDR und wie sie unterging.

Regina Scheer spannt in ihrem beeindruckenden Debütroman den Bogen von den 30er Jahren über den Zweiten Weltkrieg bis zum Fall der Mauer und in die Gegenwart. Sie erzählt von den Anfängen der DDR, als die von Faschismus und Stalinismus geschwächten linken Kräfte hier das bessere Deutschland schaffen wollten, von Erstarrung und Enttäuschung, von dem hoffnungsvollen Aufbruch Ende der 80er Jahre und von zerplatzten Lebensträumen.

Etwa ein Drittel ist jetzt gelesen, und ich habe einiges über das Wort 'Machandel' gelernt. Ein niederdeutsches Wort für 'Wacholder', ein altes und überaus grausames Märchen der Gebrüder Grimm und ein fiktives Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, das im Zentrum der Erzählung des Romans steht. Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven, v.a. aus der der jungen Frau Clara, die in dem Dorf gemeinsam mit ihrem Mann eine alte Kate umgebaut hat zu einem Rückzugsort für sich und ihre Familie, und die nun eintaucht in die Geschichte des Dorfes wie auch in die ihrer Familie - denn auch diese hat viel mit Machandel zu tun.
 
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Renie

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Nach einer turbulenten Woche komme ich endlich dazu, über die Senhorita zu berichten.
Die Geschichte spielt in Brasilien, im Jahre 1927. Senhorita Elsa ist nicht, wie man durch das Cover vermuten könnte, eine rassige Brasilianerin, sondern Elsa Schumann aus Hamburg, die seit etwa 20 Jahren in Brasilien lebt. Elsa träumt davon, eines Tages wieder nach Deutschland zurückzugehen, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Den passenden Mann hat sie dafür noch nicht gefunden. In ihren Träumen existiert er jedoch bereits. Sie nennt ihren "Traummann" Karl. Doch es ist noch ein langer Weg bis zur Erfüllung ihres Traumes. Zumal ihr das nötige Kleingeld für die Überfahrt nach Europa fehlt. Aber daran arbeitet sie. Vor einigen Jahren hat sie eine brasilianische Marktlücke entdeckt. Reiche Brasilianer geben viel Geld dafür aus, dass die Söhne der Familie auf den rechten Weg der Liebe gewiesen werden. Söhne sollen ihre ersten Liebeserfahrungen nicht in einem Bordell machen. Zu groß ist das Risiko für Leib und Seele. Stattdessen sollen sie behutsam in die Kunst der Liebe eingeführt werden. Hier kommt Elsa ins Spiel. Sie hat sich darauf spezialisiert, reiche Heranwachsende nach allen Regeln der Liebeskunst zu verführen, und diesen das Gefühl zu geben, unsterblich verliebt zu sein. Nachdem Elsa von einem besorgten Vater engagiert wurde, zieht sie als Kindermädchen und Hauslehrerin in den Haushalt der Familie. Sie unterrichtet die Kinder in Deutsch und Musik. Carlos, der Filius des Hauses, wird noch in dem Fach "Liebe" unterrichtet, ohne, dass er dies als Unterricht empfindet. So lautet die Absprache mit dem Vater. Elsa lässt sich von Carlos erobern und gibt ihm das Gefühl, ein ganzer Mann zu sein.
Der körperliche Aspekt steht dabei gar nicht so sehr im Vordergrund. Vielmehr soll Carlos lernen, dass zur Liebe nicht nur der Körper, sondern auch Geist und Seele sowie Respekt gehören.

Anfangs tat ich mich mit diesem Szenario schwer. Lehrerinnen, die ihre Schüler verführen - ein Gedanke, der meine Toleranz an ihre Grenzen bringt.;) Doch mit der Zeit hat mich dieser Roman in seinen Bann gezogen. Elsa empfindet ihren Beruf als Berufung. Sie hat sich selbst Prinzipien auferlegt, von denen sie nicht abweicht und versucht mit großer Professionalität an ihre Aufgaben heranzugehen. Sie ist bemüht, sich nicht gefühlsmäßig von ihrem jeweiligen Schützling vereinnahmen zu lassen, was ihr jedoch nicht immer gelingt. Gerade in Carlos Fall schwankt sie zwischen Vernunft und tiefer Zuneigung.
Irgendwann ist jedes Engagement zu Ende. Welcher Vater möchte sie schon als Schwiegertochter haben? Eine Deutsche mittleren Alters, ohne gesellschaftliches Ansehen. Das ist auch nicht der Deal. Stattdessen wird sie nach Beendigung des Jobs in den nächsten Zug gesetzt, und man hofft sie nie wiederzusehen. Zurück bleibt ein von Liebeskummer geplagter Jüngling. Merkwürdigerweise geht der Abschied von Carlos auch nicht spurlos an Elsa vorbei.
 

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