Franz Kafka: Kaiserliche Botschaft

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Eine kaiserliche Botschaft

Der Kaiser - so heißt es - hat dir, dem Einzelnen, dem jämmerlichen Untertanen, dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne geflüchteten Schatten, gerade dir hat der Kaiser von seinem Sterbebett aus eine Botschaft gesendet. Den Boten hat er beim Bett niederknien lassen und ihm die Botschaft ins Ohr geflüstert; so sehr war ihm an ihr gelegen, daß er sich sie noch ins Ohr wiedersagen ließ. Durch Kopfnicken hat er die Richtigkeit des Gesagten bestätigt.Und vor der ganzen Zuschauerschaft seines Todes - alle hindernden Wände werden niedergebrochen und auf den weit und hoch sich schwingenden Freitreppen stehen im Ring die Großen des Reichs - vor allen diesen hat er den Boten abgefertigt. Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den andern Arm vorstreckend schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand, zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch leicht vorwärts, wie kein anderer. Aber die Menge ist so groß; ihre Wohnstätten nehmen kein Ende. Öffnete sich freies Feld, wie würde er fliegen und bald wohl hörtest du das herrliche Schlagen seiner Fäuste an deiner Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos müht er sich ab; immer noch zwängt er sich durch die Gemächer des innersten Palastes; niemals wird er sie überwinden; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Treppen hinab müßte er sich kämpfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Höfe wären zu durchmessen; und nach den Höfen der zweite umschließende Palast; und wieder Treppen und Höfe; und wieder ein Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und stürzte er endlich aus dem äußersten Tor - aber niemals, niemals kann es geschehen -, liegt erst die Residenzstadt vor ihm, die Mitte der Welt, hochgeschüttet voll ihres Bodensatzes. Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. - Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie dir, wenn der Abend kommt.
 

ElisabethBulitta

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Haben das auch deine Schüler*innen bekommen? Schwierig, schwierig. Diese Parabel (ich nehme mal an, dass es eine ist), hat's ja ganz schön in sich.
Der Kaiser ist also die Sonne, ich bin der Untertan und sitze im Schatten, kriege also von der Sonne nichts ab. Trotzdem will der Kaiser mich irgendwie erreichen und schickt den Boten los. Der Bote ist also eine Mittlerfigur, die zwar fähig ist, mich aber offensichtlich nicht erreichen kann, weil der Raum zwischen Kaiser und mir einfach zu verworren und/oder lang ist. Sehr gelungen finde ich die Wiederholungen im Mittelteil:
und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen
. Das was Märchenhaftes oder auch was Biblisches.
Der letzte Satz ist sehr romantisch und birgt Sehnsucht in sich. Was ich mich frage: Weiß ich, dass mir eine Botschaft geschickt wurde? Oder träume/wünsche ich auch das nur? Vielleicht ist es auch gar nicht so schlecht, dass mich die Botschaft nicht erreicht, weil's eine schlechte ist? So habe ich immerhin noch die Hoffnung, dass er mir eine gute Botschaft schickt (die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt).
Die Sonne ist im Christentum (und war auch bei den Ägyptern) ein Symbol Gottes/des Göttlichen, aber auch des Lebens, was ja ziemlich einleuchtend ist. Wenn ich "Sonne" höre, denke ich aber auch immer an Ludwig XIV, den Sonnenkönig, und somit an Macht. Ob explizit die Sonne im Judentum eine Rolle spielt, weiß ich nicht, aber immerhin ist der Davidstern im Prinzip ja auch eine Sonne (genau wie unsere Sonne ein Stern ist), und Licht ist im Judentum immerhin auch positiv besetzt.
Die nächste Frage: Warum sitze ich im Schatten?
dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne geflüchteten Schatten
Da vermute ich, dass ich mich selbst, warum auch immer, zurückgezgen habe, wobei das Wort "geflüchtet" ja impliziert, dass ich Angst habe bzw. hatte. Die Aussage
gerade dir hat der Kaiser von seinem Sterbebett aus eine Botschaft gesendet
gibt mir wiederum eine gewisse Bedeutung. Bei mittlerweile 7,7 Mrd. Bewohnern der Welt wurde die Botschaft ausgerechnet mir gesandt. Wenn das mal nicht etwas Besonderes ist. Einmal kann es bedeuten, dass ich wirklich etwas Besonderes bin, andererseits könnte es auch für Selbstüberschätzung stehen. Wobei ich heute mal positiv gestimmt bin und mir sage: Ja, ausgerechnet ich bin gemeint.

Religiös würde ich deuten: gestörte Beziehung zwischen Gott und dem Menschen (wobei Gott dann ja tot wäre am Ende, was mich wiederum an Nietzsches Zarathustra erinnert)
Politisch: gestörte Beziehung zwischen dem Herrscher und dem Volk/dem einzelnen Bürger
Biografisch: Vater als Kaiser, Kafka als "Du", auch hier wieder eine gestörte Kommunikation

Interessant finde ich aber, dass offensichtlich nicht dem Kaiser allein die Schuld gegeben wird, sondern "der Welt" an sich, die einfach so gebaut ist, dass es kein Durchkommen gibt. Warum auch immer. Der Kaiser hat immerhin, wenngleich zu spät, Kontakt aufgenommen - einen ziemlich einseitigen sogar, denn ich selber werde ja nicht aktiv, ich "träume nur". Abdererseits hätte eine frühere Kontaktaufnahme auch nicht gebracht, denn das Kommunikations-/Beziehungsproblem könnte auch "Jahrtausende" überdauern.

Meine wirren Gedanken sagen mir: mehr Fragen als Antworten.
 
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Haben das auch deine Schüler*innen bekommen? Schwierig, schwierig. Diese Parabel (ich nehme mal an, dass es eine ist), hat's ja ganz schön in sich.
Ja, das mussten sie auch interpretieren, allerdings gebe ich natürlich Hilfestellung. Wir haben vorher "Vor dem Gesetz" besprochen und da gibt es einige Parallelen, so dass sie den Kern Parabel eigentlich gut erschließen können.
Der letzte Satz ist sehr romantisch und birgt Sehnsucht in sich. Was ich mich frage: Weiß ich, dass mir eine Botschaft geschickt wurde? Oder träume/wünsche ich auch das nur?
Das ist eine Frage, die offen bleibt, meines Erachtens. Obwohl der Kaiser viel mächtiger als der Untertan ist, schickt er diesem eine Botschaft, die jedoch nicht ankommen kann. Die Macht ist unerreichbar geworden bzw. hat keine Möglichkeit mit den "Untergegebenen" zu kommunizieren. Dieser Untertan erträumt sich aber eine Antwort, daraus spricht eine Hoffnung, dass der Inhalt der Botschaft trotz der Widrigkeiten zu dem Untertanen durchdringt.
Die nächste Frage: Warum sitze ich im Schatten?
Ich vermute, um den Kontrast zum Kaiser in der Sonne besonders deutlich zu machen. Während dieser von Erkenntnis und Weisheit durchströmt ist (Licht), fehlt dem Untertan die Erkenntnis und da die Botschaft ihn nicht erreicht, kann er nur davon träumen.
Die verschiedenen Deutungsebenen haben wir ziemlich genauso aufgeschrieben ;)
 

ElisabethBulitta

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Ich vermute, um den Kontrast zum Kaiser in der Sonne besonders deutlich zu machen. Während dieser von Erkenntnis und Weisheit durchströmt ist (Licht), fehlt dem Untertan die Erkenntnis und da die Botschaft ihn nicht erreicht, kann er nur davon träumen.
Die verschiedenen Deutungsebenen haben wir ziemlich genauso aufgeschrieben ;)

Das ist mir schon klar, dass hier ein Kontrast aufgezeigt werden soll. Meine Frage zielt eher darauf, warum ihm die Erkenntnis fehlt (abgesehen davon, dass die Botschaft ihn nicht erreicht). K.A. ob du verstehst, was ich meine. Ein Beispiel aus der Gegenwart: Alle fordern mehr Informationen, aber oft habe ich das Gefühl, dass Menschen mit den Informationen nichts anfangen können. Liegt der Fehler im System? Oder in der Natur (des Menschen)? Wenn ich im Schatten sitze und mich nicht anstrenge, daraus zu kommen, kann ich eigentlich niemandem einen Vorwurf machen.
 

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Ich verstehe schon, was du meinst. In der Parabel "Vor dem Gesetz" wartet der Mann resignativ vor dem Tor, ohne ernsthaft zu versuchen hindurchzugelangen. Man kann meines Erachtens schon eine Kritik an der Bequemlichkeit hineininterpretieren. Wenn ich sowieso im Schatten sitze, ist es mir nicht möglich in die Sonne zu gelangen. Auf der anderen Seite könnte man auch den Fehler im System sehen - Erkenntnis ist letztlich nicht möglich. Die Botschaft erreicht mich nicht.
 
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Sehr interessant das alles! Ich gebe zu, dass in den kleinen Texten sehr viel mehr drin steckt, als man zunächst sieht. Dennoch sprechen sie mich nicht an. Die Situationen sind so skurril, hoffnungslos und unwirklich.
Hat Kafka auch etwas Mut machendes, Hoffnungsfrohes geschrieben?

Er muss ein zutiefst unglücklicher Mensch gewesen sein. Traurig.
 
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Sehr interessant das alles! Ich gebe zu, dass in den kleinen Texten sehr viel mehr drin steckt, als man zunächst sieht. Dennoch sprechen sie mich nicht an. Die Situationen sind so skurril, hoffnungslos und unwirklich.
Hat Kafka auch etwas Mut machendes, Hoffnungsfrohes geschrieben?

Er muss ein zutiefst unglücklicher Mensch gewesen sein. Traurig.
Kafka konnte auch komisch sein. Er hat es nur nicht offen gezeigt. Aber es gibt ein ganzes Buch zu dem Thema (Klugscheißermodus aus :D)
 
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Ich weiß, die ein oder andere Person hier wartet noch auf meine Beiträge in diesem Forum. Ich gelobe bald Besserung. Aber der königliche Alltag ist manchmal ganz schön anstrengend: auf dem Thron sitzen, sich bedienen lassen, den Untertanen bei ihren Problemen zuhören... *rofl* :D.
Nicht ernst nehmen - heute ist Freitag :cool:.
 

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