Franz Kafka: Gib's auf

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ob der Ich-Erzähler nicht "grundlos" in Panik gerät. Wer sagt uns denn, dass die Turmuhr überhaupt funktioniert und nicht schon seit ewigen Zeiten auf der falschen Zeit steht? Man kennt das ja: man ist in Eile, guckt nicht richtig hin, kriegt Panik und würde erst beim zweiten Blick merken, dass die Zeit "still" steht.

Es ist glaube ich nicht wichtig, ob die Turmuhr richtig geht. Entscheidend ist, dass der Ich-Erzähler sie als Bezugsnorm ansieht und daraufhin in Panik gerät. Er richtet sich danach, auch wenn er objektiv dazu keinen Grund haben könnte.

@Literaturhexle: Bei Lyrik.Antikoerperchen.de solltest du vorsichtig sein ;), da habe ich schon ganz viel Unsinn gelesen - warne meine Schüler*innen immer davor, das,was sie dort lesen, als Grundlage ihrer Interpretationen zu übernehmen. Es gibt auch gute Interpretationen dort, aber eben auch Unnachvollziehbares.

Aber ob der Autor sich wirklich soviel dabei gedacht Hat, wie hineininterpretiert wird?

Das können wir wirklich nicht wissen. Daher bringen wir den Schüler*innen bei, zunächst werkimmanent zu interpretieren, das bedeutet, was sagt mir der Text, wie kann ich ihn verstehen, ohne dass ich das ganze Leben Kafkas kenne. Ihre Deutungen müssen sie dann aber am Text zeigen können und natürlich sollte man auch den historischen Kontext beachten, in dem ein Text entstanden ist. Erst im 2.Schritt bemüht man - in Bezug auf Kafka-Texte - weitere Deutungsrichtungen, z.B. die biographische, indem ich Kafkas Verhältnis zum Vater berücksichtige, oder die psychologischen, indem ich das Freudsche Modell darauf anwende (sehr beliebt ;)).

Sorry, gerade schlägt die Deutschlehrerin wieder durch, was auch damit zusammenhängen mag, dass mein Kurs morgen eine Kursarbeit über einen Kafka-Text schreiben darf/muss...
 
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Literaturhexle

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Sorry, gerade schlägt die Deutschlehrerin wieder durch, was auch damit zusammenhängen mag, dass mein Kurs morgen eine Kursarbeit über einen Kafka-Text schreiben darf/muss...
Wie gesagt, du brauchst dich nicht entschuldigen, ich (und andere bestimmt auch) empfinde deine Beiträge als Bereicherung! Ich habe ja danach gefragt, wie man an den Text herangeht. Beim nächsten (gibst du uns einen :D?) versuche ich es umzusetzen.
 

Die Häsin

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Darf ich mal etwas aus eigener Feder beitragen?
(Falls das gegen die Regeln ist, bitte einfach löschen - ich verspreche auch, dass es eine Ausnahme bleibt!)
Vor Jahren war ich in einer VHS-Gruppe Kreatives Schreiben und der Gruppenleiter las uns den Text vor und forderte uns auf, dazu zu schreiben, was "davor oder danach oder stattdessen" passiert sein könnte.

Ich schrieb folgendes:

Der Dichter und ich

Ich war auf Lesereise mit meinem Buch. Es enthielt zwanzig Gedichte, geschrieben in den letzten zwanzig Jahren, für jedes Jahr eines. Wohl hatte ich mir irgendwann vorgestellt, Bücher zu veröffentlichen mit vielen hundert Seiten: spannende Romane, Erzählungen und Lyrik. Doch mit den Jahren wurden meine Ansprüche geringer. So hatte ich zwanzig Gedichte ausgesucht und zu einem Verlag getragen, der ein dünnes Buch auf meine Kosten druckte.

Auch die Lesereise finanzierte ich selbst. Die erste Stadt, in der ich mein Buch vorstellte, war klein, grau und freundlich, die Gassen abends erfüllt von feuchtem Nebel, der im Licht der Laternen funkelte. Menschen gingen hin und her. Zu meinem Leseabend kamen zwölf Zuhörer. Meine Gedichte gefielen. Es gelang mir, drei Bücher zu verkaufen.

Am nächsten Tag musste ich schon sehr früh den Zug erreichen, um meine Lesereise fortzusetzen. In guter Stimmung packte ich im Hotelzimmer meinen Koffer und betrachtete die mitgenommenen Bücher, die noch in Folie eingeschweißt waren. Die Reise hatte gut begonnen, ich würde alle Bücher verkaufen können und nach meiner Heimkehr gleich das nächste Buch zu schreiben beginnen.



Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich musste mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: "Von mir willst du den Weg erfahren?" "Ja", sagte ich, "da ich ihn selbst nicht finden kann." "Gibs auf, gibs auf", sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.
 

kingofmusic

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Darf ich mal etwas aus eigener Feder beitragen?
(Falls das gegen die Regeln ist, bitte einfach löschen - ich verspreche auch, dass es eine Ausnahme bleibt!)
Vor Jahren war ich in einer VHS-Gruppe Kreatives Schreiben und der Gruppenleiter las uns den Text vor und forderte uns auf, dazu zu schreiben, was "davor oder danach oder stattdessen" passiert sein könnte.

Ich schrieb folgendes:

Der Dichter und ich

Ich war auf Lesereise mit meinem Buch. Es enthielt zwanzig Gedichte, geschrieben in den letzten zwanzig Jahren, für jedes Jahr eines. Wohl hatte ich mir irgendwann vorgestellt, Bücher zu veröffentlichen mit vielen hundert Seiten: spannende Romane, Erzählungen und Lyrik. Doch mit den Jahren wurden meine Ansprüche geringer. So hatte ich zwanzig Gedichte ausgesucht und zu einem Verlag getragen, der ein dünnes Buch auf meine Kosten druckte.

Auch die Lesereise finanzierte ich selbst. Die erste Stadt, in der ich mein Buch vorstellte, war klein, grau und freundlich, die Gassen abends erfüllt von feuchtem Nebel, der im Licht der Laternen funkelte. Menschen gingen hin und her. Zu meinem Leseabend kamen zwölf Zuhörer. Meine Gedichte gefielen. Es gelang mir, drei Bücher zu verkaufen.

Am nächsten Tag musste ich schon sehr früh den Zug erreichen, um meine Lesereise fortzusetzen. In guter Stimmung packte ich im Hotelzimmer meinen Koffer und betrachtete die mitgenommenen Bücher, die noch in Folie eingeschweißt waren. Die Reise hatte gut begonnen, ich würde alle Bücher verkaufen können und nach meiner Heimkehr gleich das nächste Buch zu schreiben beginnen.



Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich musste mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: "Von mir willst du den Weg erfahren?" "Ja", sagte ich, "da ich ihn selbst nicht finden kann." "Gibs auf, gibs auf", sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.
Genau DAFÜR ist es da, dieses Forum: zum Austausch. Du verstößt also gegen keinerlei Regeln, liebe @Die Häsin :cool:. Schöne "Vorgeschichte" - top!
Magst du Kafka?
 

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Danke, dass du deinen Text mit uns geteilt hast!
Ich wäre mit einer solchen Aufgabe völlig überfordert, meine Phantasie lässt mich da im Stich...
Ist das nicht merkwürdig? Wir können Rezensionen schreiben, aber keine Texte :D. Wobei ich berufsbedingt auch Texte schreiben müsste, wenn ich dürfte...Okay, einen kurzen Artikel in unserer Mitarbeiterzeitschrift und eine Ausstellung habe ich "mit Leben gefüllt", das war´s dann aber auch...
 
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Literaturhexle

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Ich bin Schriftführerin in zwei Vereinen. Ich kann eigentlich recht gut schreiben (wie die allermeisten von uns). Aber ich muss wissen, worüber. Das ist der Punkt. Ich könnte auch Artikel für.die Zeitung schreiben, aber das Thema muss feststehen. Ja, als Schülerin hatte ich meistens sehr gute Noten auf die Aufsätze. Wahrscheinlich würde ich staunen, was das Hirn da alles produzieren konnte.. .
Aber heute?! Alles hat seine Zeit, sage ich nur :D
 
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Oh, ich habe fünfzig Jahre meines Lebens geschrieben und mich schon als zukünftige Schriftstellerin gesehen, als ich noch in die Grundschule ging. Ich habe Unmengen von Texten hier zu Hause liegen. Aber vor ein paar Jahren bin ich der Empfehlung des Schutzmanns gefolgt und habe aufgegeben. :rolleyes:
Ich schreibe immer noch "im Kopf", d.h. ich formuliere in Gedanken Sätze - das ist manchmal wie ein Zwang, vor allem weil es das eigentliche Denken verlangsamt und Konzentration abzieht, aber ich kann nicht anders. Der Vorteil ist, mir ist nie langweilig. Wenn ich nichts zu tun habe, kann ich mir in Gedanken immer selbst eine Geschichte erzählen.

ps. Ich mag Kafka übrigens sehr, wegen seiner präzisen, geschliffenen Prosa, die sich immer knapp über einem Abgrund zu bewegen scheint.
 
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Ich bin Schriftführerin in zwei Vereinen. Ich kann eigentlich recht gut schreiben (wie die allermeisten von uns). Aber ich muss wissen, worüber. Das ist der Punkt. Ich könnte auch Artikel für.die Zeitung schreiben, aber das Thema muss feststehen. Ja, als Schülerin hatte ich meistens sehr gute Noten auf die Aufsätze. Wahrscheinlich würde ich staunen, was das Hirn da alles produzieren konnte.. .
Aber heute?! Alles hat seine Zeit, sage ich nur :D
Ich hatte zwar immer Bestnoten im Diktat, aber Aufsätze etc. waren damals nicht mein Ding :D.
 

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Vor Jahren war ich in einer VHS-Gruppe Kreatives Schreiben und der Gruppenleiter las uns den Text vor und forderte uns auf, dazu zu schreiben, was "davor oder danach oder stattdessen" passiert sein könnte.
1. Mir gefällt dein "Vorspann" sehr gut. Es passt inhaltlich genau zur Parabel und auch sprachlich. Perfekt!
2. Vielen Dank für diese Idee. Demnächst stehen im Deutschkurs wieder Kafka-Parabeln an. Dann werde ich die Schülerinnen und Schüler auch mal einen Vorspann schreiben lassen ;)
 
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