Fragen an den Autor Felix Schmidt

Christian1977

Bekanntes Mitglied
8. Oktober 2021
1.486
6.640
49
46
Lieber Herr Schmidt,

zunächst einmal vielen Dank für Ihren wunderbaren Roman und Ihre Teilnahme hier an der Leserunde.

Mich würde interessieren, ob Ihnen dieser Roman geholfen hat, mit sich selbst und mit Ihrem Vater ins "Reine" zu kommen und ob Sie ihn nach dem Schreiben mit anderen Augen sehen? Auch wenn es sich um einen Roman handelt, vermute ich, dass sich vieles tatsächlich so ereignet hat.

Da Sie außerdem ja relativ spät mit dem Schreiben von Romanen angefangen haben, würde mich noch interessieren, ob wir uns eventuell sogar noch auf einen dritten Roman freuen dürfen oder ob dieser hier aufgrund seiner Bedeutung den Abschluss bildet?

Herzliche Grüße
Christian
 

Barbara62

Bekanntes Mitglied
19. März 2020
2.649
9.582
49
Baden-Württemberg
mit-büchern-um-die-welt.de
Lieber Herr Schmidt,

ich kenne die Rheineebene und den Schwarzwald recht gut von vielen Ausflügen und Urlauben und freue mich sehr über die Beschreibungen. Natürlich rätsle ich, was mit der "kleinen Stadt am Rhein" gemeint sein könnte. Ist es vielleicht Breisach? Oder soll es bewusst ein fiktives Städtchen sein?

Ich freue mich auch über das Zeitkolorit. "Bleyle" stand bei meiner Großmutter immer sehr hoch im Kurs.

Ihr Roman macht mir gerade viel Vergnügen. Durch die aktuellen Bezüge zum Ukrainekrieg bekommt er noch einmal eine zusätzliche Dringlichkeit. Gestern berichteten im DLF alte Menschen, wie sehr sie die Kriegsbilder in die Vergangenheit zurückkatapultieren und längst Verdrängtes wieder hochkommt. Ich könnte mir vorstellen, dass es Ihrem Ich-Erzähler genauso ergeht.

Herzliche Grüße
Barbara Busch
 

FelixSchmidt

Neues Mitglied
13. März 2022
7
19
4
88
Lieber Herr Schmidt,

zunächst einmal vielen Dank für Ihren wunderbaren Roman und Ihre Teilnahme hier an der Leserunde.

Mich würde interessieren, ob Ihnen dieser Roman geholfen hat, mit sich selbst und mit Ihrem Vater ins "Reine" zu kommen und ob Sie ihn nach dem Schreiben mit anderen Augen sehen? Auch wenn es sich um einen Roman handelt, vermute ich, dass sich vieles tatsächlich so ereignet hat.

Da Sie außerdem ja relativ spät mit dem Schreiben von Romanen angefangen haben, würde mich noch interessieren, ob wir uns eventuell sogar noch auf einen dritten Roman freuen dürfen oder ob dieser hier aufgrund seiner Bedeutung den Abschluss bildet?

Herzliche Grüße
Christian
Lieber Christian,
danke für Ihre possitive Begutachtung meines Buches. Wie die Dinge liegen, wird es keinen dritten Roman geben. Ich bin fast 88 Jahre alt und will mich nicht mehr an eine grössere Sache wagen. Aber: Ich habe ja mein ganzes Leben lang geschrieben- als Journalist und als Sachbuchautor. Mein letztes, vermutlich wirklich mein letztes Buch dieser Art, hat den Titel "Gotteskinder und Störenfriede" und ist im Schwabe-Verlag in Basel erschienen. Es sind Musiker-Biografien und auf diesem Gebiet fühle ich mich heimisch.
Nun zu Ihrer Frage, ob mir das Schreiben bei der Bewältigung meines Vater-Problems geholfen hat? Ich kann es nicht, noch nicht, erkennen. Aber eines ist sicher: beim Schreiben sind die Dinge klarer, überschaubarer geworden. Und: eine andere Figur meines Lebens hat unter der schreibenden Hand Profil gewonnen - meine Großmutter
Herzliche Grüsse
Felix Schmidt
 

FelixSchmidt

Neues Mitglied
13. März 2022
7
19
4
88
Lieber Herr Schmidt,

ich kenne die Rheineebene und den Schwarzwald recht gut von vielen Ausflügen und Urlauben und freue mich sehr über die Beschreibungen. Natürlich rätsle ich, was mit der "kleinen Stadt am Rhein" gemeint sein könnte. Ist es vielleicht Breisach? Oder soll es bewusst ein fiktives Städtchen sein?

Ich freue mich auch über das Zeitkolorit. "Bleyle" stand bei meiner Großmutter immer sehr hoch im Kurs.

Ihr Roman macht mir gerade viel Vergnügen. Durch die aktuellen Bezüge zum Ukrainekrieg bekommt er noch einmal eine zusätzliche Dringlichkeit. Gestern berichteten im DLF alte Menschen, wie sehr sie die Kriegsbilder in die Vergangenheit zurückkatapultieren und längst Verdrängtes wieder hochkommt. Ich könnte mir vorstellen, dass es Ihrem Ich-Erzähler genauso ergeht.

Herzliche Grüße
Barbara Busch
Liebe Barbara Busch,
danke für Ihre Zeilen. Belassen wir es bei der "Kleinen Stadt am Rhein". Es gibt sie wirklich, nördlich von Breisach. Und es gibt sie natürlich auch in meiner Phantasie.
Es ist so: der neue Krieg, das, was wir davon im Fernsehen sehen, hat bei mir eine verheerende Wirkung. Ich wache nachts auf , gepeinigt von den verschreckenden Bildern meiner Kindheitstage. Die Wunde, die sie in meiner Seele hinterlassen haben ist wieder aufgeplatzt. Ich weiss, was Krieg ist. Und es geht mir, wie damals, nicht in den Sinn, dass es einem verbrecherischen Menschen, ohne nennenswerte Gegenwehr gelingt, ein Volk aufs Grausamste zu quälen. Ob er sich an den Bildern erfreut, wie der Herrscher meiner Jugend?
Herzliche Grüsse
Felix Schmidt
 

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
15.591
36.042
49
Lieber Herr Schmidt,

Wie schön, dass Sie den Weg in unsere Leserunde gefunden und sich gleich unseren Fragen gewidmet haben. Herzlich willkommen!

Ich kann mir lebhaft vorstellen, was die aktuellen Kriegsgeschehnisse bei Ihnen auslösen und wir können alle nur hoffen, dass schnell wieder Frieden im der Ukraine einkehrt und sich nicht noch Schlimmeres ereignet.

Ich habe Ihren Roman extrem genossen. Herzlichen Dank dafür, dass Sie ihn geschrieben haben und damit nachfolgende Generationen an Zeitgeschichte sowie persönlichem Rückblick teilhaben lassen.

Mein Vater war Jahrgang 1936 und lebte ebenfalls auf dem Land. Oft erzählte er, dass eine weiterführende Schule aus finanziellen Gründen nicht in Frage gekommen wäre. So scheint es vielen Menschen Ihrer Generation ergangen zu sein, selbst der mittlere Bildungsabschluss war in unserem Umfeld die absolute Ausnahme.

Insofern hege ich eine gewisse Achtung für die Eltern des Ich-Erzählers, die ihn und seinen Bruder zwar nicht aktiv gefördert, ihnen aber auch keine Steine in den Weg gelegt haben. Der Vater hatte keine Angst "dass der Sohn ihm einst über den Kopf wachsen würde" durch Abitur und Studium - eine kleinbürgerliche Einstellung, wie sie selbst in meiner Kinderzeit noch vorkam. Auch der jüngere Bruder wurde nicht ins Küfnerhandwerk gezwungen, er durfte sich für die Elektrizität entscheiden.

Selbst die Musik konnte der Vater unterstützen mit dem Kauf einer teuren Geige... Insofern verdient der Vater bei all seinen Fehlern auch Respekt. Ich lese da tatsächlich eine gewisse Geradlinigkeit heraus. Er wollte sich von den Nazis nicht verbiegen lassen, will aber auch seine Söhne nicht verbiegen. Trotz eigener Interessen und knapper Mittel durften sie ihren Weg gehen.

Verstehen Sie das auch so oder verkläre ich die Vaterfigur am Ende? Es könnte ja auch schlicht Gleichgültigkeit die Ursache gewesen sein. In anderen Beziehungen wusste der Vater sich ja durchaus durchzusetzen.

Ein extrem ambivalenter Charakter ist er auf alle Fälle. Die komplexe Darstellung ist sehr gut gelungen!

Herzliche Grüße
 

Christian1977

Bekanntes Mitglied
8. Oktober 2021
1.486
6.640
49
46
Ich kann es nicht, noch nicht, erkennen. Aber eines ist sicher: beim Schreiben sind die Dinge klarer, überschaubarer geworden. Und: eine andere Figur meines Lebens hat unter der schreibenden Hand Profil gewonnen - meine Großmutter
Lieber Herr Schmidt,

vielen Dank für die so persönliche Antwort. Es ist für Leser:innen immer ein großer Gewinn, in einen Austausch mit den Autor:innen treten zu können.

Danke dafür und alles Gute für Sie!

Herzliche Grüße
Christian
 

FelixSchmidt

Neues Mitglied
13. März 2022
7
19
4
88
Lieber Herr Schmidt,

Wie schön, dass Sie den Weg in unsere Leserunde gefunden und sich gleich unseren Fragen gewidmet haben. Herzlich willkommen!

Ich kann mir lebhaft vorstellen, was die aktuellen Kriegsgeschehnisse bei Ihnen auslösen und wir können alle nur hoffen, dass schnell wieder Frieden im der Ukraine einkehrt und sich nicht noch Schlimmeres ereignet.

Ich habe Ihren Roman extrem genossen. Herzlichen Dank dafür, dass Sie ihn geschrieben haben und damit nachfolgende Generationen an Zeitgeschichte sowie persönlichem Rückblick teilhaben lassen.

Mein Vater war Jahrgang 1936 und lebte ebenfalls auf dem Land. Oft erzählte er, dass eine weiterführende Schule aus finanziellen Gründen nicht in Frage gekommen wäre. So scheint es vielen Menschen Ihrer Generation ergangen zu sein, selbst der mittlere Bildungsabschluss war in unserem Umfeld die absolute Ausnahme.

Insofern hege ich eine gewisse Achtung für die Eltern des Ich-Erzählers, die ihn und seinen Bruder zwar nicht aktiv gefördert, ihnen aber auch keine Steine in den Weg gelegt haben. Der Vater hatte keine Angst "dass der Sohn ihm einst über den Kopf wachsen würde" durch Abitur und Studium - eine kleinbürgerliche Einstellung, wie sie selbst in meiner Kinderzeit noch vorkam. Auch der jüngere Bruder wurde nicht ins Küfnerhandwerk gezwungen, er durfte sich für die Elektrizität entscheiden.

Selbst die Musik konnte der Vater unterstützen mit dem Kauf einer teuren Geige... Insofern verdient der Vater bei all seinen Fehlern auch Respekt. Ich lese da tatsächlich eine gewisse Geradlinigkeit heraus. Er wollte sich von den Nazis nicht verbiegen lassen, will aber auch seine Söhne nicht verbiegen. Trotz eigener Interessen und knapper Mittel durften sie ihren Weg gehen.

Verstehen Sie das auch so oder verkläre ich die Vaterfigur am Ende? Es könnte ja auch schlicht Gleichgültigkeit die Ursache gewesen sein. In anderen Beziehungen wusste der Vater sich ja durchaus durchzusetzen.

Ein extrem ambivalenter Charakter ist er auf alle Fälle. Die komplexe Darstellung ist sehr gut gelungen!

Herzliche Grüße
Sie bringen es auf den Punkt. Der Vater des Ich-Erzählers ist ein ambivalenter Charakter. Das ist mir erst beim Schreiben so richtig bewusst geworden. Früher sah derErzähler diesen Mann durch eine wesentlich dunklere Brille. Die brutalen Erlebnisse mit ihm, haben seine zarteren Züge verdeckt. Ich freue mich sehr über Ihre Feststellung, dass es mir gelungen ist die Komplexheit, die Uneindeutikeit seiner Natur darzustellen.
Herzliche Grüsse
Felix Schmidt
 

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
15.591
36.042
49
Die brutalen Erlebnisse mit ihm, haben seine zarteren Züge verdeckt.
Genau das habe ich mir gedacht. Sie sind sehr respektvoll mit dem Vater umgegangen, haben unschöne Details weitgehend vermieden. Trotzdem kann man den Schmerz an vielen Stellen spüren. Das ist literarisch unglaublich gut gelungen! Der Leser braucht keine brutale Darstellung sondern nur die richtigen Worte, den richtigen Ausdruck.

Im Rahmen unserer Diskussion wurde mehrfach die Frage nach dem Bruder des Ich-Erzählers gestellt, der ziemlich im Hintergrund bleibt. Können wir auch hier annehmen, dass dies aus Respekt gegenüber den lebenden Vorbildern geschieht?

Es wäre großartig, wenn Sie die Zeit finden, sich auch die fünf Abschnitte unserer Diskussion anzuschauen. Sie können gern Ihre Kommentare hier oder dort hinterlassen, falls Sie das Bedürfnis haben, auf etwas einzugehen. Für uns Leser ist es ja ein besonderer Vorzug, mit Ihnen als Autor in den Dialog treten zu können:)
 

Barbara62

Bekanntes Mitglied
19. März 2020
2.649
9.582
49
Baden-Württemberg
mit-büchern-um-die-welt.de
Liebe Barbara Busch,
danke für Ihre Zeilen. Belassen wir es bei der "Kleinen Stadt am Rhein". Es gibt sie wirklich, nördlich von Breisach. Und es gibt sie natürlich auch in meiner Phantasie.
Es ist so: der neue Krieg, das, was wir davon im Fernsehen sehen, hat bei mir eine verheerende Wirkung. Ich wache nachts auf , gepeinigt von den verschreckenden Bildern meiner Kindheitstage. Die Wunde, die sie in meiner Seele hinterlassen haben ist wieder aufgeplatzt. Ich weiss, was Krieg ist. Und es geht mir, wie damals, nicht in den Sinn, dass es einem verbrecherischen Menschen, ohne nennenswerte Gegenwehr gelingt, ein Volk aufs Grausamste zu quälen. Ob er sich an den Bildern erfreut, wie der Herrscher meiner Jugend?
Herzliche Grüsse
Felix Schmidt
Lieber Herr Schmidt,

vielen Dank für die sehr ehrliche Antwort, die mich sehr bewegt. Wie viele ukrainische Kinder mögen im Moment dasselbe durchmachen wie Sie und werden ebenfalls noch 80 Jahre darunter zu leiden haben? Der Gedanke ist schwer auszuhalten.

Herzliche Grüße und alles Gute für Sie
Barbara Busch
 

kingofmusic

Bekanntes Mitglied
30. Oktober 2018
6.103
13.899
49
47
Lieber Herr Schmidt,
meine Begeisterung für Ihr schmales Büchlein habe ich im Fazit schon kundgetan und trage dies auch schon weiter.
Da ich gerade von einem englischsprachigen Leser angesprochen wurde, ob es eine englische Version Ihres Büchleins gibt, stelle ich hier offiziell die Frage: ist in der Richtung englischsprachige Ausgabe (vielleicht von Verlagsseite aus) irgendwas geplant?

Herzlichen Dank und viele Grüße!
Jochen Striewisch
 
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FelixSchmidt

Neues Mitglied
13. März 2022
7
19
4
88
Lieber Herr Schmidt,
meine Begeisterung für Ihr schmales Büchlein habe ich im Fazit schon kundgetan und trage dies auch schon weiter.
Da ich gerade von einem englischsprachigen Leser angesprochen wurde, ob es eine englische Version Ihres Büchleins gibt, stelle ich hier offiziell die Frage: ist in der Richtung englischsprachige Ausgabe (vielleicht von Verlagsseite aus) irgendwas geplant?

Herzlichen Dank und viele Grüße!
Jochen Striewisch
 

FelixSchmidt

Neues Mitglied
13. März 2022
7
19
4
88
Lieber Herr Striewisch,
ich habe Ihre Frage nach einer möglichen englischen Ausgabe meines Buches zum Anlass mich beim Verlag zu erkundigen. Nein, es ist nicht dann gedacht.
Mit herzlichen Grüssen
Felix Schmidt
 
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Barbara62

Bekanntes Mitglied
19. März 2020
2.649
9.582
49
Baden-Württemberg
mit-büchern-um-die-welt.de
Lieber Herr Schmidt,

nun ist mir doch noch eine Frage eingefallen: Warum wurde für das Cover ein Bild vom Schwarzwald und nicht aus der Rheinebene gewählt? Waren die Sommerwochen bei der Tante so wichtig und prägend, dass deshalb dieses Motiv ausgewählt wurde? Spontan hätte ich eher ein Bild aus der Rheinebene erwartet.

Herzliche Grüße
Barbara Busch
 

FelixSchmidt

Neues Mitglied
13. März 2022
7
19
4
88
Lieber Herr Schmidt,

nun ist mir doch noch eine Frage eingefallen: Warum wurde für das Cover ein Bild vom Schwarzwald und nicht aus der Rheinebene gewählt? Waren die Sommerwochen bei der Tante so wichtig und prägend, dass deshalb dieses Motiv ausgewählt wurde? Spontan hätte ich eher ein Bild aus der Rheinebene erwartet.

Herzliche Grüße
Barbara Busch
Liebe Frau Busch,
Ich auch. Aber es war ein langes Hin-und Her mit dem Cover, das ich hier nicht erörtern möchte. Schliesslich haben wir uns auf das Schwarzwaldfoto geeinigt.
Herzliche Grüsse
Felix Schmidt
 

kingofmusic

Bekanntes Mitglied
30. Oktober 2018
6.103
13.899
49
47
Lieber Herr Striewisch,
ich habe Ihre Frage nach einer möglichen englischen Ausgabe meines Buches zum Anlass mich beim Verlag zu erkundigen. Nein, es ist nicht dann gedacht.
Mit herzlichen Grüssen
Felix Schmidt
Lieber Herr Schmidt,
herzlichen Dank für Ihre Mühe und die Antwort!

Beste Grüße
Jochen Striewisch
 

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