KrimiElse

Bekanntes Mitglied
26. Januar 2019
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buchmafia.blogspot.com
Ich bin ehrlich gesagt noch etwas unschlüssig über das Buch. Es sind bewegende Bilder, interessante Informationen, insbesondere das Gegenüberstellen von Schmidts alter und neuer Realität und seinem schweren Gang von der Flucht ins Internierungslager, immer willig, sich dem Gastland zu unterwerfen, und der kalten Behördenstimme des Mitarbeiters der Eidgenössischen Fremdenpolizei ist für mich sehr eindringlich und unterstreicht das Erzählte.
Doch mit der Hauptfigur kann ich andererseits nicht so richtig etwas anfangen. Auch am Ende des Buches ist er für mich schlecht greifbar. Er liebt seine Mutter, ist seiner Familie zugetan, andererseits fokussiert er seine Sängerkarriere und lebt ein Leben vollkommen losgelöst von seiner Familie. Die Mutter kommt zu einigen Konzerten - das macht ihn glücklich, aber er besucht sie nicht bzw. Schickt den Geschwistern Geld, dass sie sich kümmern.
Mag sein, dass die Musik sein Leben war, aber für mich wird das im Roman in keiner Weise deutlichen den Erinnerungen nicht und auch in der gegenwärtigen Situation nicht. Für mich stolpert Schmidt durchs Leben, in seiner guten Zeit geführt von seinem Agenten und den Frauen, die er liebte, während der Flucht hilflos und unterwürfig und in beiden Fällen äußerst realitätsfern.
Ich weiß nicht, ob genau das gewollt ist, ob er einfach so gewesen ist und ob das in der Situation als Flüchtling normal gewesen ist.

Ich habe die Geschichte selbst mit Spannung verfolgt, habe die vielen Informationen aufgesogen und genossen, aber berühren konnte sie mich nicht wirklich.
 

kingofmusic

Bekanntes Mitglied
30. Oktober 2018
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Tja, so schnell wie mit diesem war ich schon lange nicht mehr mit einem Buch fertig :D.
Was soll ich nun dazu sagen? Wie @KrimiElse habe ich die Geschichte und die vielen (biografischen) Informationen interessiert und mit Spannung verfolgt - teilweise mit offenem Mund (z. B. über die Flüchtlingspolitik der Schweiz und die "Aktualität" selbiger im heutigen Europa...).
Joseph Schmidt war bestimmt nicht der sympathischste Mensch - er hatte (wie jeder) Fehler. Trotzdem war er "zwischen den Tönen" oder (wie im Buch) zwischen den Zeilen ein sensibler Mensch, der sich gerade am Ende seines kurzen Lebens gefragt hat, ob wirklich jede (getroffene)Entscheidung die richtige war.
Die Verbindung von biografischen Informationen und fiktiven? (Zeitzeugen-)Berichten (auch Oral History genannt) finde ich spannend und durchaus gelungen dargestellt.

So, und nun bastele ich an meiner Rezension :D.
 

Querleserin

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30. Dezember 2015
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Wadern
querleserin.blogspot.com
Möchte mich @KrimiElse und @kingofmusic anschließen.
Schockierend fand ich die Haltung der Schweiz gegenüber den jüdischen Flüchtlingen, das war mir in dieser Form nicht bewusst. Insofern fand ich die Einschübe des Juristen am interessantesten, der Versuch der Rechtfertigung angesichts der Inhumanität.
Das Schicksal Joseph Schmidts hat mich insofern berührt, da sein Tod durchaus auf persönlicher Schuld basiert. Der Professor hätte anders im Hospital handeln und auch der Jurist hätte eingreifen können, was sie aus unterschiedlichen Motiven nicht getan haben. Das wird mir in Erinnerung bleiben, weniger der Mensch Joseph Schmidt, mit dem ich nicht warm geworden bin.
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Trotzdem war er "zwischen den Tönen" oder (wie im Buch) zwischen den Zeilen ein sensibler Mensch, der sich gerade am Ende seines kurzen Lebens gefragt hat, ob wirklich jede (getroffene)Entscheidung die richtige war.
Das Adjektiv "sensibel" trifft es gut. Ein hoch talentierter Sänger, der wohl schon früh in der Jugend zu Höherem gefördert wurde. Aufgrund seines kleinen Wuchses hatte er als Kind ja auch schon zu leiden, eine "Mobbing"- Szene wurde in der Rückblende geschildert.
Insofern hat er sich in die Welt der Musik geflüchtet und dort viel Anerkennung erfahren - zusammen mit Liebe, Geld, Erfolg usw.

Als Flüchtling ist dieses Selbstbewusstsein zusammengebrochen. In der Schweiz wollte er nur noch devot alles richtig machen, zudem nahm ihm die Krankheit die Kraft. Da kann man ja fast nur noch über sein vergangenes Leben sinnieren.

Insgesamt habe ich das Buch trotz seiner Längen in der zweiten Hälfte gerne gelesen. Es brachte mir Sänger und Zeit ins Bewusstsein und behandelt mit dem Flüchtlingsthema unaufgeregt eine aktuelle Problematik.

Ich würde 3,5 Sterne vergeben, die ich in der Rezension wohlwollend auf 4 aufrunde. Kein Highlight, aber ein lesenswertes Buch.
 

Renie

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19. Mai 2014
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Essen
renies-lesetagebuch.blogspot.de
ch würde 3,5 Sterne vergeben, die ich in der Rezension wohlwollend auf 4 aufrunde. Kein Highlight, aber ein lesenswertes Buch.
Dies wird auch meine Wertung sein.
Josef Schmidt war so gar nicht meins. Ich finde allerdings die Entwicklung des Romans sehr gut.
Man beginnt dieses Buch mit viel "Nostalgie-Romantik", liest es als biografischen Roman und landet am Ende bei einem zeitgemäßen Roman, bei dem das Flüchtlingsthema im Fokus steht (für mich zumindest;))
Daher hat mich dieser Roman am Ende auch packen können, zwar nicht so, dass ich in Begeisterungsstürme ausbreche, aber immerhin, dass ich meine 3,5 Sterne auf 4 aufrunden werde.
 

parden

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13. April 2014
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Niederrhein
www.litterae-artesque.blogspot.de
Auch meine Rezension ist nun fertig. Mir hat das Buch ganz gut gefallen - Hartmann hat einen ganz eigenen Zugang zu dem Sänger gesucht. Manchmal - v.a. gegen Ende - vielleicht ein wenig zu filmreif, alles in allem aber doch passend. Den 3,5 Sternen würde ich mich anschießen, vergebe aber auch 4... Schön, dass ich hier wieder mitlesen durfte!

https://whatchareadin.de/community/...-saenger-von-lukas-hartmann.16961/#post-59149
 

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