FAZIT zu "Stella Maris"

petraellen

Aktives Mitglied
11. Oktober 2020
303
795
44
Stella Maris ist ein großartiger Dialog der Sprachkunst. Cormac Mc Carthy hat sich mit „Stella Maris“ und auch mit „Der Passagier“ (den habe ich allerdings nicht gelesen, ich baue meine Behauptung auf andere Rezensionen auf) fulminant zurückgemeldet. Er läßt seine Figuren genial über Mathematik, Physik, Philosophie, Kunst und um das Wesen der Sprache auf einer mathematisch, philosophischen Ebene nachdenken. Ein Dialog über die Welt über das Leben und den Tod.
Mc Carthy ist 90, vielleicht sein letzter Roman, sein Vermächtnis an uns.
 

Eulenhaus

Mitglied
13. Juni 2022
84
336
24
Stella Maris, Meerstern, Gottesmutter Maria, Schutzpatronin der Seeleute und Fischer.
McCarthy umgibt sich laut Wikipedia gern mit Wissenschaftlern, daher diese Vertiefung in die entsprechenden Fachgebiete. Die Zeichensetzung ist eine von ihm gewünschte spezielle Form.
Auch wenn ich den wissenschaftlichen Ausführungen des Autors häufiger nicht folgen konnte, haben mich die Dialoge mehr und mehr angesprochen. Es ist ein eindrucksstarkes, sprachlich hochwertiges Buch.
Die anfangs schon gestellte Frage bleibt: Gibt es Alicia wirklich? Oder will der Autor uns mit seinem Alterswerk nur literarisch verwirren?
 

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
15.545
35.833
49
Diesen Roman zu bewerten, fällt mir sehr schwer, weil sich mir insgesamt das Gefühl aufdrängt, ihm nicht gewachsen gewesen zu sein. Die Konstruktion des Dialogs halte ich für sehr gelungen, das Gespräch wirkt trotz seiner hohen Intellektualität natürlich und selbstverständlich auf mich. Die mathematischen Exkurse sind für Kenner gewiss ebenso interessant wie die philosophischen Fragen, die die beiden Protagonisten erörtern - für mich waren sie (die mathem. Exkurse) zu lang, weil böhmische Dörfer.

Sollte ich das rezensieren, was ich verstanden habe, käme ich vielleicht sogar zur Höchstwertung. Aber McCarthy hat kein Buch für den Mainstream geschrieben. Er wendet sich an den hoch naturwissenschaftlich gebildeten Leser. Er zeigt aber auch, dass es nicht erstrebenswert ist, ein Genie zu sein, dass Hochbegabung elementare psychische Probleme nach sich ziehen kann. Das tut er sehr empathisch und menschlich.

Über weite Strecken bin ich dem Exkurs in Alicias Welt gerne gefolgt, auch wenn er anstrengend war. Allerdings habe ich nicht unbedingt den Eifer, "Der Passagier" hinterher zu schieben. Vielleicht später.

Bevor ich mein endgültiges Votum formuliere, warte ich die weitere Diskussion ab.
 

petraellen

Aktives Mitglied
11. Oktober 2020
303
795
44
ihm nicht gewachsen gewesen zu sein.
ich glaube schon, dass du diesem Roman gewachsen bist. Es geht nicht darum ein super Mathematiker zu sein, ist der Therapeut ja auch nicht, sondern einfach darum, zu philosophieren und ja, auch dazu zu lernen. Manche Passagen lohnen sich mehrmals zu lesen und darüber nachzudenken. Vielleicht auch mal im Freundes- Bekanntenkreis wieder einmal philopsophieren bei einem Glas Wein. Machen wir das nicht alle ganz gerne mal? Dabei kommt es doch nicht auf das tiefste Wissen an, sondern nur seinen Gedanken freien Lauf lassen.
 

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
15.545
35.833
49
Dabei kommt es doch nicht auf das tiefste Wissen an, sondern nur seinen Gedanken freien Lauf lassen.
Bin ich bei dir.

Was jedoch die genannten Mathematiker, ihre Theorien und Grenzen betrifft - da bin ich komplett raus. Bei den Passagen klingelt bei mir gar nichts, auch beim dritten Lesen nicht. Die sind meines Erachtens für ein enges Publikum geschrieben worden, für Menschen, die das zumindest im Ansatz nachvollziehen können.
 

Naibenak

Aktives Mitglied
2. August 2021
707
2.830
44
46
Schleswig-Holstein
Mich hat das Buch eigentlich erst mit den letzten Sätzen beeindruckt, weil sich mir dann erst nach und nach ein Sinn/ Ziel dieser teils unglaublich anstrengenden Lektüre offenbart hat.

Zweifellos ein sprachlich großes Werk! Die ausschweifenden Monologe über hochkomplexe Themen, mit denen ich nichts anfangen kann (Mathe/ Physik/ Philosophie) und die mich diesmal auch leider nicht so brennend interessiert haben, dass ich nebenbei Wiki durcharbeite, haben mir die Lektüre allerdings sehr erschwert, mich nahezu abbrechen lassen (wenn ich gedurft hätte :grinning:helo). Und deshalb muss ich Punkte abziehen. Bin allerdings im Nachhinein froh, den Roman beendet zu haben. Wegen des genialen Schlusses :smileeye
 

Irisblatt

Aktives Mitglied
15. April 2022
823
3.041
44
52
Ich muss noch nachdenken, wie ich Stella Maris finde. Das Lesen war eine Herausforderung - vielem konnte ich nicht im entferntesten folgen. Stört mich das? Ja!. Ich werde in beiden Büchern einzelne Passagen noch einmal lesen. Dieser Punkt spricht eindeutig für die Werke. Den Passagier habe ich nur fertig gelesen, weil ich den Zwerg so abgefahren fand. Jetzt hänge ich immer noch an ihm und seiner Symbolik.
Die Themen, die McCarthy beackert: Wahrnehmungen, Realität, unterschiedliche Zugänge zur Welt, Möglichkeiten, Grenzen und Ethik der Wissenschaft, Scheitern finde ich sehr interessant. Letztendlich geht es für mich aber auch um die Notwendigkeit eines emotionalen Ankers in der Welt, Geborgenheit und die Frage, was uns glücklich und zufrieden macht bzw. was Menschen verzweifeln lässt.
 

Irisblatt

Aktives Mitglied
15. April 2022
823
3.041
44
52
Oder zumindest den der völligen Gleichgültigkeit gegenüber der Leserschaft.
Das finde ich überhaupt nicht schlimm.

Die anfangs schon gestellte Frage bleibt: Gibt es Alicia wirklich? Oder will der Autor uns mit seinem Alterswerk nur literarisch verwirren?
Woher kommt denn diese Frage? Habe ich gar nicht mitbekommen.
Ich glaube nicht, dass er verwirren will - ich denke, er versteht was er schreibt, hatte aber soviel Mitgefühl mit uns, dass er den Therapeuten eingebaut hat, der auch vielem nicht folgen kann und trotzdem nicht verzweifelt. Bzw. genau genommen verzweifelt diejenige mit den größten kognitiven Fähigkeiten. Vermutlich also nicht schlimm, wenn wir nicht alles begreifen.
 

Irisblatt

Aktives Mitglied
15. April 2022
823
3.041
44
52
Diesen Roman zu bewerten, fällt mir sehr schwer, weil sich mir insgesamt das Gefühl aufdrängt, ihm nicht gewachsen gewesen zu sein.
Das geht mir auch so und zwar nicht nur aufgrund der mathematischen Ausführungen. Die Themen werden in hohem Tempo sehr kurz abgehandelt, es gibt viele Sprünge, Ablenkungen. Der Text ist sehr dicht, es gibt so viele Bezüge (sowohl intertextuell als auch auf historische/gesellschaftliche Ereignisse bezogen). Dann werden mal eben ganz nebenbei Theorien aus unterschiedlichen Disziplinen eingeworfen, Namen von großen Wissenschaftler:innen, dir mir größtenteils gar nichts sagen.
Ich finde es großartig, wenn ein Text so viel bietet, dass vermutlich auch nach dem 100. Mal lesen noch neue Gedanken aufkommen. Allerdings ist das alles auch sehr anstrengend und eine Gratwanderung.
Die Konstruktion des Dialogs halte ich für sehr gelungen, das Gespräch wirkt trotz seiner hohen Intellektualität natürlich und selbstverständlich auf mich.
Das ist wirklich große Kunst. Beeindruckend, dass das so gut funktioniert.
 

Irisblatt

Aktives Mitglied
15. April 2022
823
3.041
44
52
Zweifellos ein sprachlich großes Werk! Die ausschweifenden Monologe über hochkomplexe Themen, mit denen ich nichts anfangen kann (Mathe/ Physik/ Philosophie) und die mich diesmal auch leider nicht so brennend interessiert haben, dass ich nebenbei Wiki durcharbeite, haben mir die Lektüre allerdings sehr erschwert,
Ich habe fast nichts gegoogelt. Wo soll man da anfangen? Das sind komplexe Theorien, die nicht einfach mal so kurz nachgeschaut werden können. Das, was zentral ist, lässt sich auch so mit allerlei Hirnverknotung erahnen.
 

Sassenach123

Bekanntes Mitglied
27. Dezember 2015
3.627
8.082
49
48
Gefallen hat mir der Roman ebenfalls, und wie den meisten geht es mir mit den wissenschaftlichen Ausschweifungen ähnlich, ich bin mir auch sicher, dass meiste nicht verstanden zu haben. Allerdings scheint der Inhalt dessen ja auch nicht der Schwerpunkt des Romans zu sein. Der Autor wollte uns einen Eindruck vermitteln wie Alicia tickt, und das hat er in meinen Augen ganz gut hinbekommen, dazu muss ich ihre Höhenflügen bezüglich der Mathematik nicht komplett verstehen. Was ich dahingehend aber als Kritik äußern möchte, wäre dann der Umfang der Dialoge der in ebendiese Richtung geht. Deutlich gekürzt, hätte es doch auch funktioniert. Ich hätte lieber mehr von ihren Halluzinationen erfahren, vor allem der Zwerg
 

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
15.545
35.833
49
Was ich dahingehend aber als Kritik äußern möchte, wäre dann der Umfang der Dialoge der in ebendiese Richtung geht. Deutlich gekürzt, hätte es doch auch funktioniert.
Das hätte auch funktioniert, ja. Ich denke aber, dass dem Autor schon daran gelegen ist, auch höheren Mathematikern eine Bühne zu bieten. Er hat sich thematisch ja in die Psychologie, die Philosophie und die Mathematik intensiv hineingearbeitet mit kleinen Sidesteps zur Musik.

Die Kunst ist es ja, ein möglichst breites Publikum auf unterschiedlichen Ebenen anzusprechen. Es ist ein Buch, das eindeutig Denkarbeit einfordert.
 

Naibenak

Aktives Mitglied
2. August 2021
707
2.830
44
46
Schleswig-Holstein
Die Kunst ist es ja, ein möglichst breites Publikum auf unterschiedlichen Ebenen anzusprechen. Es ist ein Buch, das eindeutig Denkarbeit einfordert.
Aber wenn es dann über größere Strecken so zäh ist, dass man geneigt ist abzubrechen, noch BEVOR sich einem der allumfassende Sinn erst richtig erschließt (und das war bei mir tatsächlich erst am Schluss), dann finde ich das Ziel mit dem breiten Publikum nicht so optimal erreicht. Ich schließe mich @Sassenach123 mit dem Wunsch nach Kürzung an ;-)
 

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
15.545
35.833
49
Ich schließe mich @Sassenach123 mit dem Wunsch nach Kürzung an ;-)
Das ist doch dein gutes Recht;)
Ich bin da auch ein bisschen ambivalent in meiner Meinung - eben weil ich nicht alles verstehen konnte (und mich nicht als dummen Menschen begreife).
Letztlich eine Frage der persönlichen Gewichtung der Pros und Cons.
 

GAIA

Bekanntes Mitglied
27. Dezember 2021
1.411
5.998
49
Thüringen
Ich bin insgesamt nicht so stark überzeugt von diesem Alterswerk. Tatsächlich geht es mir da gar nicht um die fachspezifischen Textpassagen, sondern um die Qualität des Dialogs an sich. Der Psychiater ist für mich in keinster Weise authentisch, also so gar nicht. Der Dialog hat mich massiv aufgeregt, zumal psychitarisch falsches Vokabular benutzt wurde. Nach einem Blick in die Leseprobe des englischsprachigen Originals habe ich herausgefunden, dass eine Formulierung, die den Psychiater besonders passiv macht ("Na gut.") im Englischen "All right." heißt. Dieses "Alles klar." ist für mich in der Gesprächsführung nachvollziehbarer. Soll heißen: Ich vermute mich stören auch kleine Abweichungen in der Übersetzung, die dieses Gespräch so nervtötend machen. Leider ist die englische Leseprobe zu kurz, um gerade die fachlich falschen Vokabeln noch einmal zu überprüfen. Manche Leser:innen werden sich daran wenig stören, ich tur dies aber.
So waren besonders die ersten beiden Leseabschnitte für mich einfach nur ärgerlich, wenngleich ich Alicias Ausführungen grundsätzlich folgen konnte. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich am liebsten das Buch abgebrochen, habe mich aber mit Unterstützung der LR-Teilnehmer:innen ermutigt gefühlt, ab jetzt das Buch einfach nicht mehr als ernst gemeintes therapeutisches Gespräch zu lesen, sondern einfach als eine Art Monolog von Alicia mit eingeworfenen inkompetenten Kommentaren des Psychiaters. Das hat mir dann doch noch das Buch ein wenig geöffnet und ich habe besonders den letzten Leseabschnitt recht gern gelesen. Mögliche Deutungen, die in der LR angesprochen wurden, führen dazu, dass ich potentiell das Buch doch interessant finde. Muss aber einschränkend sagen, dass ich der festen Überzeugung bin, dass zunächst die Lektüre von "Der Passagier", so wie es sich der Autor auch gedacht hat, mir "Stella Maris" wahrscheinlich näher gebracht hätte bzw. für mich interessanter bezüglich möglicher Interpretationen der Geschehnisse gemacht hätte.
Vom Leseerlebnis her muss ich leider feststellen, dass mir "Stella Maris" weniger gefallen hat als "Die Straße", welche damals schon für mich ein 3,5-Sterne-Buch war. Somit werde ich wohl insgesamt zwar nicht bei den nach der ersten Hälfte des Buches veranschlagten 2 Sternen landen, aber immer noch bei "nur" 3 Sternen.
Für mich waren die Protagonist:innen und der Dialog lediglich dafür da, das Wissen des Autors zwischen zwei Buchdeckel zu bekommen. Darf er ja machen, dann hätte ich aber lieber einen zusammenhängenden Essay gelesen, als einen für mich einfach literarisch nicht besonderen Roman.