Fazit zu "Simón"

Christian1977

Bekanntes Mitglied
8. Oktober 2021
1.478
6.594
49
46
Wie hat euch der Roman als Ganzes gefallen? Bitte schreibt ein spontanes Fazit in ein paar Sätzen.
 

Christian1977

Bekanntes Mitglied
8. Oktober 2021
1.478
6.594
49
46
Der Roman war für mich ein Wechselbad der Gefühle. In dieser Form kenne ich das selten von Büchern - meistens mag man sie oder eben nicht. Oder die Stimmung ändert sich im Laufe des Lesens, flattert aber nicht so hin und her wie bei "Simón".

Einige Stellen sind fantastisch, wie die warmherzige Freundschaft zwischen Simón als Kind und Rico oder das melancholische Wiedersehen mit einigen wichtigen Figuren nach Simóns Rückkehr. Andere Szenen waren mir zu albern oder zu lang.

Ich genoss den Roman oder ärgerte mich über ihn, aber kalt ließ er mich so gut wie nie. Das bewerte ich positiv.

Die Figuren sind vielschichtig und ambivalent, bunt und schillernd. Manchmal nervtötend. Wie im richtigen Leben.

Sprachlich und formal fand ich den Roman kreativ und besonders, auch wenn nicht jedes der zahlreichen Bilder saß und mir die Dialoge zum Teil zu redundant waren.

Ich komme insgesamt auf knappe vier Sterne.
 

Literaturhexle

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2. April 2017
15.545
35.833
49
"Sprachlich und formal kreativ" - das unterschreibe ich. Es ist ein Roman, auf den man sich einlassen muss, der vom gängigen Standard abweicht. Im ersten Teil (nach Ricos Verschwinden) fühlte ich mich sehr angestrengt. Mir fehlte der Kontext, der rote Faden, der Zusammenhalt der verschiedenen Episoden. Erschwerend kommen die großen Zeitsprünge hinzu. Das bedarf Konzentration. Über das Dazwischen (die nicht beschriebenen Jahre) erfährt man wenig. Dadurch muss man immer wieder neu einsetzen, sich neu orientieren. Das macht einen Lesefluss schwerer.

Wenn man den guten Willen behält, wird man reichlich belohnt! Ich habe schließlich die für mich relevanten Themen ausgemacht, die mich postitiv durch die zweite Hälfte getragen haben. Die Charaktere sind ausnehmend komplex und glaubwürdig gezeichnet, auch die Stadt wird wahrscheinlich geschildert, wie sie ist - ohne Zafónsche Verklärung. Die Beziehung zwischen Rico und Simon sowie deren Entwicklung (eigentlich entwickelt sich ja nur einer) werden anschaulich transportiert.

Ich werde mich zeitnah an die Rezension begeben, um nichts zu vergessen. Mir schwebt gefühlsmäßig aber eine 4-Sterne-Wertung vor.
 

RuLeka

Bekanntes Mitglied
30. Januar 2018
4.471
15.195
49
65
Ich kann dem Roman nicht viel abgewinnen. Wenigen guten Passagen stehen unendlich viele belanglose gegenüber.
Aufbau und Stil unnötig verschwurbelt. Soll Tiefe suggerieren.
Die Hauptfiguren machen keine erkennbare Entwicklung durch.
Aber vor allem konnte ich zu keinem irgendwelche Nähe aufbauen.Die Art des Erzählens ließ keine aufkommen.
Ich brauche keine Identifikationsfigur, aber Interesse an deren Leben. Und das fehlte mir hier völlig.
Manchmal nervtötend. Wie im richtigen Leben.
Dann kann ich ihnen aus dem Weg gehen.
Erschwerend kommen die großen Zeitsprünge hinzu. Das bedarf Konzentration. Über das Dazwischen (die nicht beschriebenen Jahre) erfährt man wenig. Dadurch muss man immer wieder neu einsetzen, sich neu orientieren. Das macht einen Lesefluss schwerer.
Das kennen wir doch aus anderen Büchern. Das hat mich keineswegs gestört.

Geschwätzig, überladen.
Im Hinblick auf ein paar gute Szenen und einigen guten Formulierungen werden es drei Punkte, mehr aber nicht.
 

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
15.545
35.833
49
Die Hauptfiguren machen keine erkennbare Entwicklung durch.
Oooch, das stimmt nicht. Simon entwickelt sich schon gewaltig. Was mit seinem Cousin-Bruder einen tollen Kontrast ergibt.
Aber vor allem konnte ich zu keinem irgendwelche Nähe aufbauen
Diese Kritik habe ich schon häufig bei unterschiedlichsten Büchern gelesen. Ich glaube, ich brauche diese Nähe nicht. Ich kann gerne aus dem Off beobachten;)

Du bist durch, RuLeka: auf zu neuen Ufern!
 

Die Häsin

Bekanntes Mitglied
11. Dezember 2019
3.457
11.228
49
Rhönrand bei Fulda
Ich habe immer wieder mit großem Interesse die allgemeineren Passagen über die Entwicklung der Stadt gelesen oder auch über die Entwicklung Simóns. Hier war ich einige Male richtig begeistert, wie Otero mit wenigen Worten ein treffendes Bild entwirft, zum Beispiel auf Seite 338 die Passage, die mit "... und die Gürteltaschen" endet. Die habe ich meiner Tochter vorgelesen, ohne vorher zu erklären, worum es in dem Buch geht, und sie hat den Inhalt sofort verstanden. Otero findet oft sehr treffende Bilder. Auch Estelas Charakterisierung der "Krise" auf S. 373 gefiel mir: "Dass alles outgesourct wird, sogar die Liebe. Dass Ängste ausgelagert werden". Oder ein anderes, m.M.n. besonders schönes Beispiel, das Kapitel über das Leben von wilden Lachsen (S. 274), das mit den Worten endet: "Genauso künstlich versuchen wir Menschen, die Farbe des Abenteuers wiederherzustellen, mit Songs oder Büchern, die unserem Leben Action verheißen."

Ich halte Otero für einen tollen Erzähler. Dass nicht alles gleich straight und spannend ist, dass er auch schon mal schwurbelt und Wichtiges mit Unwichtigem vermischt, sehe ich ihm nach und schreibe es, wie schon erwähnt, zum Teil auch der Erzähltradition zu, auf die er sich (quasi um die Ecke) implizit immer wieder beruft. Das Ende (S. 429) deutet an, dass der allwissende Erzähler, der in diesem Buch immer wieder mal den Leser direkt anspricht, Simón selbst sein könnte, der aus zeitlicher Entfernung in abgeklärterem Ton berichtet. Das Titelbild - wie hier das MO von Simón mit den Initialen Oteros korrespondiert - könnte aber auch darauf hinweisen, dass zumindest einige Teile autobiographisch sind.

Mir hat das Buch viel Freude gemacht, ich vergebe gute 4 Punkte. Zwischendurch war ich schon mal nahe dran, den fünften Stern draufzulegen - so ganz gereicht hat es dann aber doch nicht. Es gibt auch einige Sprach- und Übersetzungsschlampereien, ich habe mir die leider nicht angemerkt und kann kein Beispiel liefern, aber mehrmals sind mir Unschärfen zwischen der ersten und der dritten Person aufgefallen, die so wirken, als seien zumindest einige Passagen ursprünglich in Ich-Form geschrieben gewesen. Oder sollte das Absicht sein?

ps. Es gibt eine Stelle, die ich jetzt auch gerade nicht wiederfinde, wo das Geräusch der Rollenkoffer symbolisch für den Niedergang der Stadt bezeichnet wird. Das fand ich auch sehr treffend - als ich nämlich vor ein paar Tagen den Anschlag auf der Rambla gegoogelt habe, um nachzusehen, wann genau das war, sah ich als erstes ein Foto von davonrennenden Leuten - im Vordergrund eine Frau mit Trolley. Der Rollenkoffer ist ein ebenso treffendes Symbol wie die Gürteltasche. Otero hat ein Händchen für solche Markierungen.
 

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
15.545
35.833
49
Der Rollenkoffer ist ein ebenso treffendes Symbol wie die Gürteltasche. Otero hat ein Händchen für solche Markierungen.
Die von dir zitierten Bilder konnte ich spontan zuordnen. Davon gibt es wirklich eine Menge, wenn man es schafft, dem Text zu folgen. Otero kann definitiv erzählen. Mit ein bisschen Straffung hätten wir das wohl alle entdeckt;)

Schön, dass du den Roman so gerne gelesen hast.
 

Wandablue

Bekanntes Mitglied
18. September 2019
7.026
14.897
49
Brandenburg
Dieser Roman aus Spanien macht auf lustig, mit zahlreichen Bezügen auf Don Quijote bzw. andere Helden aus Büchern. "Es ist alles in den Büchern", sagt Rico. Dann, hätte man diesen neuen Roman ja gar nicht mehr gebraucht, wenn alles schon da ist. Gut, Scherz beiseite.

Ich erlebe "Simon" als den Versuch des neuen Romans, der in sozialkritischer Weise die Misere des Landes einfängt. Leute von unten haben kaum Chancen. Geraten sie dazu noch auf die schiefe Bahn, ist ein gelungenes Leben unmöglich. Dies ist zutiefst deprimierend zu lesen, auch wenn alles in eine Art HansimGlück HansWurstfigur gekleidet ist. Andere "neue" Elemente, ist sprachliche Spielerei - was einmal mehr und oft weniger glückt.
Den Rest schreibe ich in die Rezension.
 

Sassenach123

Bekanntes Mitglied
27. Dezember 2015
3.627
8.082
49
48
Größtenteils habe ich den Roman sehr gerne gelesen. Ich habe mit Spannung verfolgt, wie Simon unter Ricos Verschwinden gelitten hat, habe ihn begleitet, als er sich mit Estella auf die Suche gemacht hat. Seine Exkursion zur Kochschule, die Bekanntschaften die er dort geschlossen hat, alles hat mich gut unterhalten. Doch ab und an, gab es auch wirre Szenen, bei denen ich Geduld brauchte um sie zu auseinander zu dröseln, dass empfand ich manchmal als ein wenig müßig.
Rico und seine Art sind schwer zu verstehen, doch für mich ist eh Simon der Mittelpunkt des Romans gewesen, so dass ich mich mit Rico arrangiert habe.
Mehr erwartet habe ich, vor allem zu Anfang, von Infos über Barcelona. Das Feeling sprang nicht ganz über, die Fülle am Ende, mit der Krise, war mir eher zu überladen. Wenn ich allers gegeneinander aufwiege, komme ich aber für mich trotzdem auf 4 Sterne.
 

otegami

Bekanntes Mitglied
17. Dezember 2021
1.202
4.199
49
70
Gerne bin ich mit Miqui Otero nach Barcelona gereist, denn ich kannte es noch nicht (nur Andalusien). In der Kneipe Baraja lernte ich nicht nur die Betreiber-Familien kennen, sondern auch deren Söhne und die ganzen Stammgäste - ein wahrlich bunter Haufen!

Ab Sommer 1992 begleitete ich dann Simón und Rico, die ‚zwei Cousin-Brüder‘, die bei gleichen Startbedingungen sich doch unterschiedlich entwickelten. Und ich begleitete sie sehr gerne, obwohl mich Rico teilweise nervte mit seiner Sprunghaftigkeit und Unzuverlässigkeit.

Die Beschreibungen der unterschiedlichsten Charaktere unterhielten mich gut und wunderschöne Sätze zum Merken, voller Lebensweisheiten, erfreuten mich immer wieder!

Etliche Szenen waren meine wahren Highlights, wie z.B. die in der Küche des Nobelrestaurants Filigrana, die Unterhaltungen zwischen Simón und Rico, die starken Familienbande, die auch bei Schwierigkeiten halten ………. (Ich muss aufhören, sonst schreibe ich selbst einen Roman!)

4 Sterne wird es geben, weil ich bei aller Begeisterung den Roman doch an manchen Stellen etwas gekürzt hätte!
 

parden

Bekanntes Mitglied
13. April 2014
5.289
5.920
49
Niederrhein
www.litterae-artesque.blogspot.de
Ich bin durch. Das würde ich am liebsten so als Fazit stehen lassen.

Am besten gefallen hat mir der Abschnitt, als Simón in seiner Sturm-und-Drangzeit nicht in Barcelona war, aber das war halt nur kurz im Vergleich zur restlichen geschilderten Lebensspanne. Ansonsten hat der Roman oft sehr an meiner Geduld gezehrt, er war weder spannend, noch habe ich wirklich einen roten Faden entdecken oder auch nur Interesse an den Figuren entwickeln können.

Für mich ist hier zu viel gewollt worden. Eine Familiengeschichte, die Schilderung der womöglich hoffnungslosen Lage der Jugend Spaniens wie @RuLeka es ganz treffend formuliert hat, eine Coming-of-Age-Erzählung, die Chronik einer Stadt, gesellschaftskritische Themen, Romaninhalte und die Bedeutung von bzw. die Liebe zu Büchern usw. Ein Schmelztiegel von Themen, der dem Autor in meinen Augen letztlich um die Ohren geflogen ist, weil er nichts davon richtig bedient hat. Von allem etwas, ach, ruhig noch ein wenig mehr, schön umrühren, fertig. Für mich fehlen hier die Würze und der Pfiff, der Eintopf schmeckte mir nicht. Der Schreibstil anspruchsvoll, oftmals zu gewollt wirkend, selbstverliebt intellektuell... Und alles viel zu weitschweifig, zu lang, zu - ach.

Ich höre jetzt lieber auf, aber mehr als zwei Sterne kann und werde ich hier nicht vergeben. Sorry.
 

luisa_loves-literature

Aktives Mitglied
9. Januar 2022
412
1.634
44
Geschwätzig, überladen.
Ja, absolut.
Ansonsten hat der Roman oft sehr an meiner Geduld gezehrt, er war weder spannend, noch habe ich wirklich einen roten Faden entdecken oder auch nur Interesse an den Figuren entwickeln können.
Genau das.

Ich gehe mit Euch beiden vollkommen mit. Mich konnte der Roman an keiner einzigen Stelle begeistern oder mitreißen. Ich habe mich, wenn ich ganz ehrlich bin, komplett durch den Text gelangweilt. Bei der "leisen Last" habe ich mich zumindest noch ärgern können, aber hier war einfach nichts. Ich brauche doch mehr Fokus, mehr Aussage, keine selbstverliebten Sprachspiralen und Selbstbeweihräucherungen, keine versuchte ironische Distanzierung und keine 100fache Wiederholung des Begriffs "Cousin-Brüder". Es liegt sicherlich an der unterschiedlichen Erzähltradition, aber mir waren hier einfach zu viele Seiten ohne Inhalt, dann wieder forcierter Zeitgeist und letztlich so eine überfrachtetete Erzählung, dass man das Interesse verliert unter die 200 Schichten zu blicken. Nur weil etwas verborgen sein könnte, lohnt es noch nicht zu suchen. Für mich ermüdend - ich ziehe gern mein Corona-Konzentrations-Defizit bei der Bewertung hinzu, aber zwei Sterne sind das höchste für meine Lesegefühle.