FAZIT zu "Lügen über meine Mutter"

Literaturhexle

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2. April 2017
20.063
52.102
49
Wie hat euch der Roman als Ganzes gefallen? Bitte schreibt ein spontanes Fazit in ein paar Sätzen.
 

alasca

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13. Juni 2022
3.489
11.200
49
Ein Roman über ein williges Opfer. Über eine Frau, die allen Frauenklischees entspricht. Eine starke Frau, die sich klein macht und aufopfert. Und eine Tochter, die ihre Mutter als Heldin verehrt (im Dankeswort am Ende). Sorry, mir wird übel davon.

Ich denke weiter darüber nach.
 
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Reaktionen: Emswashed

Lesehorizont

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29. März 2022
2.698
10.255
49
53
Mainz
Mein Fazit ist ernüchternd: Das war nix!
Im Endeffekt hat die Autorin nun doch eine Empörung bei mir hervorgerufen. Aber nicht Mitleid mit der Mutter und korrespondierend Entsetzen über den Vater, der sie dissed. Sondern: Empörung darüber, dass ein solches Buch Anwärter für den deutschen Buchpreis ist. Erstaunt stellte ich auch gerade fest, dass das Buch bei lb durchschnittlich 4,5 Sterne hat. Haben die alle dasselbe Buch gelesen wie wir?
Das Thema hätte potential, wäre stärker auf das Dicksein in allen Facetten fokussiert in einer Welt, die von Schönheitsidealen beherrscht ist. Aber so...
Ich bleibe letztlich etwas rat- und fassungslos zurück...
 

Literaturhexle

Moderator
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2. April 2017
20.063
52.102
49
Die ersten zwei Teile des Romans haben mich sehr aufgewühlt. Aus eigener Erfahrung kenne ich das Patriarchat gut. Da wurde einiges wach gerufen, was sich während meiner Kinderzeit abspielte. Allerdings im Roman um vieles verschärfter, so dass man sich nicht in den 80er sondern eher in den 60er Jahren wähnte. Sei es drum, auf dem Land laufen die Uhren manchmal anders.

Auf Frauen wurde schon immer rumgehackt. Zentral hier das Körpergewicht. Bitter, dass gerade der eigene Mann beständig in die Kerbe haut. Aufgedeckt wird das System dahinter: Frauen sollen attraktiv, schön, schlank und vorzeigbar sein sowie der gesellschaftlich definierten Norm entsprechen, während Männer stolz ihren Bierbauch schwenken dürfen. Bodyshaming auf Neudeutsch. Die Autorin hat sich eines wichtigen Themas angenommen, gerade die Fokussierung auf das Körpergewicht war mir neu und weckte große Neugier.

Leider gerät das wichtige feministische Anliegen aus dem Blickfeld. Eine Erbschaft verändert die Grundkonstellation. Die Ehefrau wird weiterhin gegängelt, das von ihr ererbte Geld sinnlos verprasst, ohne dass sie nennenswerte Gegenwehr leistet. Dabei ist sie keine dumme Person, sondern eher eine Macherin. Diese Diskrepanz empfand ich zunehmend als unstimmig, die sich im Kreise drehenden Vorwürfe als redundant, das Ende als unbefriedigend. Die permanenten Bezüge zu den 80er Jahren in Film, Musik, Konsum, Sport etc. wirkten aufgesetzt und gewollt.

Die Perspektive des Vaters fehlt komplett, die der Mutter wird in essayistischen Einschüben präsentiert, die ich mit zunehmender Lektüre als "Thema verfehlt" oder unschlüssig empfunden habe. Die dort aufgestellten Thesen konnte ich inhaltlich nur noch ansatzweise nachvollziehen. Die kindliche Sichtweise legt zwar den Finger in die misogyne Wunde, vermag aber keine schlüssige Erklärung für das Verhalten der Mutter zu geben, warum sie sich jahrelang unterdrücken lässt.

Alles in allem: Too much. Zu dick aufgetragen. Betroffenheitsliteratur, die einer intensiven Beschäftigung damit nicht standhält. Man fragt sich, wie es dieser Roman auf die DBP Longlist geschafft hat. Denn auch sprachlich handelt es sich hier eher um Hausmannskost.

Mein Fazit klingt ziemlich negativ. Ich halte dem Roman die wichtige Thematik zu Gute sowei die Tatsache, dass er mich in der ersten Hälfte wirklich stark tangiert hat. So werde ich in meiner Rezension wahrscheinlich auf 3/5 Sterne kommen.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
7.060
26.846
49
66
Der Roman steht auch auf der SWR- Bestenliste. Bei der Diskussion kommt er bei manchen nicht sehr gut an. Wer reinhören möchte:
 

Emswashed

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9. Mai 2020
2.861
10.331
49
Ihr habt ja recht, eine Buchperle ist es wirklich nicht, aber der Roman hat schon etwas mit mir gemacht und das versuche ich gerade in verständliche Sätze zu packen.

Ich habe ein wenig das Lektorat vermisst. Gerade am Anfang waren ein paar Rechtschreibfehler, die ich aber übergangen habe, weil es gerade so "spannend" war.

Die Autorin hat mich mit falschen Versprechungen gelockt und zwischendrin war ich gewillt, sie dafür ordentlich bluten zu lassen. Doch dann kam mir immer wieder der Buchtitel in den Sinn, der mir doch den stärksten Hinweis auf den Wahrheitsgehalt des Buches bot.

Auf den letzten Seiten kam dann der Hinweis mit der Geisteraustreibung, der für mich die große Denkwende einläutete.

An euren Kommentaren sehe ich, dass dieser Purzelbaum nicht euer Ding war. Das kann ich durchaus verstehen. Jetzt suche ich nur noch nach den richtigen Worten.
 

Literaturhexle

Moderator
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2. April 2017
20.063
52.102
49
Der Roman steht auch auf der SWR- Bestenliste. Bei der Diskussion kommt er bei manchen nicht sehr gut an. Wer reinhören möchte:
Danke @RuLeka! Ich bin ganz bei Sigrid Löffler und freue mich, dass weit gebildetere Literaten als ich das Buch auch sehr kritisch sehen! Gerade als Frau hat man einfach Probleme mit der ambivatenten Mutterfigur.
 

Wandablue

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18. September 2019
10.358
23.997
49
Brandenburg
Der Roman hat einen flotten Zungenschlag, er ist leicht zu lesen. Die Einbettung in einen allgemeineren Zusammenhang, z.B. das Zeitgeschehen, kommt mir aufgesetzt, beinahe albern vor. Überhaupt hätte mir eine nichtpersonale Erzählweise in diesem Roman besser gefallen. Die Thematik ist gemischt, hier kommt Vieles bunt durcheinander aufs Tapez, Figurprobleme, Eheprobleme ! - Rolle von Mann und Frau, Finanzen, Deutungshoheit, soziales Gewissen, Dorfleben - es ist ungefiltert und ungeordnet und insofern habe ich nicht viel Vergnügen an dem Roman gehabt. Eigentlich geht es doch um eine gescheiterte Ehe und nicht um patriarchalische Strukturen. Andere Ehen sind mit diesem Modell trotz Ungleichgewichtigkeiten ganz gut klar gekommen.
Nach meinem Befinden hat die kindliche Perspektive diesen Roman ruiniert.
 

Literaturhexle

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2. April 2017
20.063
52.102
49
Nach meinem Befinden hat die kindliche Perspektive diesen Roman ruiniert.
Irgendwie schon. Weil man zu wenig von den erwachsenen Gefühlen erfährt. Mum und Dad haben kein Innenleben. Alles sehen wir nur mit den beobachtenden Augen der 8/9-jährigen, ergänzt durch die rätselhaften essayistisch-reflektierenden Einschübe der erwachsenen Autorin. Es bleiben einfach zu viele Fragen offen (Warum???), auf die man keine Antwort bekommt.
 

Emswashed

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9. Mai 2020
2.861
10.331
49
Nach meinem Befinden hat die kindliche Perspektive diesen Roman ruiniert.

Ich finde, dass diese Perspektive dem Roman eine andere Deutungsebene bietet. Das Aufwachsen in dieser Familie hat Dröscher geprägt und zu dem gemacht, was sie heute ist.
Es bleiben einfach zu viele Fragen offen (Warum???), auf die man keine Antwort bekommt.
Über diese Fragen muss sich die Autorin erst einmal selbts klar werden, und das Schreiben dieses Roman hilft ihr (und günstigenfalls auch anderen Lesern).
 

Sassenach123

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27. Dezember 2015
4.478
11.025
49
50
Auch mein Fazit fällt nicht ganz so negativ aus, wie bei den meisten hier aus der Runde. Ich hatte beim lesen tatsächlich mehr die Eindrücke der Autorin vor Augen, von denen ich ausgehe, dass sie sie dem Leser relativ unverfälscht, eben aus ihrer Erinnerung, wiedergibt.
Das Lesetempo meinerseits war zügig, ich habe mich definitiv nicht durch das Buch gequält.
Nun muss ich mir nur noch Gedanken zur Rezension machen, und da habe ich bisher überhaupt keine Idee, wie ich es verpacken soll.
 

milkysilvermoon

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13. Oktober 2017
1.863
5.379
49
Mein Fazit fällt nicht so vernichtend aus. Vielleicht eine Frage der Erwartungen. Was hatte ich erwartet? Einen feministischen Roman mit dem Schwerpunkt Fatshaming, der bedenkliche Strukturen aufzeigt. Das habe ich bekommen.

Tatsächlich ist dieser Roman aber noch mehr. Vermutlich hat die Autorin ein bisschen zu viel gewollt. An einigen Stellen ist die Geschichte zu sehr drüber. Auch sprachlich ist der Roman höchstens Durchschnitt.

Alles in allem habe ich mich aber gut unterhalten gefühlt. Nicht zwingend preisverdächtig, aber dennoch kein schlechtes Buch, finde ich.
 

alasca

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13. Juni 2022
3.489
11.200
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Ich finde, dass diese Perspektive dem Roman eine andere Deutungsebene bietet. Das Aufwachsen in dieser Familie hat Dröscher geprägt und zu dem gemacht, was sie heute ist.

Über diese Fragen muss sich die Autorin erst einmal selbts klar werden, und das Schreiben dieses Roman hilft ihr (und günstigenfalls auch anderen Lesern).
Bin ich Therapeutin?

Eine befreundete Künstlerin sagte mal zu mir : Kipp den Betrachtern deiner Arbeiten nicht deinen unreflektierten Müll über den Kopf. Sic! Das gilt auch für Schriftsteller:innen. Annie Ernaux tut genau das NICHT. Sie transzendiert ihre Biografie. Das ist Dröscher gründlich misslungen.