FAZIT zu "Draußen die Welt"

Literaturhexle

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2. April 2017
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51.399
49
Wie hat euch der Roman als Ganzes gefallen? Bitte gebt uns ein spontanes Fazit in ein paar Sätzen.
 

GAIA

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27. Dezember 2021
2.322
11.017
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Thüringen
Für mich löst sich das Versprechen des englischen Originaltitels nicht wirklich ein: "Against a Darkening Sky". Erst ganz zum Schluss bringt Mary mit ihren Gedanken dieses drohende Unheil in eine Form. Dazu habe ich mir einen Satz auf S. 261 markiert:
"Trotz Krieg, Mord und plötzlichem Tod, dachte sie bei sich, spülen muss man trotzdem."
Das ist mir ehrlich gesagt zu wenig. Ich hatte von diesem Roman viel mehr erwartet. Von der Weltwirtschaftkrise habe ich kaum etwas mitbekommen und auch nicht, dass diese irgendeine einschneidene Auswirkung auf die Familie gehabt hätte. Es werden so unglaublich viele Alltagsanakdoten erzählt und selbst wenn einmal etwas Nennenswertes passierte, wechselte kurz darauf der Fokus weg zum Alltag. Das blieb für mich alles ohne Emotionen, wirkt so runtererzählt. Erst auf den letzten Seiten nimmt sich die Autorin Zeit, um in den Kopf von Mary zu schauen. Vorher wird nur mal kurz daran vorbeigeschwenkt.
Janet Lewis schreibt schön, das kann sie. Aber ich frage mich letztlich, warum dieser Roman von 1943 jetzt wieder an die Oberfläche geholt, übersetzt und veröffentlicht wurde. Es gibt sicherlich einige weibliche Autorinnen, die in den vergangenen Jahrhunderten übersehen wurden, nur finde ich gerade dieses vorliegende Werk nicht besonders herausragend, sodass ich mir nicht erklären kann, warum es dafür prädestiniert ist. Ich habe mich über weite Strecken gelangweilt und mitunter gewundert, warum diese oder jene Szene nun so ausführlich beschrieben wurde.

Letztlich liege ich derzeit mit meiner Einschätzung bei 2,5 Sternen und schwanke damit zwischen 2 und 3 Sternen. Zu einem abschließenden Ergebnis werde ich wohl erst mit Verfassen der Rezension kommen, aber da ich vom Roman auch nicht aktiv abraten würde, lande ich wahrscheinlich bei 3 Sternen.
 
Zuletzt bearbeitet:

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
19.866
51.399
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Wie man merken konnte, bin ich von A bis Z sehr begeistert von diesem Roman! Das liegt einerseits an dem unglaublich bildlichen, den Figuren zugewandten Erzählstil der Autorin. Ich kann die Landschaft vor meinem inneren Auge sehen und die Emotionen fühlen. Die Menschen sind in ihrem rauhen, fordernden Alltag einiges gewöhnt, sie müssen auch funktionieren, wenn Unheil droht. Diese ländliche, beschauliche, arbeitsame und doch überwiegend harmonische Welt wurde wunderbar eingefangen. Ein Buch zum Entschleunigen!

Mary ist die moralische Instanz. Es ist ihr auch ohne übermäßige Religiosität gelungen, ihren Kindern Werte zu vermitteln, was sie im täglichen Leben (insbes. Melanie) beweisen dürfen. Der Fokus liegt auf den weiblichen Figuren, was für die Zeit von Janet Lewis fortschrittlich sein dürfte.

Ich finde es toll, dass dieser Roman dem Vergessen entrissen wurde! Er ist es auch heute wert, gelesen zu werden - in einer Zeit, in der Rücksichtslosigkeit, Polemik und mangelnde Empathie und Moral um sich greifen. Der Roman hat klar etwas Zeitloses, das ihn als Klassiker ausweist. Hervorheben möchte ich auch die gelungene Übersetzung von Sylvia Spatz.

Ich kenne nun alle vier Romane der Autorin und gebe abgesehen von "Verhängnis" nur Bestnoten.
 

Wandablue

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18. September 2019
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23.477
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Brandenburg
Man muss sich einlassen auf diesen Roman und auf seine Themen, die subtil und nebenher einfließen. Moderne kommt ins Hinterland, man lebt sein Leben, versucht ein guter Mensch zu sein, aber das Böse ist auch im Hinterland, weil es in den Menschen ist. Der Roman bleibt jedoch gelassen, verzichtet auf jedes grelle Moment und auf das Auftrumpfen, Skandale werden nicht ausgeschlachtet - so wie auch die Menschen das Leben in all seinen Ausprägungen gelassen nehmen. Das gefällt mir sehr gut. Der allzu silbrige ausufernde idealisierende Naturstil kostet einen Stern, weil, nun ja, eben das, zu silbrig und zu gülden. Und nun bürste ich mein welliges Haar.
 

alasca

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13. Juni 2022
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Mir gefiel der Roman, auch wenn es in zwei Kapiteln Längen gab, die ohne Einbuße von Bedeutungsebenen hätten kürzer gefasst werden können (Bootsfahrt, Zeppelin).

Schön fand ich das Verhaltene, Leise, Subtile, die Indirektheit, die behutsame Charakterisierung der Figuren, denen sie nie zu nahe tritt, als seien es echte Menschen - bei denen man das ja auch nicht täte.

Ich lese den Roman als Hommage an die ganz normale Hausfrau, die ihre Familie auf Kurs und in ihrer Gemeinschaft die Werte hochhält, ohne anderen damit den Nerv zu töten.

Es werden bei mir sehr gute 4 Sterne. Und es bleibt sicherlich nicht das letzte Buch, das ich von Lewis gelesen habe.

Sie hat übrigens den Roman geschrieben, auf dem der Film "Die Wiederkehr des Martin Guerre" beruht. Toller Streifen.
 

Querleserin

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30. Dezember 2015
4.085
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50
Wadern
querleserin.blogspot.com
Der allzu silbrige ausufernde idealisierende Naturstil kostet einen Stern, weil, nun ja, eben das, zu silbrig und zu gülden. Und nun bürste ich mein welliges Haar.
:smileeye
Sehr schön auf den Punkt gebracht, das hat mich auch wirklich genervt. Diese ausufernden Farbadjektive und immer noch eins mehr.
Am Anfang fand ich den Roman wirklich langweilig und wie @GAIA bereits ausgeführt hat, ist von der Weltwirtschaftskrise wenig zu spüren. Viele Alltagsszenen, was durchaus auch reizvoll erzählt sein kann, mir hier aber oft zu plätschernd war. In der Mitte des Romans hat die Handlung etwas an Fahrt aufgenommen und auch die Beziehungen der Figuren untereinander sind stärker in den Fokus geraten. Diese fand ich alle authentisch erzählt und auch glaubwürdig. Insgesamt schwanke ich noch zwischen 3 oder 4 Sternen.
 

petraellen

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11. Oktober 2020
488
1.378
44
Der Roman „Draussen die Welt“ erzählt aus einer Zeit, die über 90 Jahre zurückliegt. Ist es nur ein Blick zurück auf die alte Zeit oder sind es andere Gründe, warum es lohnt diesen Roman lesen?

Dieser Roman ist aktuell und hat in der heutigen Zeit immer noch seine Berechtigung. Das Phänomen ein ruhiges Leben führen zu wollen ist immer präsent und doch bricht plötzlich die Welt ein.
Mary erkennt am Ende des Romans „eine Gesellschaft ohne gemeinsame Werte, eine ethische Wildnis, erwachsen aus der Wildnis der Natur.“ (S. 362)
Eingebunden in dem Wechsel der Jahreszeiten werden Ängste durch Missachtung von Gesetz und Ordnung, „schwach verankerte Werte“ offen gelegt.
„ und jetzt hatte Mrs. Perrault das Gefühl, dass die ersten Ausläufer sie erreicht hatten, während die Wolken immer noch am Himmel hingen, in der Ruhe vor dem Sturm. (S. 363)

Ein zeitloser Roman.
 

Barbara62

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19. März 2020
4.164
15.997
49
Baden-Württemberg
mit-büchern-um-die-welt.de
Ich finde es toll, dass dieser Roman dem Vergessen entrissen wurde! Er ist es auch heute wert, gelesen zu werden - in einer Zeit, in der Rücksichtslosigkeit, Polemik und mangelnde Empathie und Moral um sich greifen. Der Roman hat klar etwas Zeitloses, das ihn als Klassiker ausweist. Hervorheben möchte ich auch die gelungene Übersetzung von Sylvia Spatz.
Volle Zustimmung, auch wenn ich nicht so bedingungslos begeistert bin. Auch ich habe den Roman gern gelesen, in Teilen sogar sehr gern, und gute 4 Sterne sind ihm gewiss. Dass es die Frauen sind, die hier die dörfliche Welt am Laufen halten, hat mir sehr gut gefallen.

Hätte ich den Rückentext vorher gelesen, was ich grundsätzlich vermeide, hätte ich mir unter den Auswirkungen des Bankencrashs sicher etwas völlig anderes vorgestellt. Umso interessanter finde ich die Umsetzung im Roman. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Landbevölkerung werden kaum explizit benannt, da so gut wie überhaupt nicht gejammert wird. Vielmehr sind es die zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich verändern. Die Frauen, die vorher stark gesellschaftlich engagiert waren, haben auf einmal viel weniger Zeit, was mindestens genauso starke Auswirkungen auf die Gesellschaft hat wie die finanziellen Probleme. Es fehlt die Zeit für den Blick auf die Mitmenschen. Und Mary ist selbstkritisch genug, um sich darüber zu grämen.

Für mich war es der erste Roman von Janet Lewis und sicher nicht der letzte. Klasse, wenn Verlage immer wieder moderne Klassiker ausgraben, Autorinnen und Autoren wie Kent Haruf, John Williams, Margaret Lawrence und viele andere.

Gerade bei (modernen) Klassikern wie diesem schätze ich ein gehaltvolles Nachwort, gern auch von der Übersetzerin oder dem Übersetzer, mit Informationen zur Autorin, mit einer zeitlichen Einordnung, mit der Rezeptionsgeschichte usw. Schade, dass es hier keines gibt. Zum Glück war die LR sehr ergiebig - wir wissen uns eben zu helfen!
 

Anjuta

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8. Januar 2016
1.658
4.894
49
62
Essen
Draußen die Welt - wie überaus verheißungsvoll klingt der Titel!
Wir aber bleiben in diesem Buch drinnen und schotten uns hauptsächlich ab gegen einfach alles, was von draußen droht oder - positiv ausgedrückt - lockt. Wir bleiben in diesem Buch tief drin im täglichen Allerlei des Alltags und reiben uns seiten- und kapitellang auf an Liebesdingen im Familienkreis - Walter, Rose, Sylvie - oder an Spekulationen über die neuen Nachbarn - die Reindls.
Das alles ließ für mich nicht wirklich Interesse aufkommen und so habe ich mich durch die Seiten geschlichen. Selbst meinem Mann ist es aufgefallen, der mich fragte. "Bist du immer noch nicht durch mit diesem Buch?" Ja, es war wirklich zäh. Das Versprechen des Klappentextes, das Einbrechen der Wolken des Geschehens in der Welt in dieses unspektakuläre Leben der Hauptfiguren zu erleben, blieb für mich komplett unerfüllt.
Mir bleibt dafür leider nur eine Bewertung von 2 Sternen.
 

Sassenach123

Bekanntes Mitglied
27. Dezember 2015
4.419
10.820
49
49
Ich Reihe mich dann mal bei denen ein, denen der Roman gefallen hat. Es hat Spaß gemacht mitzuerleben was in dieser Familie geschieht. Die Wirtschaftskrise wurde wurde zwar nicht so intensiv beschrieben wie angenommen, dennoch Floß die Problematik ein. Der Erzählstil, der mir gut gefallen hat, rundet alles ab.
Ich denke, es werden 4 Sterne werden. Spätestens am Wochenende werde ich die Rezension schreiben, so wie die anderen, die noch fehlen. Momentan komme ich einfach nicht dazu, aber ich bin ja noch gut in der Zeit
 
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Reaktionen: Literaturhexle