FAZIT zu "Die Nachbarn"

Literaturhexle

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2. April 2017
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Der Roman lässt sich gut und flüssig lesen. Er beschreibt eine distanzlose Nachbarschaft zu einem schwulen Paar. Die erste Hälfte wird von Streitereien zwischen Nicolien und Maarten dominiert. In der zweiten Hälfte sah ich eine Entwicklung (Wie weit darf Wokeness gehen?), die nicht da ist. Stattdessen entwickelt sich der Nachbarschaftskonflikt unter der Oberfläche weiter, bis er offen zum Ausbruch kommt.

In Summe bin ich enttäuscht. Ich glaube mittlerweile auch, dass man hier Versatzstücke eines Nachlasses aus Aufzeichnungen und Tagebüchern ohne großes Lektorat zusammengefasst hat. Offenbar sind gemäß Vorwort auch die ehelichen Streitereien authentisch. Mir wäre die Veröffentlichung als Witwe sehr peinlich. Aber war tut man nicht alles für das liebe Geld?

Das Hardcover wurde vom Wagenbach Verlag wieder gewohnt liebevoll gestaltet. Das Cover hat Bezug zum Vogel von Peer/Petrus, auch wenn es kein mosambikanischer Kanarienvogel ist und zum Heimwerken. Es ist sehr gelungen, kann mich aber über die inhaltlichen Schwächen und Redundanzen des Textes nicht hinwegtrösten. Kürzungen hätten dem Roman mehr Kraft gegeben. Kann man lesen, muss man nicht. Es wird wohl eine Dreierwertung von mir geben.
 

Emswashed

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9. Mai 2020
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Ich hätte das Buch so gern gemocht. Verschrobene Nachbarn, aus dem Ruder laufende Aktionen... aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass das alles tagebuchmäßig aufgezählt und mit offenem Ende an den Leser gebracht wurde.
Mit ein bißchen Fiktion wäre eine gute Geschichte daraus geworden. Das hier hat aber eher den Geschmack von Resteverwertung. Dagegen habe ich im Prinzip nichts, doch ist Voskuil eher ein Unbekannter für mich und die Einblicke in das Leben realer Personen waren mir zu intim. Das fällt umso mehr auf, weil die zusammenhaltende Geschichte drumherum fehlt, stattdessen ein ewiges Kreisen um substanzlose Argumente in den Streitereien.
 

dracoma

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16. September 2022
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Die neuen Nachbarn entpuppen sich als homosexuelles Paar, und Nicolien, die Frau des Erzählers, steht Kopf vor überschwänglicher Freude. Sie fühlt sich wie eine edle Ritterin zum Schutz und zur Verteidigung dieses Paares berufen, und es irritiert sie in keiner Weise, dass sich das Paar als egozentriert, besserwisserisch, rechthaberisch und äußerst übergriffig erweist.
Mir hat es gefallen zu lesen, wie sich die hohen Erwartungen an eine freundschaftliche Nachbarschaft nicht erfüllen. Im Gegenteil: die Beziehung besteht aus Machtkämpfen und aus ständigen Unterordnungen. Verständlich, dass es zu Streit beim Ehepaar kommt, aber muss der so ordinär ausgetragen werden?

Störend fand ich die nicht enden wollenden Wiederholungen bzw. Variationen. Die vielen immer ähnlich aufgebauten Streitszenen u. a. wirkten auf mich, als seien es Schreibübungen, aus denen dann später eine Auswahl getroffen werden sollte.
Dem Roman hätte eine energische Kürzung gut getan und ihm mehr Biss gegeben.

Nur am Rande: der Vorwort verweist auf autobiografische Anteile. Nie im Leben hätte ich als Witwe zugestimmt, als einfältige, rechthaberische, sture und rabulistische Heulsuse in die Literatur einzugehen...
 
Zuletzt bearbeitet:

dracoma

Bekanntes Mitglied
16. September 2022
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Die Aufforderung zu einem "spontanen Fazit" führt bei mir zu Unvollständigkeit, daher ein kleiner Nachtrag:

Voskuil seziert genüsslich die Streitszenen des Paares, er kann Dialoge scharf und pointiert wiedergeben, und das bewerte ich als Plus dieses Buches.

Gleichzeitig schafft er damit zwischen dem Leser und seinen Figuren Distanz, und zwar in der Form, dass der Leser keine Gemeinsamkeiten findet und sich mit keiner Figur identifizieren kann. Auch nicht mit dem Erzähler, der damit klarkommen muss, dass seine Frau für seinen Beruf und auch für ihn selber keinerlei Wertschätzung zeigt.
 

Julea56

Aktives Mitglied
7. Juli 2023
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Nachbarschaft kann schwierig werden und das bewahrheitet sich hier auf erstaunlich perfide Weise. Die neuen Nachbarn des älteren Ehepaares Maarten und Nicolien erscheinen von Anfang an schrullig, sind aber zunächst zumindest einigermaßen unterhaltsam und gesellig und kümmern sich im Urlaub um die Haustiere. Der ältere Petrus und sein jüngerer Ehemann Peer beeinflussen aber zunehmend das sowieso etwas komplizierte Eheleben der beiden.
Nicolien kann nicht anders als auf äußerst irrationale Weise und unreflektiert Partei für das immer seltsamer werdende Verhalten von Peer und Petrus zu ergreifen. Wenn sie ihren Willen nicht bekommt, weint sie, erhebt haltlose Vorwürfe und wird am Ende sogar handgreiflich. Maarten weiß dem wenig entgegenzusetzen und versucht sich in Zurückhaltung und Geduld. Er liebt seine Frau offenbar.

Viele Andeutungen - der Namenswechsel Peers, seine schwierige Jugend, sein vermeintlicher Sozialbetrug sowie auch die seltsamen, auch manchmal pathologischen Verhaltensweisen Nicoliens - bleiben vage. Das ganze hat Tagebuch-Charakter. Man muss nichts erklären, weil man sozusagen nur für sich selbst schreibt, nicht für einen Leser.

Das Buch entwickelt, trotz der oft beklemmenden Atmosphäre, die die ewigen, sich im Kreise drehenden Streitgespräche bei mir hervorrufen, am Ende dennoch einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Bestimmt nicht das beste Buch aller Zeiten, aber dennoch ein interessante Einblick in toxische Beziehungen zwischen Eheleuten und zwischen Nachbarn.
 

buchregal

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8. April 2021
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Ein Fazit zu diesem Roman fällt mir wirklich schwer. Einerseits hat mir der Schreibstil zugesagt, andererseits gingen mir die Personen mit ihren Streitereien und Übergriffigkeiten auf die Nerven. Nicolien ist wirklich gestört. Sie greift Aussagen aus dem Zusammenhang heraus, verdreht sie und behauptet Dinge, die so nicht gesagt wurden und das immer und immer wieder. Ihren unreflektierten Einsatz für Underdogs finde ich schrecklich. Maarten hält sich da zurück und gebietet dem Ganzen keinen Einhalt, na gut, seine Frau würde auch nur noch schlimmer über ihn herfallen.

Petrus grantelt, lässt wie Nicolien keine andere Meinung gelten. Peer ist ein sehr übergriffiger Mensch, der zunehmend seinen Launen freien Lauf lässt.

Ich habe nicht verstanden, warum der Kontakt so eng wurde, wo doch Maartens Bauchgefühl in gleich warnte. Nie wurde ein Stopp kommuniziert. So bleibt es am Ende nicht nur bei Streitereien, sondern auch zur gefährlichen Sabotage.
 

Naibenak

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2. August 2021
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Ich habe mich hier noch gar nicht verewigt - hoppla ;) Aber ich habe soeben die Rezi verfasst. Guckt ihr hier:

Wie ihr ja sicher gemerkt habt, war ich die meiste Zeit sehr angenervt von diesem Buch. Meine Bewertung ist entsprechend nicht so prall ausgefallen. Trotzdem hat mir die LR mit euch dazu Spaß gemacht - sie war das Beste am Ganzen :D Danke euch! :)
 

Sassenach123

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27. Dezember 2015
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An sich habe ich das Buch sehr gerne gelesen, nur das Ende empfinde ich sehr unausgegoren. Ich hatte die gesamte Zeit die Erwartung, dass noch etwas erklärendes, abschließendes kommt. Die ewige und immer gleiche Streiterei hätte ich dabei sogar hingenommen, obwohl man das Buch um gut und gerne 100 Seiten hätte kürzen können. Hier hätte vielleicht ein klärendes Nachwort geholfen….
Tja, nun stellt sich für mich die große Frage wie ich meine Eindrücke bewerten soll?!
 

parden

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13. April 2014
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Niederrhein
www.litterae-artesque.blogspot.de
Tja. Und nun? Ein Fazit: kein Lesevergnügen...

Toxische Beziehungen sind einfach nur anstrengend, auch allein schon, darüber zu lesen. Den Eindruck von Tagebucheintragungen teile ich, wie auch das Bedürfnis nach Kürzungen. Vielleicht hätte das Ganze als Kurzgeschichte besser funktioniert. So war es, als würde man all die Quälereien selbst erfahren, kaum auszuhalten. Es wurde vergeblich versucht, den Oberflächlichkeiten in der Beziehung zwischen MN und PP Tiefe zu verleihen, dabei heraus kam ein Desaster. Langatmiges Psychodrama.

Solche Nachbarn möchte ich nicht, solch einen Ehepartner möchte ich nicht, das Buch leider auch nicht. 2 oder 3 Sterne, mal sehen.
 

Lesehorizont

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29. März 2022
2.652
10.090
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53
Mainz
Hier noch ein nachträfliches Fazit:
Ich habe ja immer wieder festgehalten, dass ich das Buch durchaus sehr gerne las. Für mich geht es um das Psychgramm einer labilen Ehebeziehung einerseits, wo aber andererseits noch ein Nachbarschaftskonflikt dazu kommt. Die Kommunikationsdynamiken und Fallstricke nachbarschaftlicher Dynamik fand ich wunderbar plastisch herausgearbeitet. Gerade die Widerholungen erheiterten mich wiederholt.
Das heißt aber nicht, dass ich keine Kritik hätte: Was mir fehlt ist die Klärung der Hintergründe, warum N. so ist, wie sie ist. Was ist mit ihrer Psyche los? Ebenso Peer. Es wurde auch nicht geklärt, wie es z.B. zur Namensänderung kam. Schade. So bleiben am Ende Fragezeichen.
In dem Fall mag es vielleicht eine ethische Frage sein, ob man so ein auf wahren Gegebenheiten beruhendes Buch veröffentlichen sollte oder nicht. Als Roman betrachtet hingegen habe ich mit der grunsätzlichen Thematik keine Probleme.
Von mir wird es vier Sterne geben. Rezi kommt gleich.