Fazit zu "Der Schattenkönig"

ThomasWien

Aktives Mitglied
19. März 2021
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Wien
Für mich war dieser Roman gut aber leider nicht durchgehend. Wie schon erwähnt hatte ich beim ersten Teil Schwierigkeiten mit dem Schreibstil. Das gekünstelt gewirkte epische war mir einfach zu viel. Letztendlich war ja das Ende des Romans mehr oder weniger auch schon seit den ersten Seiten bekannt, also es kam nicht wirklich etwas überraschendes bis zum Ende. Wirklich gut gefallen haben mir die Schilderungen der Fotos auch wenn sie teilweise derartig grausam waren, dass ich abbrechen musste. Auch bin ich leider nicht aus allen Figuren schlau geworden, oder vielleicht habe ich es auch nicht wirklich verstanden. Ettore z.B. er ist Italiener, schafft es aber in dem Land, in das er mit seiner Armee eingefallen ist über 30 Jahre zu überleben, obwohl der Hass auf die Italiener auch nach Jahrzehnten noch nicht verfolgen ist.
Dann Aster, alle bejubeln Aster, die große Aster - da habe ich scheinbar auch etwas nicht verstanden. Warum wird sie so bejubelt? Weil sie die Gefangenschaft überlebt hat, oder weil sie die Frau Kidanes war? Oder wurde sie einfach als Heldin auserwählt, weil jedes Land solche Helden benötigt.
Ich gehe mal davon aus, dass ich vieles einfach nicht richtig verstanden habe. Wie ist euch damit ergangen?
 

Adel105

Mitglied
1. August 2021
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Ich habe mich am Anfang mit dem Schreibstil der Autorin schwer getan, bin dann aber mit der Zeit besser reingekommen und fand dann auch ihre Sprache sehr eindrücklich - ihre Schilderungen der Kriegsszenen fand ich oft zu grausam. Ich weiß, dass es im Krieg grausam zugeht, aber ich brauche es nicht so detailgetreu.
Auch fand ich die vielen Personen (wohl auch aufgrund der Namen) zu Beginn sehr verwirrend. Ich musste oft zurückblättern - wer ist nochmal wer? Es hat lange gedauert, bis ich durchgeblickt habe und dann auch die verschiedenen Erzählstränge zusammengekommen sind. Die Einschübe mit den Fotos fand ich sehr schön - obwohl man die Fotos nicht gesehen hat, konnte man sich aufgrund der detailgetreuen und wortreichen Beschreibungen die Fotos sehr genau vorstellen!
Im Großen und Ganzen hat mir das Buch gut gefallen, vor allem auch weil ich über Äthiopien nicht viel wusste. Die Hierarchien in der Gesellschaft sind sehr ausgeprägt gewesen: Arm-Reich, Mann-Frau aber auch die Frauen untereinander haben sich bekriegt. Die Frauen haben ihren Anteil am Kampf gegen die Italiener gehabt, aber danach scheint sich im Land in Bezug auf die Stellung der Frau nicht viel geändert zu haben.
Auch bin ich leider nicht aus allen Figuren schlau geworden, oder vielleicht habe ich es auch nicht wirklich verstanden. Ettore z.B. er ist Italiener, schafft es aber in dem Land, in das er mit seiner Armee eingefallen ist über 30 Jahre zu überleben, obwohl der Hass auf die Italiener auch nach Jahrzehnten noch nicht verfolgen ist.
Dann Aster, alle bejubeln Aster, die große Aster - da habe ich scheinbar auch etwas nicht verstanden. Warum wird sie so bejubelt? Weil sie die Gefangenschaft überlebt hat, oder weil sie die Frau Kidanes war? Oder wurde sie einfach als Heldin auserwählt, weil jedes Land solche Helden benötigt.
Ich gehe mal davon aus, dass ich vieles einfach nicht richtig verstanden habe. Wie ist euch damit ergangen?
Mir geht es teilweise auch so. Ettore ist der Feind im Land, aber gleichzeitig ist er Jude und verliert seine Familie. Er konnte wahrscheinlich nicht nach Italien zurück während des zweiten Weltkrieges - aber wohin sollte er, nachdem seine Eltern nicht mehr gelebt haben? Es ist für mich aber auch nicht ganz nachvollziehbar, warum er in einem Land lebt, wo er nicht erwünscht ist. Ich vermute mal, dass es ihm um seine Kiste mit den Briefen ging - sie möchte er auf jeden Fall wieder zurück bekommen.
Aster ist für mich eine ganz schwierige Person. Sie verhält sich Hirut gegenüber unmöglich. Und nur weil sie die Frauen zur Teilnahme am Krieg motiviert, wird sie zur Heldin? Für mich ist Hirut die eigentliche Heldin!
Für mich stellt sich noch die Frage, warum als Titel "Der Schattenkönig" gewählt wurde. Natürlich konnten mit Hilfe des Schattenkönigs die Menschen nochmals zum Widerstand gegen die Besatzer motiviert werden und somit aus dem Land getrieben werden. Aber eigentlich ist das nicht sein Verdienst. Die Autorin schreibt ja in ihren Anmerkungen, dass das Buch "die Geschichte dieser äthiopischen Frauen, die an der Seite von Männern kämpften" (S. 572) erzählt - mein Vorschlag: "Die Liebwächterin des Schattenkönigs"
 

RuLeka

Bekanntes Mitglied
30. Januar 2018
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Dass ich nicht angetan war von dem Buch hat man wahrscheinlich schon herausgehört.
Die Zeiten für Heldenepen sind vorbei. Wir können heute nichts Heroisches an einem Krieg finden, auch wenn es um eine gerechte Sache geht. Deshalb ist dieser Stil völlig unmöglich.
Die Figuren wirken auf mich auch nicht glaubwürdig.
Die Vorlage für einen Blogbuster Made in Hollywood.
Später detaillierter.
 

Yolande

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13. Februar 2020
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Ich konnte mit dem Buch leider auch nicht viel anfangen und habe mich mehr oder weniger durchgequält. Die Gewaltdarstellungen, ob Kriegshandlungen oder Vergewaltigungen, fand ich abstoßend und haben mich mehr als einmal an meine Belastungsgrenzen gebracht. Wäre es keine Leserunde gewesen, hätte ich das Buch abgebrochen, etwas was bei mir äußerst selten vorkommt.
Auch mit dem Schreibstil hatte ich Probleme, es mag zwar literarisch wertvoll gewesen sein, aber passte nicht zu dem Geschriebenen. Dass der Leser so gut wie keine Hintergrundinformationen über die politische und gesellschaftliche Situation bekommt, wurde innerhalb der Runde schon öfter erwähnt. Ich lese während einer Lektüre nie parallele Wikipedia-Einträge, weil ich mich nicht spoilern möchte, aber hier war es eigentlich unumgänglich, weil man sonst so gut nichts erfahren hätte.
Ich werde mich nachher an einer Rezension versuchen, schwanke zwischen 1 und zwei Sternen :confused:
 

RuLeka

Bekanntes Mitglied
30. Januar 2018
2.607
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Wäre es keine Leserunde gewesen, hätte ich das Buch abgebrochen, etwas was bei mir äußerst selten vorkommt.
War bei mir genauso. Und bei der Beurteilung liege ich auch bei zwei Sternen.
Ich sehe hier auch nicht den feministischen Ansatz. Dafür würde ich mehr Solidarität und Gemeinsamkeiten zwischen den Frauen erwarten.
Hier waren die Rollen genau festgelegt. Die Herrin blieb die Herrin, die Dienerin blieb in der zweiten Reihe. Dazu ein paar Klischeefiguren wie die patente Köchin und die gebildete Hure. Über allen steht der Mann und über den Männern der König. Ein „ Schattenkönig“ in jeglicher Hinsicht
 

Wandablue

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18. September 2019
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Brandenburg
Nun ... ich könnte mir vorstellen, dass diese Kluft, die zwischen Poesie und Gewalt/Krieg klafft, von der Autorin als Verfremdung oder Verstärkung gedacht ist.

Allerdings ist es für unsere vom logischen Denken her geprägten Hirne nicht leicht, uns in einen solchen Text einzufinden, der nun auch wieder was von griechischen Tragödien an sich hat. Allerdings hat mir Antigone mehr eingeleuchtet ;-).

Ich hab auch so meine Probleme mit dem Text, der einfach nicht tief genug in den historischen Kontext eingebettet ist. Es gibt historische Fitzelchen, aber eigentlich ist der Text wie ein Wimmelbild. Wild, zu viel, zu wenig, zu unkonkret.
Wären die Figuren nun nicht erfundene, wie es im Nachwort heißt, hätte ich das Ganze besser verstanden.

Aufgrund des Sprachvermögens der Autorin werde ich aber sicherlich nicht unter drei Sterne gehen.
 

RuLeka

Bekanntes Mitglied
30. Januar 2018
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Ich bin froh mit meiner Rezension das Thema „ Schattenkönig“ beiseite legen zu können. ( Mein Mann auch…)
Finde den Link zu meiner Rezension leider nicht.
 
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ulrikerabe

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14. August 2017
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Wien
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Ich fand das Buch extrem fordernd. Die vielen Grausamkeiten und das Pathos waren für mich zu viel. Wenn ich versuche Pluspunkte für das Buch zu sammeln, komme ich auf die spezielle Form der Erzählung, die Anlehnung an die griechische Tragödie mit dem Chor, die eingestreuten Beschreibungen der Fotos, dass direkte "Geschichten erzählen".
Und dass die Autorin einen wenig bedachten Krieg sichtbar macht, mit Ettores Geschichte auch die Zeit für uns Europäer "markiert", sonst würde das Geschehen fast aus der Zeit gefallen wirken. Die Rezension muss in mir noch wachsen.
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Wild, zu viel, zu wenig, zu unkonkret.
Das könnte der Titel für meine Rezension sein.

Im Gegensatz zu euch fand ich den Einstieg in den Roman richtig toll! Die poetische Sprache, Hiruts Familiengeschichte, die hochnäsige, eifersüchtige Aster, die Sprünge zum Kaiser, der Chor,...

Zunehmend hat mich das Buch verloren. Die Brutalität in den ausufernden Beschreibungen konnte ich irgendwann nicht mehr für voll nehmen. Wie ein Zeichentrickfilm flog die Handlung an mir vorbei. Das Heroische, das Pathos des "gerechten" Krieges gegen die Besatzer wirkte übertrieben. Diese tollen Frauen mit der "falschen" Aster als Anführerin, die gepeinigte Hirut, die über sich hinauswächst, der blasse Fotograf, der lebenslang hinter ein paar Briefen herläuft - alles too much!
Ich habe mich ziemlich durch den Roman gequält. Ich habe den feministischen Ansatz begriffen, er hat mich aber ebenso wenig erreicht wie der Rest.
Der Schreibstil ist besonders. Manches Sprachbild hat mir gut gefallen. Ich räume ein, dass Äthiopien nicht mein Thema ist, freue mich aber, dass ich durch den Roman etwas über dessen problematische Vergangenheit erfahren habe.

Ich halte den Roman für literarisch wertvoll, auch wenn er mich nicht erreicht hat. Deshalb kann ich nicht unter drei Sterne gehen. Die Rezi wird allerdings eine Herkulesaufgabe!
 
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renee

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9. Februar 2019
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Dann bin ich wohl die Einzige hier, der das Buch gefallen hat. Denn das hat es.

Einerseits wird von vielen hier die Grausamkeit bemängelt. Das kann ich verstehen. Denn schön ist das nicht. Doch eine Autorin mit einem Bezug zu Äthiopien, wie soll so ein Mensch ein Geschehen schildern, welches an Grausamkeit schwer zu überbieten ist? Weichgespült? Wohl kaum!

Wie soll man Menschen und ihr Handeln beschreiben, deren Handeln und deren Leben von unserer Wohlfühlgesellschaft so weit entfernt ist? Eine Zeit, die der unseren recht entfernt ist. Mag man das beurteilen? Darf man das beurteilen?

Wie ist das für Frauen in einem Land, in einem patriarchalen Land? Frauen, die an einem Krieg teilgenommen haben, ihrem Land, ihrem Kaiser helfen wollten, gegen fremde Aggressoren, gegen Mord und Verlust waren. Und auch für Veränderungen waren, für Veränderungen und für eine Gleichberechtigung der Geschlechter.

Andererseits wird eine Unvollständigkeit bemängelt. Doch welche Unvollständigkeit genau? Man kann diese Geschichte lesen ohne Geschichtskenntnisse des Landes haben zu müssen. Verstehen wird man das Buch allemal. Weitere Nachforschungen ergeben höchstens ein Abrunden des Ganzen. Zumindest in meinen Augen. Eine Vollständigkeit der geschichtlichen Ereignisse sprengt hier den Rahmen des Romans, ist in meinen Augen auch nicht sinnstiftend.

Der Aggressor überfällt die Kolonie, böse gegen gut, mitnichten. Der italienische Jude ist ein Opfer und gleichzeitig ein Täter. Was mag man hier bewerten? Die Taten? Die Angst? Das Überleben wollen? Der adlige Äthiopier, ein kämpferischer Held und gleichzeitig ein Aggressor im eigenen Hause. Mag man das bewerten. Sicher. Aber dieses Handeln ist etwas, was in jeder Zeit zu finden war, zu finden ist und zu finden sein wird. Ist das gut? Mitnichten!

Der Aufbau des Buches hat viel Pathos und Drama, ist im Stil mal prosaisch schillernd, mal wieder in einem normaleren Erzählfluss, ist von daher vollkommen einzigartig. Lässt afrikanische Geschichte in einem ungewöhnlichen europäischen Gewand erscheinen.

Die Autorin lässt den Hauptcharakter Hirut in ihrem Buch wachsen und gedeihen, ein Mauerblümchen zur Kriegerin werden. Und gleichzeitig erzählt sie eine Geschichte des europäischen Kolonialismus in einer anderen Gewandung. Herausragend und künstlerisch wertvoll in meinen Augen!

 
Zuletzt bearbeitet:

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
11.411
22.619
49
Herausragend und künstlerisch wertvoll in meinen Augen!
Da bin ich bei dir.
Allerdings hätte ich zum Beispiel keine wiederholten Vergewaltigungsszenen gebraucht. Der Heroismus, der Pathos. Alles zuviel.
Aber ich freue mich an deiner Begeisterung und danke für deine fundierten Beiträge in der Runde!