FAZIT zu "Das Verschwinden der Erde"

Anjuta

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8. Januar 2016
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Ich habe den Roman sehr gerne gelesen. Monat für Monat erzählt er uns über gut ein Jahr hinweg Geschichten von Frauen aus Kamtschatka, dieser so unendlich abgelegenen Region der Erde. Auf der einen Seite die unendlichen Weiten Sibiriens, die die Region weit entfernt und abgeschlossen halten von dem Zentrum, das trotz der Entfernung alles für sie bestimmt: Moskau. Und auf der anderen Seite: nichts als die Weiten des Ozeans. Wir lesen, dass auch hier Menschen mit Träumen und Sehnsüchten leben, die allerdings nur sehr schwer zu verwirklichen sind. Wenn schon der Besuch bei der Familie in der nächst gelegenen Stadt einer Abenteuerfahrt gleicht bzw. eine oft durch die Unbilden des Wetters in dieser nördlichen Region unmöglich gemachten Flugreise bedarf, da sind Lebensträume abweichend vom Normalverhalten nur schwer zu entwerfen, geschweige denn in die Tat umzusetzen. Und so sind die geschilderten Frauenschicksale auch allesamt ziemlich negativ und traurig. Melancholie und gar ein Schuss Verzweiflung schwingt die ganze Zeit mit in diesen Geschichten. Die "Schäbigkeit" (sorry) der menschlichen Umgebung bei aller Gewaltigkeit der Landschaft drumherum bildet dabei einen stimmigen Hintergrund. Zusammengehalten werden die Monatsepisoden von dem Ereignis des Verschwindens zweier Mädchen, das immer wieder am Rande eine Rolle spielt. Der Zusammenhalt wird so tatsächlich gewahrt und macht für mich tatsächlich die Episoden durchaus zu einem durchgestalteten Roman, von dem ich mich sehr gern in eine graue Umgebung entführen ließ.
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Wenn schon der Besuch bei der Familie in der nächst gelegenen Stadt einer Abenteuerfahrt gleicht bzw. eine oft durch die Unbilden des Wetters in dieser nördlichen Region unmöglich gemachten Flugreise bedarf, da sind Lebensträume abweichend vom Normalverhalten nur schwer zu entwerfen,
Schön, dass du darauf noch einmal hinweist. Xirxe hat die Realitätstreue des Settings auch schon bestätigt.
Man kann sich das in unserer Gesellschaft, wo so viel Wert auf Individualität und Selbstverwirklichung gelegt wird, nur schwer vorstellen, dass diese Frauen "den Hintern nicht hochkriegen". Es ist eine andere Welt, die uns JP da gezeigt hat. Ich möchte auch bezweifeln, dass der Roman von einer sowjetischen Autorin in dieser Form hätte erscheinen dürfen.

Mich hat das Ende wirklich nochmal mitgerissen. Eine komplette Auflösung hätte nicht zum Gesamtkonzept gepasst. Dass man in dieser Einöde Frauen gefahrlos einsperren kann, scheint plausibel.
Allerdings irritiert mich, dass das letzte Kapitel im Juli angesiedelt ist. Das heißt doch, dass der Inspektor im Juni (21./22.) nicht gehandelt hat oder die Kinder an einem anderen Ort eingesperrt sind. Das Klopfen deutet allerdings auf eine nahende Befreiung hin. So will ich es verstehen;)
 

Die Häsin

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11. Dezember 2019
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Rhönrand bei Fulda
Die Zeitdifferenz hat mich ebenfalls irritiert. Fand das Fest Ende des Monats statt. Ich will doch nicht fürchten, dass die Polizei Wochen gebraucht hat, um zu handeln.
Wenn ich mich richtig erinnere, ist Anlass des Festes die Sommersonnenwende. Diese ist bei uns am 21. Juni. Kann es sein - sorry, wenn ich nichtsahnend rüberkomme -, dass sie dort etwas später stattfindet? Das würde die Zeitangaben erklären. Die Szene mit dem Feuer (Ende des Juni-Kapitels) spielt doch wohl nachts. Ich kann mich jetzt aber nicht erinnern, ob irgendwo eine konkrete Datumsangabe steht.
 
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Literaturhexle

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2. April 2017
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Kann es sein - sorry, wenn ich nichtsahnend rüberkomme -, dass sie dort etwas später stattfindet?
Charmante Idee!
Leider habe ich im www nichts dergleichen gefunden. Unser Sohn meint auch, der Termin müsste für die ganze Nordhalbkugel gleich sein. Vielleicht will die Autorin, dass wir spekulieren...
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Auf Seite 363 wird Alla Innokentjewna zitiert: "Wir feiern den Nurgenek am letzten Junitag."
Demnach haben die Ewenen vielleicht traditionell ein anderes Datum für die Sonnenwende; jedenfalls dürfte damit klar sein, dass die Polizei einigermaßen zeitnah eintrifft und nicht Tage später.
Prima! Dann hätten wir das Problem gelöst;)
 
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Wandablue

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18. September 2019
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Ich hätte liebend gerne noch einen weiteren Stern abgezogen. *ggg*. Die Komposition des 13. Kapitels als der dreizehnten Fee hat das Ganze noch einmal gehoben.

Hier meine Rezension.

Natürlich wurde ich bereichert durch das vermittelte Wissen von der sibirischen Halbinsel. Es muss schön sein dort.
 

Xirxe

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19. Februar 2017
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Ich bin sehr angetan von dem Buch, auch weil ich es als unglaublich realistisch empfand was die Darstellung der Lebensverhältnisse betrifft. Aus unserer privilegierten Sicht lässt es sich leicht sagen "Arsch huh, Zäng ussenander" oder so ähnlich ;), aber wenn es schlicht keine Möglichkeiten gibt, einen halbwegs guten Job zu bekommen mit anständigem Gehalt; irgendwo neu anzufangen, wo die nächste Stadt Tagesreisen entfernt ist; nicht die Bildung zu bekommen, die man gern möchte. Dann wurstelt man sich weiter so durch zum Preis der Resignation.
Bei solchen Büchern denke ich immer wieder: Hoffentlich lesen sie ganz ganz viele Menschen und erkennen, wie gut es uns trotz aller Probleme (ob groß oder klein) geht. Denn immerhin: Wir können noch hoffen :)
So, Predigt beendet ;) Fazit: Ein wirklich schönes Buch mit ein oder zwei recht schwachen Kapiteln. Aber das Lesen hat sich voll und ganz gelohnt.
Aber der Titel wird mir sicherlich noch eine Weile zu Denken geben, ich habe noch immer keine richtige Idee, was es bedeuten soll. Es gibt den Begriff 'disappearing world' für untergehende Welt - ob man es damit gleichsetzen kann? Earth kann durchaus auch für Welt stehen.
 

Wandablue

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18. September 2019
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@Xirxe: Das ist ein nicht gut übersetzter Titel, absolut. Im deutschen kommt "Eine veschwindende Welt" nicht rüber, wenn man Welt mit Erde gleichsetzt. Das sagt man einfach nicht so.
 

Renie

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19. Mai 2014
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renies-lesetagebuch.blogspot.de
Das große Highlight dieses Romans war für mich der Schauplatz, der dieses Buch für mich zu etwas Besonderem gemacht hat. Besonders gefallen hat mir daran, dass JP nicht einfach Kamtschatka als Kulisse nutzt, sondern die Lebensumstände, die aus diesem besonderen Ort resultieren, in den Vordergrund stellt.
Ein wenig irreführend war für mich die Bezeichnung "literarischer Thriller", welche falsche Erwartungen weckt. Trotz des Anfangs und des Endes ist dieser Roman meilenweit von einem Thriller entfernt. Dafür standen einfach zu sehr die Geschichten der Frauen im Vordergrund. Und von denen gab es für meinen Geschmack zu viele, so dass ich vielleicht 2-3 Frauen vor Schluss ein wenig genervt war. Anfangs haben mich die Geschichten der Frauen noch erreicht, doch später nicht mehr.
Das Ende dieses Romans hat mich schließlich für die Durststrecken entschädigt. Daher wird es 4 Sterne geben.
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Mich hat der Blick auf die fremde Welt sehr beeindruckt. Natürlich war auch die Leserunde ein Gewinn, aus der hervorging, dass Kamtschatka wohl doch sehr realistisch abgebildet wird.
Die erste Hälfte des Romans empfand ich fesselnd, dann ein Hänger über zwei bis drei Monate und ein furioses Finale. Schreiben kann die Frau!
Ich komme auf 4 verdiente Sterne:

https://whatchareadin.de/community/...nden-der-erde-roman-von-julia-phillips.24841/