FAZIT zu "Alphabet"

Wandablue

Bekanntes Mitglied
18. September 2019
4.319
8.181
49
Brandenburg
Ich habe diesen Roman schnell und unheimlich gern gelesen. Er ist so gut geschrieben und man kann sich in die/den Protagonisten hineinfallen lassen. Ohne jedoch im Kitschteich zu landen. Das hätte bei dem Thema Gefangenenresozialisierung leicht passieren können. Man fühlt mit Simon, aber man kann die gebotene Distanz halten.

Gelegentliche Übertreibungen, um den Roman gestalterisch "aufzuhübschen" habe ich hingenommen. Von mir gibt es die volle Punktzahl und ich freue mich auf weitere Romane dieses Verlags.
 

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
11.049
21.605
49
Erneut hat mich Kathy Page begeistert. Ich bewundere Autoren, die WIRKLICH viele Themen aufgreifen und beschreiben können und nicht immer nur um ihr eigenes (kleines) Ego kreisen.

Alphabet bringt uns direkt nach der Lektüre von "Shuggie Bain" erneut heraus aus unserer Wohlstandsblase. Wir werden wieder mit einem Jungen aus prekären, vernachlässigten englischen Verhältnissen konfrontiert, dem es gelingt, mit eigener Kraft und Willensstärke eine Veränderung in Gang zu setzen. Leider hat Simon dafür lange gebraucht. Leider hat er nicht schon in der Kindheit einen wohlmeinenden Mentor gefunden, der seine Talente fördert.

Stattdessen hat sich Simon zu einem unkalkulierbaren, cholerischen jungen Mann entwickelt, der ein großes Problem mit Sexualität und Frauen hat. Er explodiert und bringt eine junge Frau um! Seine Entwicklung startet daher erst im Strafvollzug.
Vielleicht werden sein Intellekt und seine Lernbereitschaft ein wenig überzeichnet. Das sehe ich dem Roman aber nach. Es geht um die Kraft, die dahinter steht. Der Prozess erfolgt nicht holterdiepolter und schnurgerade, sondern ist mit Rückschlägen, Höhen und Tiefen gepflastert.

Alle Charaktere werden detailliert geschildert, die verschiedenen Handlungsorte bildreich und atmosphärisch beschrieben. Der Schreibstil überzeugt. Ein großes Plus dafür, dass das Ende nicht auserzählt wird. Eine solch tragische Geschichte mit einem umfänglichen Happyend - das würde einfach nicht passen!

Von mir bekommt der Roman die Höchstwertung!
 

Emswashed

Bekanntes Mitglied
9. Mai 2020
1.006
2.686
49
Ich fühle mich von dem Bedauern, Shuggie Bain mit euch nicht gelesen zu haben, getröstet. Es stimmt mich sogar überaus froh, dass ich Kathy Page für mich entdeckt habe und mit ihr in diese diskussionswürdige Gefängniswelt eintauchen durfte.
Ich bin ziemlich geflasht von ihrer Art des Realismus, ihrer situationsangepassten Sprache und ihrer umfassenden Sicht der Dinge, ohne dabei abzuschweifen.
Es war stellenweise schon herausfordernd, Begriffe richtig einzuordnen, schonungslose Therapiebeschreibungen zun ertragen und Details ins große Ganze einzubauen, aber es hat mir wirklich Spaß gemacht. Kein Genuss-, aber ein Denkbuch.
 

kingofmusic

Bekanntes Mitglied
30. Oktober 2018
4.497
8.853
49
46
Wenn man denkt, dass nach "Shuggie Bain" eigentlich nichts mehr kommen kann, kommt Kathy Page mit "Alphabet" daher :rolleyes: :D.
Ein wahnsinnig intensiver Blick in das Strafvollzugssystem in England während und nach der Thatcher-Zeit. Stückweit auch eine Milieustudie über die Gefangenen und mit welchen Schwierigkeiten ein Straftäter selbst (innerlich) zu kämpfen hat. Großartig in Szene gesetzt. Lässt mich geflasht zurück...
 

Barbara62

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19. März 2020
1.395
4.364
49
Baden-Württemberg
mit-büchern-um-die-welt.de
Es hat wieder Spaß gemacht, mit euch zusammen zu lesen. Der Roman hat mich in eine mir völlig fremde Welt entführt und Fragen aufgeworfen, mit denen ich mich eher selten beschäftigt habe. Es war mein erster von Kathy Page, von der ich gerne zukünftig noch mehr lesen würde. Es ist kein Buch, das man abschließen kann, denn die Frage nach der Therapierbarkeit von Straftätern und der Risikoabwägung muss naturgemäß unbeantwortet bleiben.

Meine Rezension:


Vielen Dank an den Verlag Wagenbach für das Leseexemplar und die überaus nette Karte, die mir als Lesezeichen diente und fortan im Buch bleibt.
 

ulrikerabe

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14. August 2017
2.535
5.741
49
Wien
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Was mich an diesem Buch stark beeindruckt hat, ist tatsächlich die Ambivalenz der Gefühle, die sich im Laufe der der Lektüre für Simon bei mir eingestellt haben. Wobei bei mir bis zum Schluss die Skepsis vorherrschend war. Dazu passt auch das offene Ende. Denn selbst wenn ein Mensch wie Simon jemals aus der Haft entlassen wird, bleibt die Skepsis, ob diese Entscheidung richtig war.
 

Wandablue

Bekanntes Mitglied
18. September 2019
4.319
8.181
49
Brandenburg
Was mich an diesem Buch stark beeindruckt hat, ist tatsächlich die Ambivalenz der Gefühle, die sich im Laufe der der Lektüre für Simon bei mir eingestellt haben. Wobei bei mir bis zum Schluss die Skepsis vorherrschend war. Dazu passt auch das offene Ende. Denn selbst wenn ein Mensch wie Simon jemals aus der Haft entlassen wird, bleibt die Skepsis, ob diese Entscheidung richtig war.
Absolut. So hat auch McKenzie oder wie er geheißen hat, nicht nur persönliche Gründe.
 
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Reaktionen: Barbara62

Sassenach123

Bekanntes Mitglied
27. Dezember 2015
2.723
4.938
49
47
Auch ich werde den Verlag im Auge behalten. Mit Alphabet hatte ich einen sehr gelungenen Einstieg. Das Gefühl beim lesen war sehr intensiv, ich hatte wirklich oft den Eindruck in Simons Kopf schauen zu können. Meine Gefühle durchliefen eine Achterbahnfahrt der Gefühle, da ich mir selbst manchmal nicht sicher war, was ich von Simon halten soll. Sollte man ihn bedauern, oder wütend sein, dass er so eine Tat begangen hat und die angebotene Therapie nur eingeschränkt wahrnimmt. Das System kennenzulernen war ein weiterer und überaus interessanter Aspekt. Die Autorin hat sich sehr intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und dem Leser einen sehr guten Einblick verschafft. Solche Roman vergisst man nicht, sie klingen nach, definitiv
 

claudi-1963

Bekanntes Mitglied
29. November 2015
2.550
1.398
49
58
Auch wenn das Buch sehr ausführlich war und mit sowas gar nicht gerechnet habe, konnte es mich doch begeistern. Schon alleine den Alltag im Gefängnis, die Therapie von Gewalttätern und die Gefühlswelt Simons mitzuerleben hat sich wirklich gelohnt.
Meine Rezension folgt bald.
 

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