1. Diese Seite verwendet Cookies. Wenn du dich weiterhin auf dieser Seite aufhältst, akzeptierst du unseren Einsatz von Cookies. Weitere Informationen
Information ausblenden

Du bist neu hier?

Unter dem folgenden Link findest Du Hilfe für den Einstieg
Das bietet whatchareadin für Leser 

Erster Teil, IV bis VI

Dieses Thema im Forum "Leserunde "Der Fremde" von Albert Camus" wurde erstellt von supportadmin, 23. Juni 2018.

  1. supportadmin

    supportadmin Administrator

    Registriert seit:
    29. Oktober 2013
    Beiträge:
    2.180
    Zustimmungen:
    2.050
    Leserunde "Der Fremde" von #albert camus , erster Teil, IV bis VI
     
  2. Querleserin

    Querleserin Platin Mitglied

    Registriert seit:
    30. Dezember 2015
    Beiträge:
    2.529
    Zustimmungen:
    3.797
    Die Distanz bleibt - doch die Ereignisse überschlagen sich, obwohl man das aufgrund der Erzählweise nicht so wahrnimmt.
    Die "Freundschaft" mit Raymond ist mir suspekt. Warum unterstützt er dessen gewalttätiges Verhalten? Selbst wenn dessen Freundin ihn betrogen hat, ist das Grund sie zu verprügeln.
    Erhellend ist auch die Reaktion auf das Angebot seines Arbeitgebers nach Paris zu ziehen:
    Ich habe ja gesagt, daß es mir im Grunde aber egal wäre.
    (52)
    Ähnlich gleichgültig fällt seine Reaktion auf Maries Wunsch zu heiraten aus. Es ist ihm egal und für ihn ohne Belang. Die Ehe hat keine Bedeutung. Ohne Rücksicht auf ihre Gefühle sagt er, was er denkt.

    Anzeichen von Gefühlen zeigt er beim Verschwinden des Hundes, als er den Alten weinen hört:
    Und an dem eigentümlichen leisen Geräusch, das durch die Zwischenwand drang, habe ich erkannt, daß er weinte. Ich weiß nicht , warum ich an Mama gedacht habe.
    (49/50)
    Das Ende dieses Abschnittes hat mich wie ein Paukenschlag erwischt: Mit diesem Mord habe ich überhaupt nicht gerechnet.
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 3
    • List
  3. Helmut Pöll

    Helmut Pöll Moderator

    Registriert seit:
    9. Dezember 2013
    Beiträge:
    5.940
    Zustimmungen:
    6.984
    Ja, das ist eigenartig. Andere scheinen für ihn überhaupt nicht zu existieren. Ich meine mal irgendwo gelesen zu haben, dass Mersaults Verhalten auch auf Autismus oder Asperger hindeuten könnte.
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 4
    • List
  4. Querleserin

    Querleserin Platin Mitglied

    Registriert seit:
    30. Dezember 2015
    Beiträge:
    2.529
    Zustimmungen:
    3.797
    Das wäre eine gute Erklärung für sein Verhalten. In meiner Ausgabe ist im Klappentext eine Interpretation Camus abgedruckt, in der er erklärt, sein Protagonist sage immer die Wahrheit - ohne Rücksicht auf andere zu nehmen. In der Szene mit Marie mutet dies trotzdem seltsam an. Es scheint, als könne er keine Gefühle empfinden. Womit wir beim Asperger- Autismus sind.
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 3
    • List
  5. Helmut Pöll

    Helmut Pöll Moderator

    Registriert seit:
    9. Dezember 2013
    Beiträge:
    5.940
    Zustimmungen:
    6.984
    Raymond ist ein völlig unsozialer Typ. ich frage mich auch was mwersault an dem findet, außer er ist vielleicht ähnlich gestrickt.

    Auch der Alte in der Nachbarschaft, der ständig seinen Hund verprügelt und dann traurig ist, als er weg ist, ist schon eien seltsame Gestalt.
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 2
    • Stimme zu Stimme zu x 1
    • List
  6. Helmut Pöll

    Helmut Pöll Moderator

    Registriert seit:
    9. Dezember 2013
    Beiträge:
    5.940
    Zustimmungen:
    6.984
    Die Szene am Strand besiegelt sein Schicksal...
    Spoiler anzeigen
    Wenn Mersault in der irrigen Annahme geschossen hätte, der andere ginge mit einem Messer auf ihn los, hätte man angesichts der blendenden Sonne vielleicht sogar mildernde Umstände für ihn geltend machen können.

    Aber dass er auf den leblosen Körper noch viermal schießt, das ist mir völlig unerklärlich.
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 2
    • Stimme zu Stimme zu x 2
    • List
  7. Querleserin

    Querleserin Platin Mitglied

    Registriert seit:
    30. Dezember 2015
    Beiträge:
    2.529
    Zustimmungen:
    3.797
    Die Szene kommt völlig unvermutet und unmotiviert. Ich bin aus allen Wolken gefallen.
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 1
    • Stimme zu Stimme zu x 1
    • List
  8. Leseglück

    Leseglück Aktives Mitglied

    Registriert seit:
    7. Juni 2017
    Beiträge:
    501
    Zustimmungen:
    830
    Man kann den Protagonisten Meursault natürlich als Mensch ohne Empathie beschreiben, also jemand mit Asbergersyndrom. Aber ich lese es anders. Camus ist ja Philosoph, genauer Existenzialist. Der Roman lässt das Lebensgefühl eines Existenzialisten (das ich übrigend gut nachvollziehen kann) lebendig werden.
    Wir suchen Sinn und Orientierung in unserem Leben - aber wenn man ganz nüchtern auf unser Leben schaut gibt es weder Gerechtigkeit noch Sinn. Eigentlich ist nichts wirklich von Bedeutung. Dies zu erkennen und trotzdem zu leben, das ist das "Absurde" das es auszuhalten gilt.

    Diese Grundhaltung wird immer wieder von Meursault geäußert: Er wird von Raymond gefragt ob er sein Kumpel sein will - es ist M. egal. Er wird von seinem Chef gefragt ob er nach Paris gehen möchte, ob ihn eine Änderung im Leben nicht reizen würde. M. antwortet: "Ich habe geantwortet, dass man sein Leben nie änderte, dass eins so gut wie das andere wäre..." Als er sein Studium aufgeben musste sei ihm klar geworden, dass "alles ohne wirklichen Belang ist." Auch ob er Marie heiratet oder nicht hat keine Bedeutung usw.

    Was mir nicht gefällt ist aber folgendes: M. findet Raymond interessant. Er setzt sich ja aktiv für ihn ein, für einen Zuhälter und Schläger!...er schreibt den Brief für ihn, er lügt für ihn bei der Polizei, nimmt seine Einladung an und nimmt ihm die Pistole ab, damit R. den Araber nicht erschießt. Ich finde das widerspricht seiner "Egalhaltung"

    Anderseits gefällt mir die Art wie Camus eine starke Distanz zu dem Protagonisten herstellt. @Querleserin schreibt, dass im Perfekt erzählt wird. Das ist mir gar nicht so aufgefallen. Aber stimmt. Ich denke dass dadurch auch Distanz geschaffen wird. Es entsteht so der Eindruck, dass M. nicht handelt, sondern dass alles nur geschieht, ohne willentlichen Entschluss.

    Die Szene am Stand vor dem Mord ist gut beschrieben fand ich: "Bei jedem Lichtschwert, das aus dem Sand emporgeschossen kam, aus einer gebleichten Muschel oder einer Glasscherbe, verkrampften sich meine Kiefer. Ich bin lange gegangen." Ein schöner Satz um Lebensschmerz auszudrücken.

    Dann schießt er auf den Araber - ohne eigentlich eine entsprechende Entscheidung getroffen zu haben. Dann schießt er noch viermal auf den leblosen Körper. "in den die Kugeln eindrangen, ohne dass man es ihm ansah."
    Selbst das Töten, das Sterben usw. sind ohne Belang! Eine radikale Haltung. Man darf ja nicht vergessen, dass das noch während des zweiten Weltkrieges geschrieben wurde. Da kann ich die Haltung gut verstehen wenn alles Absurd erscheint.
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 3
    • List
  9. Querleserin

    Querleserin Platin Mitglied

    Registriert seit:
    30. Dezember 2015
    Beiträge:
    2.529
    Zustimmungen:
    3.797
    @Leseglück: Deine Analyse ist sehr erhellend und gut nachvollziehbar. Obwohl die Haltung sehr radikal ist, kann ich es jetzt besser verstehen!
     
    • Stimme zu Stimme zu x 1
    • List
  10. Literaturhexle

    Literaturhexle Moderator

    Registriert seit:
    2. April 2017
    Beiträge:
    5.815
    Zustimmungen:
    6.866
    Ich bin @Leseglück auch sehr dankbar für Ihre gekonnte Analyse. Nun habe ich auch eine Idee davon, was ein Existenzialist ist. Der Begriff ist mir schon begegnet- aber ohne Inhalt.

    Ich finde das Personal des Buches sehr eigenartig. Diese drei Männer auf der Etage sind alle völlig gefühlsarm. Sie reagieren völlig überzogen. Die Frau, die heimlich Armbänder verpfändete, hat den einen Nachbarn dadurch "betrogen", was skurrile Strafmaßnahmen rechtfertigt.

    Der Hundebesitzer braucht den Hund, um ihn zu prügeln und sich anschließend besser zu fühlen. Im Grunde sind die beiden Mitbewohner sich ähnlich.

    Unser Protagonist ist völlig gleichgültig gegenüber allem. Zu Raymond empfindet er schließlich doch so etwas wie Freundschaft. Am Strand tickt er dann völlig aus. Als wenn er sich der Konsequenz gar nicht Klar ist... Das würde ja wieder zu der Existenzialisten-theorie passen. Ich tue, was ich meine, alles hat keine Bedeutung. Die Folgen, die die Gesellschaft mir aufzwingt, sind ebenso egal wie alles andere.

    Für mich ist dieser (zum Glück kleine) Roman eine typische Schullektüre. Bestimmt steckt da irrsinnig viel drin.
    Aber es kommt bis jetzt nicht an mich heran! Es liest sich gut, doch ist diese ganze Welt so abstrakt, so kalt. Bin gespannt, was jetzt kommt. Wird Raymond nun unseren Anti-Helden stützen?
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 2
    • List
  11. Helmut Pöll

    Helmut Pöll Moderator

    Registriert seit:
    9. Dezember 2013
    Beiträge:
    5.940
    Zustimmungen:
    6.984
    das sehe ich ganz genauso @Leseglück . Dem Unsympathischsten von allen hilft er. Deshalb tue ich mich auch schwer bei dem Mord "nur" an einen Unfall zu glauben. Wie seht ihr das?
     
    • Stimme zu Stimme zu x 1
    • List
  12. Helmut Pöll

    Helmut Pöll Moderator

    Registriert seit:
    9. Dezember 2013
    Beiträge:
    5.940
    Zustimmungen:
    6.984
    Gleichzeitig fordern die Existenzialisten wie Sartre oder Camus Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und ihm einen Sinn zu geben. Genau das also, was Mersault nicht macht. Er lässt sich mehr oder weniger von den Umständen dahintreiben und kommt unter die Räder.
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 1
    • List
  13. Querleserin

    Querleserin Platin Mitglied

    Registriert seit:
    30. Dezember 2015
    Beiträge:
    2.529
    Zustimmungen:
    3.797
    Mit dem Mord tue ich mir auch schwer. Hätte er nur einmal geschossen, könnte man es noch als belanglos abtun - im Sinne wie es @Leseglück erläutert hat. Warum schießt er auf den leblosen Körper. Es hat alles keinen Sinn? Mir fällt es schwer die Botschaft dahinter zu sehen.
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 1
    • List
  14. parden

    parden Forumlegende

    Registriert seit:
    13. April 2014
    Beiträge:
    3.948
    Zustimmungen:
    3.227
    Das hätte ich fast nach dem ersten Abschnitt geschrieben - dass mich Meursault an einen Asperger-Autisten erinnert... :rolleyes: Aber das wäre wohl zu einfach gewesen - Camus hat mit seiner Figur sicher anderes im Sinn gehabt...
     
    #14 parden, 8. Juli 2018
    Zuletzt bearbeitet: 8. Juli 2018
    • Gefällt mir Gefällt mir x 1
    • List
  15. parden

    parden Forumlegende

    Registriert seit:
    13. April 2014
    Beiträge:
    3.948
    Zustimmungen:
    3.227
    Diese Erläuterung macht den 'Existentialismus' für mich verständlicher. Die Figur des Meursault ist in der Tat sehr konsequent angelegt, was allerdings auch verstörend wirken kann.
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 1
    • Stimme zu Stimme zu x 1
    • List
  16. parden

    parden Forumlegende

    Registriert seit:
    13. April 2014
    Beiträge:
    3.948
    Zustimmungen:
    3.227
    Auch dieser Abschnitt ist nun gelesen, und vor allem das letzte Kapitel war wie in einem Alptraum, aus dem man nicht aufwachen kann. Sehr gut beschrieben, trotz der distanzierten Sichtweise, die gleißende Sonne, die alles wabern, kleben, verschwimmen lässt, unterträgliche Hitze, aus der es kein Entkommen gibt, dazu der Wein, der die Sinne zusätzlich vernebelt - die Szene mit dem Araber: einfach nur bizarr. Alptraum eben. Der liegt da - alleine nun - und bleibt auch liegen, macht keine Anstalten sich zu bewegen, zieht nur das Messer, als Meursault näher kommt, und als die Sonne sich in dem Messer reflektiert und Meursault zusätzlich blendet, schießt der mal eben. So einfach. Und so egal... Das Gericht sieht das sicher anders.
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 2
    • Stimme zu Stimme zu x 1
    • List
  17. Leseglück

    Leseglück Aktives Mitglied

    Registriert seit:
    7. Juni 2017
    Beiträge:
    501
    Zustimmungen:
    830
    Finde ich auch gut beschrieben. Dieses Gehen in der gleißenden Sonne mit den Lichtschwertern die aus den Muscheln kommen und aus dem Messer des Arabers...Er beschreibt dieses qualvolle Gehen in der unbarmherzigen Hitzte ja auch bei der Beerdigung seiner Mutter. Ich lese das als ein Sinnbild für das Leben. Zumindest für ein unglückliches Leben, das Leben als Qual aus dem es kein Entkommen gibt.
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 2
    • List
  18. Leseglück

    Leseglück Aktives Mitglied

    Registriert seit:
    7. Juni 2017
    Beiträge:
    501
    Zustimmungen:
    830
    Ja das habe ich auch so verstanden. "Der Fremde" ist vielleicht ein Anti Held. Oder anders gesagt: Er bleibt in der Erkenntnis sozusagen stecken, dass alles Belanglos und Absurd ist. Die Schlussfolgerungen daraus, die Camus später gezogen hat, also dass jeder seinem Leben selbst einen Sinn geben soll usw. wird in diesem Roman wohl weniger thematisiert - jedenfalls bis jetzt.
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 2
    • List
  19. Literaturhexle

    Literaturhexle Moderator

    Registriert seit:
    2. April 2017
    Beiträge:
    5.815
    Zustimmungen:
    6.866
    Du bist gut! Das passt! Alles einförmig, trostlos.
    Du scheinst wirklich Zugang zu dieser philosophischen Richtung zu haben ;)
    Das kann ich von mir leider nicht behaupten....
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 2
    • List
Die Seite wird geladen...
Die Seite wird geladen...