Ein zufriedener Mann

Maike Grunwald

Neues Mitglied
6. Oktober 2014
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Berlin
www.maikegrunwald.com
Ich bin neu hier und kommentiere einfach mal von der Leber weg :)

Der Erzählband hat mir aus mehreren Gründen sehr gut gefallen, unter anderem wegen der Zusammenstellung. Die Kurzgeschichten sind sehr unterschiedlich und passen trotzdem gut zusammen, auch die Reihenfolge finde ich gelungen: Ich habe das Buch von Anfang bis Ende linear durchgelesen, was ich normalerweise bei Erzählbänden nicht tue.

Zu meinen Lieblingsgeschichten gehören "Freundin", die ich schon kannte, aber gerne wieder gelesen habe, und "Draußen". Letztere fand ich sehr amüsant, obwohl es ja um eine Frau mit einer Angststörung geht. Allerdings wirkt sie nicht nur wie ein Opfer :) Die Geschichte ist in Form eines E-Mail-Wechsels gehalten. Das heißt, dass nichts objektiv beschrieben wird und die Leserin immer nur den Teil der Informationen bekommt, den die E-Mail-Verfasserin mitteilt. Trotzdem kann man sich die Situation sehr gut vorstellen. Bei Zoe Beck mag ich ja, wie sie die Beziehungen der Akteure darstellt. Das ist in dieser Geschichte auch wieder sehr gut gelungen. Außerdem gefällt mir der Humor - oft böse, aber nicht bösartig.
 

Inge Luett

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28. September 2014
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Schweiz
Was mir an diesem Erzählband besonders gut gefallen hat beim ersten Lesen, sind die vielen unterschiedlichen Stimmungsbiotope. Deren Bewohner empfinde ich als alles andere als austauschbar, wer sich beispielsweise auf Helgoland nicht wohlfühlt, dem muss noch lange nicht in der Berliner Kunstszene das schönere Scheitern gelingen. Die Zusammensetzung und Anordnung dieses Lesebüffets entlässt mich - bis auf ein Detail - sehr zufrieden aus der virtuellen Speisekammer für den Lesehunger. Das Detail? Die beste Küche ist die, die auch nach einem vielgängigen Menü noch Appetit auf Nachtisch macht. Vulgo: Ich will mehr. Öhm. Ich möchte. Bitte?
 
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Reaktionen: Helmut Pöll

Inge Luett

Neues Mitglied
28. September 2014
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Schweiz
Soderle. Mittlerweile ist mir auch klar geworden, dass es in diesem Ordner nicht um die Gesamtschau auf den Band ging. Okay. Die Bemerkungen zu den einzelnen Erzählungen liefere ich in den nächsten Tagen nach. Versprochen. Ist ja nur Buchmesse.
 

lenisvea

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22. Juli 2014
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Ich fand ihn ja erst noch sympathisch, aber als er sie dann so abwertend einfach nur benutzt und danach beschimpft hat, natürlich nicht mehr. Den Selbstmord fand ich echt tragisch und er lebt sein Leben als zufriedener Mann einfach so weiter ...
 

Renie

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19. Mai 2014
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Essen
renies-lesetagebuch.blogspot.de
Eigentlich führt J. ein angenehmes und zufriedenes Leben. Nur reicht ihm das nicht aus, zumal es auch nicht das Leben ist, das er sich ausgesucht hat, sondern das seine Frau ihm auferlegt hat. Er hat allerdings seinen eigenen Traum vom Glück und den versucht er um jeden Preis zu leben .
An der Stelle habe ich mich schwer getan. Denn wie kann jemand etwas so Banales wie ein Bild zum Anlass nehmen und sein Leben komplett aus dem Ruder laufen lassen? Das ist für mich schwer nachvollziehbar.
 

parden

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13. April 2014
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Niederrhein
www.litterae-artesque.blogspot.de
Diese Geschichte wirkte eher wie ein Kunstmärchen auf mich, klar, ohne Happy End, aber doch irgendwie so distanziert wie 'Es war einmal' erzählt. Alleine schon die Stelle '...und beschlossen, nicht mehr einfach nur zufrieden, sondern glücklich zu sein.' geht doch schon in diese Richtung? Auch der Satz 'Das Renoir-Gemälde war aus dem Rahmen getreten und tanzte für ihn' passt für mich in diese Richtung...
Märchen in der heutigen Zeit? Dann haben die sich doch wohl auch den heutigen Gegebenheiten anzupassen. Mobbing, Stalking, sein eigenes Glück über das anderer zu stellen ohne Rücksicht auf Verluste - für mich hält Zoe Beck eher der heutigen Gesellschaft und dem Werteverfall den Spielgel vor. Klar ist der Typ unsympathisch, und zum Glück kann sich von uns Lesern wohl keiner vorstellen, sich derart zu verhalten - aber gibt es nicht genügend Menschen, die tatsächlich über Leichen gehen? Begegnen uns die nicht täglich in Zeitung und TV? Und wo sind die, die für ihr Handeln noch Verantwortung übernehmen oder sich auch nur verantwortlich fühlen? Ich finde die Geschichte klasse, für mich steckt da echt viel drin.

Interessant fände ich es zu wissen, in welchem Kontext die einzelnen Geschichten des Buches entstanden sind. Einfach so? Oder gab es ein Thema, mit dem Zoe Beck sich da gerade beschäftigte?
 

Mile

Autor
15. März 2014
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Schleswig-Holstein
www.andre-milewski.de
Meiner Meinung nach die beste Geschichte in diesem rundum gelungen Band. Zuerst hatte ich noch Sympathien für J. Aber je mehr er sich in seinen Wahn hineinsteigerte und rücksichtsloser handelte, desto widerlicher fand ich ihn. Das Ende war dann irgendwie erwartbar, was es aber nicht weniger bedrückend machte.
 

utaechl

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28. Mai 2014
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Ein Mann, der seine Position ausnutzt, um sich seiner Traumfrau zu nähern, erfahren muss, dass der Zauber schnell vergeht und im Endeffekt unbeschadet aus der Geschichte herauskommt. Oder doch ein Stalker, der eine junge Frau in den Tod treibt? Es ist seltsam die Geschichte aus der Sicht des Mannes zu lesen, normalerweise liest man eher die Opfersicht.
 

beck_zoe

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2. Oktober 2014
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Berlin, Germany
www.zoebeck.net
zur frage, in welchen kontexten die geschichten entstanden sind: die sind alle für verschiedene anthologien geschrieben worden. manchmal gab es so etwas wie eine ortsvorgabe, bsp. helgoland (wo ich jetzt inselverbot habe ;) ), aber sonst hatte ich keine vorgaben.
 

Inge Luett

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28. September 2014
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Schweiz
Zum Glück ist der Erzählton so genau gewählt, dass ich mich herrlich darüber aufregen kann: Dreimal „hatte“ in zwei aufeinander folgenden Sätzen? Grammar is a bitch. Und ich mag eben keine zu engen Wortwiederholungen. Aber diesem Joachim Hartmann wären sie wohl nie aufgefallen. Ich sehe also: Ungenauigkeit ist in diesem Fall die perfekte Genauigkeit.

Dieser zufriedene Mann führt sein Leben als Folge von Konsequenzen. Eins ergibt das andere, alles ist logisch, rational. Und so steht „man“ wieder im Standesamt, auch wenn der erste Versuch genügt hatte. Wer alles so macht, wie „man“ es eben macht, der ist nicht gewappnet, wenn die Liebe im Raum steht. Der spürt sie vielleicht, aber hat keine Worte dafür.

Der saugt dafür alles ein, was die Person sagt, die sein Bild ersetzt, doch das hat für ihn keine Folgen. Der sieht, dass der Blick aus dem Bild in die Weite geht und nicht auf ihn. Der muss dann eben für die gewünschten Konsequenzen selbst sorgen. Denn erst dann kann er wieder zufrieden sein. Logisch. Und alles zusammen ergibt eine weitere hinreißend böse Geschichte.