Literaturhexle

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Dieser Abschnitt ist verhältnismäßig kurz. Hier scheint es zum Bruch zu kommen: bis jetzt versuchte unser Protagonist ja, anständig zu bleiben.
Er verdingte sich als Händler. Stolz präsentiert er seinem Kumpel Otto Lüders 20 Mark, die er einer Witwe abgenommen hat. Er deutet an, dass amouröse Dienstleistungen eine Rolle gespielt haben. Seine Waren hat er dort gelassen.
Das nutzt Otto aus, geht am nächsten Tag zu der Dame, schüchtert sie ein und holt Franzens Waren ab...

Der Betrug kommt durch einen Brief ans Licht (dessen Inhalt wir nicht erfahren). Franz lässt alles hinter sich und taucht ab.
Diese radikale Reaktion ist für mich bisher nicht nachvollziehbar. Hat die Frau sich das Leben genommen? Was hat sie in dem Brief geschrieben? So zart besaitet ist Franz doch gar nicht.
 
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Querleserin

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Wadern
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Franz lässt alles hinter sich und taucht ab.
Diese radikale Reaktion ist für mich bisher nicht nachvollziehbar. Hat die Frau sich das Leben genommen? Was hat sie in dem Brief geschrieben? So zart besaitet ist Franz doch gar nicht.
Für Franz ist es die Vertreibung aus dem Paradies. Er hat Otto vertraut, will anständig bleiben, hat eine neue Liebe (?) gefunden und wird verraten.
Die Vertreibung wird thematisiert - im letzten Buch gab es immer wieder Bibelhinweise zur Schöpfungsgeschichte und jetzt taucht die Schlange auf und spricht mit Adam und Eva. (Heute durch die Brust geschossen)
Auch die Hinweise des auktorialen Erzählers (Kommentare in Klammern) deuten darauf hin, dass etwas "gestorben" ist:
["Tot. Von Erde bist du gekommen, zu Erde sollst du wieder werden."]
Sein Vertrauen in die Anständigkeit ?
Und immer wieder dieser Kinderreim: "Mit den Händchen klapp, klapp, klapp, mit den Füßchen trapp, trapp, trapp"
Soll der seine Unschuld symbolisieren? Sein Wunsch nun anständig zu bleiben?
Jedenfalls hat Franz seinen ersten Schlag erhalten - seine erste Prüfung, was mein Eindruck wieder verstärkt, dass er sozusagen ein Exempel ist, das sozusagen statuiert werden soll ;)

Erzähltechnisch interessant ist, dass wir als Leser*innen auch die Innensicht Otto Lüders erfahren. Als er zur Witwe geht, um ebenfalls ein sexuelles Abenteuer mit ihr zu erleben, geht die erlebte Rede (Gedanken aus der Er-Perspektive) über in den inneren Monolog (Gedanken in der Ich-Perspektive).
"Dann er rasch die Elsasser runter. Richtig, das ist die Nummer Vielleicht war Franz schon oben. Was die Leute alle ruhig die Straße entlang gehen. Ich stell mich erst ein bißchen in den Hausflur."

Die Montagetechnik erstreckt sich auf die Erzählweise - gefällt mir gut ;)
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Für Franz ist es die Vertreibung aus dem Paradies. Er hat Otto vertraut, will anständig bleiben, hat eine neue Liebe (?) gefunden und wird verraten.
Das ist genau richtig! Ich habe mittlerweile auch ein bisschen recherchiert, weil ich die Buch-konstruktion so hervorragend finde. Die Vertreibung aus dem Paradies ist eines der Motive. Und die Versuchung spielt auch immer wieder eine Rolle.
Es ist in der Tat so, dass man das Buch mehrfach lesen müsste. Da ist keine Anspielung, kein Versatzstück überflüssig oder unbedacht!
 

MRO1975

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Der Betrug kommt durch einen Brief ans Licht (dessen Inhalt wir nicht erfahren). Franz lässt alles hinter sich und taucht ab.
Diese radikale Reaktion ist für mich bisher nicht nachvollziehbar.
Die Reaktion fand ich auch etwas heftig. Aber Franz Vorhaben, anständig zu bleiben, ist halt schwer einzuhalten, wenn man selbst vom Kollegen hintergangen wird.
 

kingofmusic

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30. Oktober 2018
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Kurz und schmerzloser Abschnitt mit viel Inhalt und wieder leichter zu lesen als der vorherige.
Vielleicht erfahren wir als Leser*innen ja noch, was in dem Brief stand. Franz wird aber seine Gründe haben.
Vielleicht hat er aber auch Lina gegenüber ein schlechtes Gewissen wegen dem "Seitensprung" und will nicht, dass sie es herausfindet, wenn sie eventuell den Brief in die Finger bekommt - sofern es Inhalt des Briefes ist :cool:.
Trotz der Schwierigkeiten im zweiten Teil bin ich froh, mit euch das Buch zu lesen und zu entdecken. Jede Sichtweise hat ihre Berechtigung!
 

ElisabethBulitta

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8. November 2018
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Wer Lüders zum Freund hat, braucht keine Feinde.
Interessant finde ich die Verbindung zur Vertreibung aus dem Paradies. Und jetzt, wo ich drüber nachdenke, passt auch der Kinderliedervers, der immer wiederkehrt, dazu?

Der Sündenfall und die damit verbundene Vertreibung aus dem Paradies wurde und wird oft missbraucht. Aber: Gibt die Vertreibung dem Menschen nicht auch Freiheit? Mündigkeit? Es gibt natürlich unterschiedliche Interpretationsansätze: Kinder sind abhängig von ihren Eltern, der Mensch im Paradies war abhängig von Gott. Ein autonomes, selbstbestimmtes Leben war im Paradies nicht möglich. Außerdem würde es Stillstand bedeuten.
Ach ja: Der Liedvers als Zeichen, dass man wenig erwachsen ist?
Ich hoffe jedenfalls, dass Biberkopf sich durch seine negativen Erfahrungen weiterentwickelt.
 

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