Autoren und das Gießkannen-Prinzip

Helmut Pöll

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Als Gründer und Betreiber einer Leseplattform macht man Erfahrungen, die man ansonsten in derselben Form sicher nicht machen würde. Als Gründer und Betreiber einer Leseplattform braucht man in jedem Fall ein sehr großes Email-Postfach. Hätte es eine Normalgröße, würde es nämlich schnell überlaufen. Wodurch überlaufen? Durch die vielen auf Verdacht zugeschickten Emails mit Ebooks im Anhang, manchmal mehrere MB groß.

Bei den ersten wenigen Fällen habe ich mich gewundert. Eine Stimme in meinem Kopf fragte aber damals schon: was soll ich denn mit unverlangt zugeschickten E-Books? Sind das vielleicht Irrläufer? Manchmal beantwortet die Zeit solche Fragen von selbst. Es waren keine Irrläufer. Manche dieser Emails kamen und kommen im Rhythmus von 14 Tagen, entwickelten sich also zu einer Art Lese-Abo. Würde ich in ein Gespräch über E-Book-Flatrates verwickelt, über die viele so erbittert diskutieren, müsste ich kleinlaut zugeben: ich habe schon eine. Zu meiner Verteidigung könnte ich aber anführen, dass ich sie nicht gewollt habe und immer noch nicht will. Ein überschaubares Postfach wäre mir lieber. Und vielleicht würde ich sogar mit gewissen Schuldgefühlen sagen, dass ich egoistischerweise eigentlich nur Bücher lese, die ich mir selber aussuche oder Bücher, über die andere Leser auf der Plattform diskutieren und damit mein Interesse wecken.

Bei mir funktioniert dieses Gießkannen-Prinzip irgendwie nicht. Funktioniert es überhaupt? Ich habe da meine Zweifel. Facebook, Twitter, Lovelybooks, Goodreads, der eigene Blog wollen jeden Tag gepflegt sein. Die Zeit wird immer knapper. Aber bringt dieses immer Mehr auch immer mehr an messbarem Resultat, wenn Autoren atemlos durch das Internet hetzen und dankbar jede neue Gelegenheit nutzen um ihre Buchlinks zu streuen? Ich weiss nicht.

Das läuft dann nach meiner Beobachtung oft überspitzt so. Ich bin Autor. Ich bin froh hier zu sein. Ich bin so glücklich, dass seit gestern mein neues Buch da ist. Ich würde Euch dieses Buch jetzt sehr gerne vorstellen. Ich hoffe, dass ich Euer Interesse wecken konnte und es hier viel gelesen, diskutiert und gekauft wird. Wiedersehn. Leider habe ich keine Zeit mit Euch zu diskutieren, liebe Leser. Leider warten noch unzählige andere, ähnliche Seiten auf mich, für die ich eigentlich auch keine Zeit habe. Kauft das Buch. Würde mich freuen. Dann ist der Wirbelwind schon wieder weiter gezogen.

Manchmal habe ich deshalb den Eindruck, dass manche Autoren irgendwie zwingend davon ausgehen, dass solche Blitzbesuche zu exstatischen Lesermassen und explodierenden Buchverkäufen führen würden, als sei der Leser eine exotische, ausgehungerte Spezies, die mangels Angebot händeringend nach etwas Lesbarem sucht und sich deshalb dankbar und jubelnd sofort auf alles Angebotene stürzt. Meine Beobachtung nach ist das aber nicht so. Vielleicht irre ich mich aber auch.

Was würden wir wohl von einem Verkäufer bei Saturn halten, der im Laufschritt an uns vorbei kommt und, sich schon wieder entfernend, zuruft: kaufen sie die Samsung Stereoanlage, die ist gut! Ja, kann sein, wenden wir ein, aber sie wissen doch noch gar nicht, was ich will. Ich will gar keine Stereoanlage, rufen wir ihm hinterher, sondern ein Telefon. Und dazu hätte ich noch ein paar Fragen. Fragen? Keine Zeit, ruft er zurück, schon fast ausser Sichtweite: nehmen Sie die Samsung, beste Stereoanlage, die sie kriegen können.
 
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Hallo @Helmut Pöll,

ich bin gerade auf diesen Beitrag von Dir gestoßen und finde ihn ebenfalls sehr ansprechend.

Das Witzige ist, dass man zunächst vielleicht wirklich davon ausgeht, dass kleine Stippvisiten völlig ausreichen, das Interesse unzähliger Leser zu wecken.

Ich hatte anfangs selbst gar keine Vorstellung davon, was mich erwartet und habe mit allem und gar nichts gerechnet. Dies liegt aber vermutlich auch daran, dass ich mich bisher von sozialen Netzwerken im Internet weitestgehend ferngehalten hatte (und mir so generell die Erfahrung fehlte).

Daher ist der Vergleich mit dem Saturn-Verkäufer durchaus angebracht und gar nicht so abwegig (wenn auch recht amüsant :)).
 

Chiawen

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Lieber @Helmut Pöll ,
du bist da aber nicht alleine mit einem überquillendem Postfach^^.
Als Blogger kommt da auch einiges zusammen. Dabei lasse ich mal außen vor, was ich selber abonniert habe um von Verlagen, Autoren und Blogs her auf dem neusten Stand zu blieben.
Das ich Rezensionsanfragen bekomme ist ganz logisch und auch gewollt. Nur das wie trifft nicht immer den Ton. Da fühle ich mich so wie du es in dem Beispiel beschrieben hast. Nur das ich ja quasi ein Schild um den Hals trage, auf dem steht was ich möchte. Man muss sich nur kurz auf meinem Blog umschauen und man weiß, was ich lese.
 

Helmut Pöll

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das war irgendwie naheliegend, dass es Dir als Rezensentin ähnlich geht, @Chiawen
Man muss sich nur kurz auf meinem Blog umschauen und man weiß, was ich lese.
Und das passiert eben scheinbar nicht, weil wer nach dem Schneeballprinzip einfach verteilt, der macht sich in der Regel nicht die Mühe individuell abzuklären, was gewünscht ist und was nicht.
 

Chiawen

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das war irgendwie naheliegend, dass es Dir als Rezensentin ähnlich geht, @Chiawen

Und das passiert eben scheinbar nicht, weil wer nach dem Schneeballprinzip einfach verteilt, der macht sich in der Regel nicht die Mühe individuell abzuklären, was gewünscht ist und was nicht.

Ja leider, selbst bei einigen "individuellen" Mails ist das so. Ich bin davon ausgegangen, dass sich der Autor meinen Blog angeschaut hat. Denn die Mail war mehr als nur ein Standardtext. Doch in einer Bloggergruppe viel dann auf, dass eben diese "persönliche" Mail an so gut wie jeden Blogger, der Thriller liest, raus gegangen ist.
Bei kleinen Blogs zieht das vllt noch, weil da noch nicht so viele Rezensionsanfragen anfallen. Aber irgendwann fängt man an auszusortieren.

Schlimmer finde ich aber die Werbemaßnahmen im SocialMedia-Bereich. Klar gibt es da auch richtig gute, aber das meiste nervt einfach nur.
 
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ElsaRieger

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Lieber Helmut, deine Betrachtung spricht mir sowas von aus der Seele! Ich bemühe mich wirklich, keine nackten Links - nach dem Motto: Friss oder stirb, Leser - in den Social Networks zu verteilen. Denn diese kann ich schon gar nicht ab. Aber auch mit Leseproben/Beschreibungen etc.pp habe ich nicht den Eindruck, dass mir das irgendwas bringt für meine Bücher. In den FB-Gruppen finden sich schließlich hauptsächlich Autoren wie ich. Die wollen ja meine Bücher garnicht haben, die wollen natürlich ihre Bücher an den Leser bringen. Ich werde nun etliche dieser Gruppen, die nur belasten, verlassen, denn sie bringen nix.Und deinen Beitrag teilen!

Liebe Grüße
ELsa
 

Tiram

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Ich bin glücklicherweise von solchen Angeboten verschont, obwohl ich schon die ein oder andere Anfrage bekommen habe. Allerdings bin ich auch nicht so vernetzt.
Aber auch ich finde diese Werbeflut ätzend und für den Autoren eher kontraproduktiv, da ich mich dann ruck zuck davon abwende. Über Facebook habe ich mal versucht, mich dem ein oder anderen Autoren zu nähern, bin dann aber gleich mit privaten Nachrichten eingedeckt worden.
Auch wird jede FB-Gruppe von ihnen gesprengt, sodass sich die Leser zurückziehen und die Autoren sich nur noch gegenseitig bewerben.
Fazit: Sie vergraulen sich damit potenzielle Leser.
 

Helmut Pöll

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Lieber Helmut, deine Betrachtung spricht mir sowas von aus der Seele! Ich bemühe mich wirklich, keine nackten Links - nach dem Motto: Friss oder stirb, Leser - in den Social Networks zu verteilen. Denn diese kann ich schon gar nicht ab. Aber auch mit Leseproben/Beschreibungen etc.pp habe ich nicht den Eindruck, dass mir das irgendwas bringt für meine Bücher. In den FB-Gruppen finden sich schließlich hauptsächlich Autoren wie ich. Die wollen ja meine Bücher garnicht haben, die wollen natürlich ihre Bücher an den Leser bringen. Ich werde nun etliche dieser Gruppen, die nur belasten, verlassen, denn sie bringen nix.Und deinen Beitrag teilen!

Liebe Grüße
ELsa
Danke @ElsaRieger , für Deinen netten Kommentar und für's teilen. Meine Erfahrung teil sich mit Deiner, dass dieses wilde Link posten zu nichts führt ausser zu frustrierten Lesern.
 
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Helmut Pöll

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9. Dezember 2013
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In den FB-Gruppen finden sich schließlich hauptsächlich Autoren wie ich. Die wollen ja meine Bücher garnicht haben, die wollen natürlich ihre Bücher an den Leser bringen. Ich werde nun etliche dieser Gruppen, die nur belasten, verlassen, denn sie bringen nix.Und deinen Beitrag teilen!

Liebe Grüße
ELsa
Das war auch meine Beobachtung, @ElsaRieger , dass in vielen FB Foren viele Autoren auf die Vorzüge ihrer Werke aufmerksam machen wollen und dabei vielleicht gar nicht realisieren, dass die anderen um sie herum gar keine Leser sind, die sich für ihre Bücher interessieren könnten, sondern ebenfalls Autoren, die darauf hoffen endlich selber zu Wort zu kommen.
 
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