Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Frederik Weitz

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21. März 2014
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frederikweitz.blogspot.de
Ich habe mir vor etwa zwei Jahren mal die Gesamtausgabe gekauft. Und dann den ersten von sieben Bänden in einem Rutsch durchgelesen. Ein unglaubliches Werk mit ganz neuen Arten zu erzählen, zu beschreiben, einen Text zu gestalten.
Statt des Inhalts (der zunächst langweilig erscheint) zitiere ich lieber eine der wunderbaren Stellen aus diesem Werk:
Im vorhergehenden Jahr hatte er bei einer Abendgesellschaft eine Komposition für Geige und Klavier gehört. Zunächst hatte ihn nur der materielle Reiz der von den Instrumenten entsandten Töne entzückt, und es war bereits ein großer Genuß für ihn gewesen, als er wahrnahm, wie sich unter der leise, aber beharrlich und gedrängt führenden Stimme der Geige mit tröpfelndem Plätschern plötzlich die vielgestaltigen, doch miteinander verbundenen Stimmen des Klavierparts zu erheben suchten, flach ausgebreitet, aber bewegt wie die malvenfarbene, vom Mondschein verzauberte und in eine weichere Tonart versetzte Erregung der See. Von einem gewissen Augenblick an aber hatte er, ohne daß er, was ihm eigentlich so gefiel, deutlich sich abzeichnen sah oder hätte benennen können, wie verzaubert das Thema oder die Harmonie — er wußte es selber nicht — festzuhalten versucht, die an sein Ohr drang und ihm die Seele auftat, so wie gewisse Rosendüfte in feuchter Abendluft die Eigenschaft haben, die Nasenflügel zu weiten. Vielleicht war es, weil er von Musik nichts verstand, daß er einen so unklaren Eindruck haben konnte, einen jener Eindrücke jedoch, die vielleicht die einzigen rein musikalischen sind, da sie an keine Dimension gebunden, völlig ursprünglich und auf keine andere Kategorie von Sinneseindrücken zurückführbar sind. Ein Eindruck dieser Art ist einen Augenblick lang sozusagen »sine materia«.​
Ist das nicht wunderbar?
Und so ist das ganze Werk geschrieben. Sehr sinnlich und zugleich sehr philosophisch.
 
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Helmut Pöll

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Danke, @Frederik Weitz , für die Erinnerung. Ich habe mir Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" auch vor langer Zeit gekauft und erinnere mich immer wieder gerne an eine Liebe von Swann. Proust als Person tut mir natürlich aufgrund einer gewissen Lebensuntüchtigkeit ziemlich leid.
 
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Ich habe mir vor etwa zwei Jahren mal die Gesamtausgabe gekauft. Und dann den ersten von sieben Bänden in einem Rutsch durchgelesen. Ein unglaubliches Werk mit ganz neuen Arten zu erzählen, zu beschreiben, einen Text zu gestalten.
Statt des Inhalts (der zunächst langweilig erscheint) zitiere ich lieber eine der wunderbaren Stellen aus diesem Werk:
Im vorhergehenden Jahr hatte er bei einer Abendgesellschaft eine Komposition für Geige und Klavier gehört. Zunächst hatte ihn nur der materielle Reiz der von den Instrumenten entsandten Töne entzückt, und es war bereits ein großer Genuß für ihn gewesen, als er wahrnahm, wie sich unter der leise, aber beharrlich und gedrängt führenden Stimme der Geige mit tröpfelndem Plätschern plötzlich die vielgestaltigen, doch miteinander verbundenen Stimmen des Klavierparts zu erheben suchten, flach ausgebreitet, aber bewegt wie die malvenfarbene, vom Mondschein verzauberte und in eine weichere Tonart versetzte Erregung der See. Von einem gewissen Augenblick an aber hatte er, ohne daß er, was ihm eigentlich so gefiel, deutlich sich abzeichnen sah oder hätte benennen können, wie verzaubert das Thema oder die Harmonie — er wußte es selber nicht — festzuhalten versucht, die an sein Ohr drang und ihm die Seele auftat, so wie gewisse Rosendüfte in feuchter Abendluft die Eigenschaft haben, die Nasenflügel zu weiten. Vielleicht war es, weil er von Musik nichts verstand, daß er einen so unklaren Eindruck haben konnte, einen jener Eindrücke jedoch, die vielleicht die einzigen rein musikalischen sind, da sie an keine Dimension gebunden, völlig ursprünglich und auf keine andere Kategorie von Sinneseindrücken zurückführbar sind. Ein Eindruck dieser Art ist einen Augenblick lang sozusagen »sine materia«.​
Ist das nicht wunderbar?
Und so ist das ganze Werk geschrieben. Sehr sinnlich und zugleich sehr philosophisch.

Hallo, Frederik,
auch ich habe alle sieben Bände von Proust und davon habe ich fünf geschafft. Allerdings nicht in einem Rutsch, sondern verteilt auf ein paar Jahre. Einmal habe ich die Reihenfolge nicht eingehalten und hatte BD 4 vorangestellt, sonst wäre ich nicht weitergekommen. Im Dezember lese ich BD 5 und im Frühjar BD 7. Von jedem Band habe ich viele Buchbesprechungen geschrieben. Komme also gut rein, selbst wenn ich einen Band übersprungen habe.

Ich finde Proust auch total interessant, auch wenn er viele seiner Themen in die Länge zieht. Nicht alles fand ich nicht wirklich interessant. Man muss viel Zeit mitbringen, wenn man ihn lesen möchte.
 

Tiram

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Ich denke nicht, dass ich mir Proust jemals vornehmen werde. Aber ich lese ja mit Interesse Deine Besprechungen, Momo :reader6 (Jetzt kann ich endlich mal meinen Lieblingssmiley anbringen, hihihi)
 
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Ich denke nicht, dass ich mir Proust jemals vornehmen werde. Aber ich lese ja mit Interesse Deine Besprechungen, Momo :reader6 (Jetzt kann ich endlich mal meinen Lieblingssmiley anbringen, hihihi)

Ja, klar. Bald ist es ja wieder so weit. Vorher muss ich ein paar Tage ausgeruht sein, hihi :D.
 
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Proust als Person tut mir natürlich aufgrund einer gewissen Lebensuntüchtigkeit ziemlich leid.

Hmm, ich bin mir nicht sicher, ob Du da Proust richtig einschätzt, @Helmut Pöll .
Er war ja durchaus ein Gesellschaftstier, vermutlich bis sein Asthma ihn an seine Matratzengruft fesselte, was natürlich vollkommen kontraproduktiv war, allerdings nicht im Hinblick auf sein Werk. Was soll man sich also wünschen?
 
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Also, ich bin nicht weitergekommen mit meinem Proust-Lese-Plan.Ich warte noch auf eine reifere Zeit. Fand ich selbst auch schade, aber erzwingen kann man nichts.
 
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Nee, @Momo, Zwang und Proust sind unvereinbar. Mittlerweile amüsiere ich mich sehr im Salon der Herzogin. Da wird gelästert, was das Zeug hält. Moralisch vollkommen unkorrekt, aber sehr unterhaltsam.
Wer gerne lacht, sollte den 3. Band mal auf Seite 678 aufschlagen und hören, was Madame de Guermantes so alles über ihre Cousine denkt.:D